Abstieg nach PlanSeite 4/4

Wenn er großes Glück hat, will dann der zuständige Abteilungsleiter ausführlich mit ihm am Telefon sprechen. Ein Gespräch hatte er neulich mit jemandem aus Stuttgart, man will sich melden, er hatte auch schon Gespräche mit Leuten in Dortmund und Darmstadt. Der nächste Schritt ist dann die persönliche Einladung. Die kommt noch, hofft Pfeiffer, er hofft seit drei Jahren.

Er ist auch von sich aus zu Firmen gefahren, bewirbt sich als freier IT-Berater für Projekte auf Zeit, besucht Fortbildungen für neue Software, wenn das Arbeitsamt nichts zahlt, dann eben auf eigene Kosten. Er trifft sich mit privaten Arbeitsvermittlern und Headhuntern. Einer hat ihm neulich gesagt, dass man als IT-Berater deshalb höchstens Ende 30 sein dürfe, weil ein 40-jähriger Manager keinen Älteren neben sich dulde, aus Angst, der könne mehr wissen.

Auch Helmut Pfeiffer schämte sich irgendwann, dass er seinen Job verloren hatte. Dass er gezwungen war, ein Bittsteller, Ausgegrenzter, Unerwünschter zu sein. Dass er so alt ist. Er führte endlose Gespräche mit seiner Frau. Er ging auch zu einer Volksdorfer Therapeutin, die ihm ins Gesicht sagte, er sei nun schon der dritte Arbeitslose, der daherkäme, und sie habe darauf keinen Bock mehr.

Schließlich fand er Hilfe bei einem Heilpraktiker. Die Sitzungen muss er privat bezahlen. »Ich denke, dass ich das ab dem neuen Jahr nicht mehr kann.« 1380 Euro Arbeitslosenhilfe bekommt Helmut Pfeiffer im Moment noch, aber bald wird er alle Versicherungen kündigen müssen, Rechtsschutz, Hausrat, Risikoleben, vom neuen Jahr an soll Hartz IV Langzeitarbeitslosen stärker finanziellen Druck machen. Dann muss Helmut Pfeiffer auch die Lebensversicherung auflösen, mit der sie ihre noch nicht sonderlich hohe Rente aufbessern wollten, aber allzu viel hat sich auch da nicht angesammelt; zehn Jahre gut bezahltes Arbeiten reichen nicht, um ein Vermögen aufzubauen. Wie andere es konnten, die schon länger in Volksdorf wohnen, jene unter den ehemaligen Freunden, die lieber auf die Dienste und Demütigungen der Bundesagentur für Arbeit verzichten und die Jahre bis zur rettenden Rente von der Substanz zehren, auf Kosten ihrer Erben.

345 Euro wird Helmut Pfeiffer bekommen, 311 Euro seine Frau. Dazu ein befristeter Zuschlag und die Kosten für eine Wohnung; nur, ihre jetzige ist zu groß für Langzeitarbeitslose. Pfeiffers wurde auf dem Amt gesagt, dass ihnen 45 Quadratmeter für die erste Person und 15 Quadratmeter für die zweite Person zustünden, also 60 Quadratmeter insgesamt – egal ob man in dieser Wohnung nur schläft, isst und trinkt oder auch Bücher hat, einen Computer, vielleicht sogar eine Arbeitsecke, weil man die Hoffnung auf Arbeit noch nicht aufgegeben hat. 348 Euro darf eine solche Wohnung höchstens kosten. »Wo kriegt man eine Wohnung für so einen Preis?«, fragt Helmut Pfeiffer kopfschüttelnd.

Ingrid Pfeiffer ist still geworden. Aber ihren Mann beunruhigt, was passieren wird, wenn es klappen sollte mit einem der Projekte als freier IT-Berater; wenn er sich doch aus der Arbeitslosigkeit abmelden kann. Und wenn dann ein Folgeauftrag fehlt. »Wie komme ich aus der Selbstständigkeit wieder zurück in die Sozialsysteme, die nehmen doch keinen über 55 mehr auf!« Eigeninitiative, Kreativität, sagt Helmut Pfeiffer, und seine Stimme zittert fast unmerklich, sei nicht mehr vorgesehen. »Es wird Ihnen unterstellt, dass Sie willenlos verwaltet werden und einen Job für zwei Euro machen. Ihr Interesse, in den Arbeitsmarkt zurückzugehen, wird Ihnen abgesprochen. Sie sind gefangen in dieser Situation!«

Frau Pfeiffer hat jetzt Tränen in den Augen. »Bevor man kommt und uns auch noch aus unserer Wohnung wirft«, sagt sie, »mache ich Schluss. Da bringe ich mich um.«

 
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