Der schulische Makel
Sie sind 15 Jahre alt und haben vielleicht das wichtigste Jahr ihres Lebens vor sich. Für Annika und Sabrina beginnt die 9. Klasse an einer Hamburger Hauptschule. Wenn sie es nicht auf die Realschule schaffen oder zumindest einen guten Hauptschulabschluss machen, haben sie ihre Zukunft fast verspielt und sind fürs Leben vorbestraft
Einmal, da ist ihr etwas wirklich wichtig gewesen. Da hat sie ihren Rucksack genommen, hat ihr Kopfkissen reingesteckt, das mit dem blau-weißen HSV-Bezug, etwas zu trinken und alles, was sie an Geld besaß. Viel war es nicht, sie war ja auch erst 14. Um die Schule musste sie sich an diesem Tag keine Sorgen machen, die Sommerferien hatten gerade begonnen. Obwohl, um genau zu sein, auch vor den Sommerferien war die Schule nie Annikas* größte Sorge gewesen.
Sie zog die Haustür zu, nahm den Bus, dann die S-Bahn zum Hamburger Hauptbahnhof, fragte nach dem billigsten Ticket nach Dresden, und als die Türen sich schlossen, war sie doch nervös. Aber sie hatte ja eine CD der Ärzte dabei, ihrer Lieblingsband. Da saß sie nun in diesem Zug, und niemand hatte auch nur einen blassen Schimmer, dass sie einfach heimlich einer SMS folgte, die sie von einem Jungen aus dem Internet bekommen hatte.
Als sich die Türen in Dresden wieder öffneten, stand die Bahnpolizei vor Annika. Bist du Annika?, fragte sie. Sie hätte nein sagen können, nein, weil sie nicht zurückwollte – oder wollte sie doch? Nein, weil sie nicht mal einen Personalausweis besaß, den kriegt man erst mit 16. Nein, weil sie bestimmt nicht die Annika war, die die Eltern suchten, die gute Schülerin, die nach der Schule zum Sport geht. Aber welche Annika war sie dann?
Die Eltern waren über das Ausreißen damals fast ein bisschen froh. Vielleicht haben sie deshalb kaum geschimpft. So viel Eigeninitiative hatten sie bei ihrer Tochter schon lange nicht mehr gesehen.
Das alles ist nun ein Jahr her, jetzt ist Annika 15, bald kriegt sie ihren Personalausweis, aber eine Antwort auf die Fragen, wer sie ist und was sie will, haben weder sie noch ihre Eltern gefunden. Man könnte jetzt sagen, das ist doch normal in dem Alter, das war bei uns allen doch genauso, das war schon bei Holden Caulfield, der Romanfigur aus dem Fänger im Roggen, und tausend anderen so. Aber Annika kommt nach den Sommerferien in die neunte Klasse der Hauptschule, die letzte Klasse, und wer da versagt, für den wird es sehr schwer werden, denn er ist fürs Leben vorbestraft.
Man nennt sie in den Medien die »verlorene Generation«, gar die »Generation Kann-nix«. Jene, die zu nichts taugen, weil sie auch nach neun,
* Namen von der Redaktion geändert
zehn oder elf Jahren, je nachdem, wie häufig sie sitzen geblieben sind in ihrer kurzen, sturen Schulzeit, immer noch nicht sicher in der Rechtschreibung sind. Junge Menschen, denen es schwer fällt, einen Text zu lesen, denen die Grundrechenarten verschlossen bleiben wie zu fest verschnürte Pakete.
Fast ein Viertel aller 15-Jährigen, das hat die Pisa-Studie ergeben, gehört zu dieser Risikogruppe, die keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hat. Jeder Zehnte gar bleibt in Deutschland ganz ohne Abschluss, das sind 85000 Jugendliche jedes Jahr. Gerade sie spüren die Folgen eines sich dramatisch verändernden Arbeitsmarktes, in dem Fließbandarbeit und Hilfsarbeiterjobs selten geworden sind. Und da Facharbeiter aus Osteuropa niedrige Löhne akzeptieren, sind auch die Lehrstellen knapp geworden, für die wenigen, die es noch gibt, stehen die Hauptschüler nach Realschülern und Gymnasiasten hinten an.
Als wäre das noch nicht genug: Ihrer Schule wurde in der öffentlichen Diskussion auch noch der Name genommen, Hauptschule wurde durch Restschule ersetzt.
Trotz der Namensänderung in den Köpfen schleichen jeden Morgen um acht Uhr 1,5 Millionen Schüler in ihre Hauptschulen. Jedes Jahr macht ein Viertel aller Schüler in Deutschland den Hauptschulabschluss. Ihre Leistungen fallen dabei in Bayern, Sachsen oder Baden-Württemberg besser aus als in Stadtstaaten und auch besser als in jenen Bundesländern, die zusätzlich zum gegliederten System noch die Gesamtschule haben, die gute Hauptschüler an sich bindet. Es gehört zur deutschen Wirklichkeit, dass das Bildungssystem Jahr für Jahr Tausende junger Menschen in eine Zukunft entlässt, in der man für sie kaum noch Verwendung findet.
Ein Dienstagmorgen kurz vor den Sommerferien, Haupt- und Realschule Sinstorf in Hamburg-Harburg. Eine Gegend, in der Wohnungen noch billig sind und die Natur reichlich ist. Der Autozulieferer Phoenix ist der größte Arbeitgeber am Ort, wurde aber soeben vom Konkurrenten Continental übernommen, nun bangen die Harburger um ihre Arbeitsplätze. Die Schule liegt ein bisschen im Hinterland, wo die Wohnungen allmählich zu Häusern werden und die Sportplätze im Wald verschwinden. Mittendrin das Klassenzimmer der H8a.
20 Schüler hängen müde auf ihren Stühlen, wie Marionetten, denen man die Fäden abgeschnitten hat. Elf Deutsche, fünf Türkinnen, zwei Russinnen, ein Inder, ein Kroate. Vier fehlen. Annika sitzt ganz hinten am Fenster, das Prepaid-Handy trägt sie wie einen Mercedesstern um den Hals. Sie hat es bekommen, nachdem sie es geschafft hatte, die Handyrechnung ihrer Mutter auf 500 Euro hoch zu telefonieren.
Eine Reihe vor Annika sitzt Sabrina*. Ihre Augenwimpern sind zu dünnen schwarzen Beinchen getuscht, auf ihrer Jacke steht »Hamburg«. Sabrina hat drei Geschwister, ihr ältester Bruder ist ein harter Junge, er wohnt mittlerweile in einer WG für schwer erziehbare Jugendliche. Bis Sabrina weggezogen ist, sind die beiden Freundinnen nach der Schule ganze Nachmittage lang mit der U-Bahn durch Hamburg gefahren sind. Überall und nirgendwo, das hat Spaß gemacht.
Erste Stunde, Bio. Auf dem Boden sieht es aus wie nach einer Überschwemmung, Stifte, zusammengeknülltes Papier, ein Lappen, an der Tafel steht: Klasse aufräumen! Die Biolehrerin guckt auf den Boden, dann auf die Tafel und klappt sie dann um. Die Klasse mag die Lehrerin, sie ist locker, entspannt. Sie unterrichtet zwei der insgesamt 31 Stunden, die die H8a in der Woche hat.
Lehrerin: Wir schreiben heute einen Test. Das habe ich euch ja gesagt.
Schüler 1: Ich war letzte Woche nicht da.
Schüler 2: Können wir spicken?
Schüler 3: Können wir nicht alles zusammen machen und dann nächste Woche noch mal?
Lehrerin: Wer ist auf die drei Mendelschen Regeln vorbereitet? Ihr solltet die lernen.
Zwei Schüler melden sich. Ein paar versuchen, sich irgendwie im Sitzen das Bein zu stellen, zumindest sieht das Gerangel unter den Tischen danach am ehesten aus, der Rest sucht die Regeln im Biologiebuch.
Lehrerin: Okay, dann gehen wir den Test zusammen durch, und Donnerstag kriegt ihr ihn in abgewandelter Form noch mal. Mein weiches Herz. Es bringt ja nichts, wenn ich euch allen Sechsen geben muss. Aber ich will am Donnerstag keinen sehen, der den Test nicht schreiben will. Und es kopiert mir heute auch keiner den Test.
Schüler 4: Ich kopier mir den Test.
Schülerin 5: Wenn ein Mann dunkel ist, also der ’nen Teint hat, und die Frau ist hell, also deutsch, dann bekommt das Kind so eine schöne Haut. Voll schön.
Eine Packung Taschentücher fliegt durch die Luft, ein Schüler geht raus, die Privatunterhaltung vorne links wird so laut, dass die Lehrerin sich jetzt nur noch darauf konzentrieren kann. Jetzt beginnen alle zu reden.
Lehrerin: Also, gehen wir den Test durch. Womit beschäftigen sich Biologen, die Genetiker sind?
Schülerin 1: Genetik!
Schüler 2: Vererbung!
Schülerin 3: Vererbung!
Schüler 2: Musst du alles nachlabern, nur weil du selber nichts weißt?!
Schülerin 3: Leck mich!
Lehrerin: Hallo, Leute!
Die Lehrerin schreibt die Buchstaben BB und Bb an die Tafel. B = braun, b = blau.
Lehrerin: Warum habe ich das eine B groß und das andere b klein gemacht?
Schülerin 1: Weil das eine das schwächere ist.
Lehrerin: Und was sagt man dazu? Annika?
Annika, leise: reziev?
Lehrerin: Sag’s noch mal.
Annika: Reziev oder so?
Lehrerin: Fast. Rezessiv. Das ist das Gegenteil von dominant.
Schülerin ruft rein: Bei Mädchen ist meist der Vater dominant. Aber nur, wenn er dunkel ist.
Lehrerin: Nenne drei Gründe, warum Mendel gerade Erbsen für seine Experimente wählte.
Annika: Weil er keine Tiere quälen wollte.
Schülerin 2: Die Erbsen betäuben sich selbst.
Schüler: Haha, die hauen sich k.o.
Sabrina bittet um den Schlüssel für die Toiletten. Den braucht man, seitdem dort zu viel geraucht wurde.
Annika und Sabrina – zwei Hauptschulkarrieren in Deutschland, zwei 15-Jährige, deren schulischer Weg für so viele andere typisch ist. Wie ergeht es diesen Kindern als Restschüler? Wie muss man sein, wenn während der erhofften Schulkarriere eine Menge schief läuft? Ist man zu dumm, zu aggressiv, zu passiv, sind andere schuld?
Am 4. Dezember 2001, als die Pisa-Ergebnisse über die Schulleistung der 15-Jährigen aus 31 Ländern bekannt wurden, und damit auch das unterdurchschnittliche Abschneiden der deutschen Schüler, da zuckten die Verantwortlichen in Deutschland ziemlich zusammen. Sigmar Gabriel, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, verglich den Schreck mit dem Schock der Amerikaner 1957, nachdem die Russen den ersten Satelliten ins All geschickt hatten. Unter den Pädagogen begannen wieder die ideologischen Grabenkämpfe, die die letzte Reform in den siebziger Jahren bestimmt hatten. Sollte man lieber auf die Qualität der Abiturienten achten oder doch eher auf ihre Quantität? Steht Leistung im Vordergrund oder Gerechtigkeit? Soll man stärker aussortieren oder mehr integrieren? Kurzum, ist das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium die bessere Schulform, oder ist es die Gesamtschule?
Dabei ist das Bildungssystem gar nicht unbedingt ausschlaggebend für die Leistung der Schüler. Jene Länder, die Deutschland in der Pisa-Studie weit hinter sich gelassen haben, organisieren ihre Bildung ganz unterschiedlich. Mal eher integrierend wie in Finnland, mal mehr differenzierend wie in Österreich, es gibt staatliche Systeme, private, zentrale und auch dezentrale. Allerdings, so früh wie in Deutschland, nämlich nach der vierten Klasse, sortiert kaum ein Land seine Schüler nach Leistung und Begabung. Deutschland hat die homogensten Schulklassen und es dennoch nicht geschafft, die Schwachen zu fördern und die Starken zu fordern. Stattdessen wurden die sozialen Unterschiede zwischen Gymnasium und Hauptschule verstärkt. Mittlerweile geht die Hälfte der Kinder von gut Verdienenden und Akademikern aufs Gymnasium, nur zehn Prozent auf die Hauptschule. Dagegen gehen 40 Prozent der Kinder aus Arbeiterfamilien zur Hauptschule, nur zehn Prozent besuchen ein Gymnasium. Obwohl die Sozialstruktur in Ländern wie Schweden oder England, die erheblich besser in der Studie abgeschnitten haben, nicht anders ist als in Deutschland.
Am 16. August 1995 , ihrem ersten Schultag, ist Annika ein jungenhaftes, kräftiges Mädchen, mit kurzen hellbraunen Haaren, das in seinem geblümten Bauernkleid und den baumelnden Ohrringen fast ein wenig verkleidet aussieht. Sie steht grinsend mit Schultüte im Arm vor ihrer kleinen Spielzeugtafel und lässt sich fotografieren. Annika freut sich auf die Schule. Sie kommt in die Klasse von Frau Engel, einer Lehrerin mit Hochsteckfrisur und goldener Brille, zu der Annika heute vor allem einfällt: »Die mochte mich.« Annika saß neben ihrer besten Freundin, Musik und Kunst machten ihr keinen Spaß, von Sachkunde und den Ausflügen ins Planetarium erzählt sie heute noch begeistert.
Nach der ersten Klasse schreibt Frau Engel ins Zeugnis: »Deine offene, manchmal etwas direkte Art hat besonders zum Schulanfang zu vielen Missverständnissen mit den anderen geführt.« In der zweiten Klasse ist Annika eine »fröhliche und interessierte« Schülerin, die jetzt gut mit den Mitschülern auskommt und sich besonders für »die Natur« interessiert. In der dritten Klasse wird sie zum ersten Mal benotet, alles Zweien und Dreien.
Bis zur vierten Klasse ist Annika eine ruhige Schülerin, die laut wird, wenn sie ihren Willen nicht bekommt. In ihrem Lieblingsfach Sachunterricht verschlechtert sie sich von Zwei auf Drei, in Rechtschreibung von Drei auf Vier. Sie erhält die Empfehlung Haupt- und Realschule. Der Sturz beginnt in der fünften Klasse. In der siebten bleibt sie sitzen.
Am Tag, an dem Annika eingeschult wird, ist Sabrina schon ein Jahr auf der Sprachförderschule. Ihr älterer Bruder geht auf die selbe Schule, Sabrina ist hilfsbereit und fleißig, in ihrem Zeugnis steht, sie »könne in Diskussionen ihre Meinung gut vertreten«. Es passieren ihr aber ständig so Sachen wie im Mathematikunterricht, als sie das kleine Einmalzwei aufsagen soll, sich dabei verhaspelt und zu weinen anfängt. Die Lehrerin findet das übertrieben. »Jetzt beruhig dich doch, du Heulsuse.« Im Zeugnis steht: »Sabrina hat versucht, den Lernanforderungen nachzukommen, es bereitet ihr jedoch große Mühe, Neues aufzunehmen, es zu verarbeiten und umzusetzen. Es ist wichtig, dass Sabrina wieder Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit gewinnt und Spaß am Arbeiten erfährt.« In der dritten Klasse bleibt sie sitzen. Annika und Sabrina gehören zu den 250000 Kindern, die jedes Schuljahr nicht versetzt werden. 34 Prozent aller 15-Jährigen haben die Schule nicht planmäßig durchlaufen, sind mindestens einmal sitzen geblieben oder bereits verspätet eingeschult worden, so viele wie in kaum einem anderen Land.
Motivation funktioniert bei allen Kindern gleich, sagt der Entwicklungspsychologe Ulrich Trautwein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. »Fragt man in der ersten Klasse, wer ist hier der Beste, dann melden sich noch alle. In der dritten Klasse jedoch nimmt der Lernoptimismus ab, viele Kindern verlieren ihre natürlich Motivation.« Das ist eine Reaktion auf Erfolg und Misserfolg, es sei ganz normal, sagt Trautwein. In dieser Zeit lernten die Kinder sich selbst einzuschätzen. Sie fänden heraus, was sie gut können und was nicht, das gehöre zu ihrer Identitätsbildung dazu.
»Wichtig ist, dass der Unterricht den individuellen Bedürfnissen der Kinder angepasst wird, damit die Kinder Erfolge erleben und ihr Interesse nicht verlieren.« Was das heißt, ist in der Theorie schon lange klar, vielen Lehrern, dem Forscher Trautwein, der Kultusministerkonferenz: flexiblere Bildungspläne, bislang werden sie von den Ländern für eine Dauer von vier bis acht Jahren festgelegt, ein individualisierter Unterricht, obligatorische Förderklassen am Nachmittag, außerdem alltagsnahe Problemstellungen, damit die Kinder auch wissen, wofür sie lernen. In Mathematik könnte demnach eine Aufgabe lauten: Rechne aus, wie viel dir vom Taschengeld übrig bleibt, nachdem du deine Lieblings-CD gekauft hast! Aber die Praxis sieht immer noch anders aus.
Annika ist in vielem ein typisches Hauptschulkind, aber in manchem hat sie es auch besser als ihre Freundinnen. Sie hat ein großes Zimmer, einen Fernseher, einen DVD-Spieler, einen Laptop, die Mutter ist nur zwei Tage in der Woche nicht zu Hause, dann arbeitet sie in der Serviceabteilung der Metro, das macht sie schon seit 22 Jahren. Der Vater hat sich vom Tischler zum Bauleiter hochgearbeitet, aber er weiß auch, wie es ist, arbeitslos zu sein. Mittlerweile ist er an einer Firma beteiligt, soeben hat er sich einen neuen Geländewagen gekauft. Der Vater ist Elternsprecher und selbst vor 30 Jahren auf die Schule gegangen, die Annika heute besucht. Es sollte dem Kind also gut gehen. Und dennoch benimmt es sich nicht so.
Annika war schon immer kräftig. Eben wie ein Kind, das seit dem dritten Lebensjahr stark an Asthma leide, erzählt die Mutter. Ein Mädchen, das in der Nacht in seinem Kinderbett so sehr keucht, dass es kaum mehr Luft bekommt, sich übergeben muss und nichts mehr essen will, das die Medikamente schlecht verträgt. Die Kleine magert so ab, dass die Eltern sie nach diesen Anfällen immer wieder hochpäppeln, es gut meinen, zu gut, bis zur nächsten Attacke. In den Kindergarten ist sie daher nie gegangen. Das Asthma bleibt bis zur vierten Klasse, dann kommt es nie wieder. Nur der Jo-Jo-Effekt bleibt, das ständige Ab- und wieder Zunehmen. Meistens nimmt sie zu.
Mit Annika musste man damals überall hingehen, sagt die Mutter, sie hatte immer Angst. Zum Handball, zur Gymnastik, zum Turnen. Und immer hatte sie nach kurzer Zeit Streit mit einigen Kindern und keine Lust mehr. Nur beim Schwimmen ist sie geblieben. Unter Wasser fühlt sie sich mit ihrem Körper wohl, sie hat Kraft, eine gute Kondition und wird eine richtig gute Schwimmerin.
Aber das Wichtigste war immer der Opa. Auf ihn wartete sie nach der Schule, mit ihm geht sie auf den Dachboden, dorthin, wo die Kaninchen leben. Die Pokale, die Annika mit ihren Tieren gewonnen hat, stehen heute noch in ihrem Zimmer. Direkt vor der großen Deutschlandfahne. Der Vater machte damals die Meisterschule, kam immer spät nach Hause, der Opa, sagt die Mutter, war so etwas wie ein Vaterersatz.
Ein halbes Jahr nach dem Tode des Opas beginnt Annika, mehr und mehr zu essen. Spricht die Mutter sie darauf an, antwortet sie nur: »Ich habe aber Hunger.« In der Schule sammelt sie Vieren, und nachdem ihre Sportlehrerin einmal vor der Klasse gesagt hat: »Stellt doch Annika ins Tor, dann geht ohnehin kein Ball mehr rein«, schwänzt sie den Sportunterricht. In der sechsten Klasse fehlt sie 31 Tage, in der siebten hat sie nur noch Fünfen und Sechsen. Ihre Klassenlehrerin von damals meint: »Als Annika kam, war sie von ihren Leistungen her eine Realschülerin, als sie ging, war sie eine Hauptschülerin. Man kümmert sich eben immer eher um die lauten Störer als um die stillen Schwierigen.« Sie selber, sagt die Lehrerin, sei ein direkter Mensch, lieber einmal deutlich, und dann ist es gut. Aber so sei sie nicht an Annika herangekommen. Leider sei auch der Beratungslehrer damals nicht sehr gut gewesen. Schuld und Verantwortung, so sieht es aus, verstecken sich immer hinter einer anderen Tür.
Anders als Annikas Familie geht es den Eltern von Sabrina finanziell nicht so gut. Der Vater arbeitet als Dachdecker, die Mutter verdient als Tagesmutter noch etwas dazu. Sie wohnen zu sechst auf 65 Quadratmetern. Auf dem Schulhof ruft man Sabrina »Schieli« nach, weil sie bis zu ihrer Augenoperation stark schielt. Mit zehn wird sie operiert. Das eine Auge steht nun richtig, das andere wandert nach außen weg. Als die Ärzte ihr das Schielen nahmen, da hatte sie viele Tage Zeit, den neuen Blick schweifen zu lassen, und was sie sah, waren lange, helle Flure, auf denen Schwestern hin und her eilten, mit Tabletts oder Blumen, und lachten. Das Bild gefiel ihr, diese Gruppe von Menschen, die zusammengehörte, die ihre festen Regeln und Abläufe hatte und die vor allem freundlich waren. Sabrina fängt an, sich für den Beruf Krankenschwester zu interessieren.
Zu Hause kämpft sie gegen ihren Bruder, der die Schule schwänzt und seine Mitschüler bestiehlt. In der Schule kämpft sie mit Englisch. »Einmal sollten wir einen Text übersetzen. Da stand die Lehrerin neben mir und hat immer nur gesagt, nein Sabrina, das heißt so und so. Da hätte ich beinahe wieder geweint, aber ich hab sie dann gefragt, ob sie mir nicht ein bisschen mehr Zeit geben kann. Sie sollte mir einfach die Chance einräumen, es besser zu machen.« In der sechsten wird diese Sabrina zur Klassensprecherin gewählt.
Wer hat Schuld daran, wenn die Kinder nicht lernen, wenn die Schule keine Freude macht? Wenn Jugendliche immer weiter zurückfallen und aus Langeweile den Unterricht stören? Die Lehrer sagen zuerst einmal, früher sei das alles nicht so gewesen. Schuld daran, dass es jetzt so ist, seien die Eltern, die sich nicht mehr darum kümmern, dass ihre Kinder Hausaufgaben machen, dass sie Respekt vor Autoritäten haben und sich an Regeln halten. Und die Eltern sagen, falsch, die Lehrer sind schuld, weil sie nicht hart oder zu hart durchgreifen, weil sie die Kinder über- oder unterfordern und weil sie die Kinder nicht mögen. Und die Kinder? Die wursteln sich so durch, immer auf der Seite dessen, der ihnen die Schuld am deutlichsten nimmt.
Das Selbstwertgefühl steht in diesem Alter auf vier, meist wackligen Beinen, sagt der Psychologe Ulrich Trautwein: der Schule, dem Aussehen, den Eltern und den Gleichaltrigen. Wenn andertalb Beine einknicken, weil das Kind dort ständig schlechte Erfahrungen macht, kann es das noch verkraften, wenn es jedoch mehr werden, fängt das Kind an, sich als ganzen Menschen abzuwerten. Im November schicken Annikas Eltern ihre Tochter vier Wochen lang zur Kur nach Sylt. Sie ist zwölf Jahre und wiegt 95 Kilo. Auf Sylt macht sie lange Spaziergänge, zusammen mit Kindern, die dringend zunehmen müssen. Das Mittagessen wird gemeinsam eingenommen, und die Dicken tauschen ihre kleinen Rationen gegen die großen der Dünnen. Annika kann tausend Gründe aufzählen, warum das alles nicht funktionierte, Gründe, von denen sie glaubt, dass sie sie nicht beeinflussen kann. Sie selbst verschwindet im Schmollwinkel. Nach innen wird sie immer passiver, nach außen immer aggressiver. Sie gibt das Schwimmen auf und lässt ihre Kaninchen schlachten.
Gab es nicht auch interessante Schulstunden oder Dinge, für die du gelobt wurdest, Erfolge, wie beim Schwimmen? Annika schiebt den Unterkiefer vor und schüttelt den Kopf. Die Welt ist gegen sie, durch diese Stahlwand, die sie umgibt, dringt kein Lob, auch wenn es geschrien würde.
Als die Eltern sich nicht mehr zu helfen wissen, schlagen sie ihrer Tochter eine Therapie vor. Die will erst nicht, willigt dann doch ein und schweigt fünf Sitzungen lang. Danach bricht sie das Ganze ab. »Ich geh doch nicht zu so einer studierten Psychotante.« In der Schule wird ihre Sprache immer vulgärer, vor allem Jungs gegenüber. Auf dem Schulhof rufen die anderen einander Dinge zu wie: »Wenn du nicht aufhörst, dann musst du die dicke Annika nackt sehen.« Zum ersten Mal fällt Annika mit ausländerfeindlichen Äußerungen auf. Sie sagt: »Was soll ich mir in meinem eigenen Land von Türken ›du Bombe‹ hinterherrufen lassen?« Sie lernt den Tritt nach unten.
Annika, wie kommt es, dass du Ausländer nicht magst, aber die Punkband Die Ärzte hörst?
»Ich bin doch kein Nazi.«
Was ist denn der Unterschied?
»Die Nazis mögen gar keine Ausländer, ich mag nur manche nicht. Die, die sich nur einschleimen, die so tun, als mögen sie einen, damit man sie heiratet und sie eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, und sich denken, so ein dickes Kind wie mich können sie dazu benutzen. Das habe ich letztens auch bei Gute Zeiten Schlechte Zeiten im Fernsehen gesehen.«
Zweite Stunde. Erdkunde.
Lehrer: Aufstehen, Kaugummi alle raus!
Die halbe Klasse trabt langsam zum Mülleimer und spuckt oder spuckt auch mal nicht den Kaugummi hinein und stellt sich wieder an ihre Plätze.
Lehrer: Moin!
Klasse: Moin.
Die Klasse setzt sich wieder.
Lehrer: Und, gibt es Fragen?
Türkische Schülerin: Wann kommt die Türkei in die EU?
Lehrer: Die Frage haben wir doch schon 100-mal diskutiert.
Er beantwortet sie noch einmal, schreibt dann »Erosion« an die Tafel und verteilt Blätter mit der Karte von Nordamerika.
Lehrer: Was sind die Längen- und was die Breitengrade?
Die Schüler machen mit ihren Händen waagerechte und horizontale Linien in die Luft. Es ist verhältnismäßig ruhig in der Klasse, ganz ruhig wird es nie. Links vorne ist wie immer ständig Bewegung. Einen der Jungs schickt der Lehrer vor die Türe, dann erzählt er von den Great Plains und wie sie durch Erosion zu den Bad Lands wurden, wie groß die Farmen dort sind und dass er das selbst schon mal gesehen habe. Jene Schüler, die es interessiert, hören hin, beantworten die Fragen, die anderen schalten ab und dösen vor sich hin.
Lehrer: Für die Landwirtschaft ist es wichtig, dass genügend Niederschlag auf die Felder niedergeht, ideal ist eine Niederschlagsmenge von…?
Sabrina: Was ist noch mal Niederschlag?
Lehrer: Ah ja, gut, dann schreiben wir doch mal auf, was alles dazugehört. Weiß das jemand?
Annika: Regen.
Lehrer: Und was noch?
Schüler: Schnee.
Lehrer: Ja, und was noch? – Also, da sind noch Nebel, Hagel und Tau.
Schüler: Und Frost.
Lehrer: Nein, das ist ja nur das gefrorene Wasser, was schon runtergekommen ist. Noch Fragen?
Sabrina: Wie wird die Erde sauer? Das ist nämlich bei uns im Garten so.
Der Erdkundelehrer unterrichtet seit 40 Jahren. Die Schüler finden ihn streng, Annika mag Erdkunde, ein anderer Schüler sagt, gegen den Erdkundelehrer würde er nie böse sein, weil der aus der DDR geflohen sei, wo er unterdrückt worden sei. Er wolle nicht, dass der Lehrer daran erinnert wird. Und der Lehrer? Der wünscht sich, dass die Kinder wieder mehr Disziplin entwickeln, dass die Schule ihren Schülern klare Regeln vermitteln kann. Dass man im Unterricht eben nicht isst und trinkt, dass man sich an die Pausenzeiten zu halten hat. Damit die Lehrer aber wieder zu einer Vorbildfunktion werden könnten, brauchten sie mehr Erziehungsmöglichkeiten, müssten schneller Konsequenzen ziehen können. Heutzutage sei ein Verweis ein Riesenaufwand, meint der Lehrer. Wenn zum Beispiel ein Kind ein Buch kaputtmacht, wie es im Unterricht passiert ist, dürfe die Schulbehörde nicht einfach sagen, das ist schon okay.
Als Annika und Sabrina 2002 in der siebten Klasse zu dem jungen Lehrer Robert Estl in die Klasse kommen, sind sie bereits zwei sehr unterschiedliche Schülerinnen. Sabrina reagierte auf schlechte Erfahrungen anders als Annika, erinnert sich Estl. Im Unterricht ist sie hilfsbereit, obwohl sie am Anfang wegen ihrer Wortdreher gehänselt wird, die ihr unterlaufen, wenn sie aufgeregt ist. Sie wird zu einer Art Mutter der Klasse, sie ist fleißig. Ihr Vater hatte gerade einen Herzinfarkt, die Mutter arbeitet jetzt als Reinigungskraft im Krankenhaus, und der Bruder sucht vergeblich eine Lehrstelle. Der Vater macht sich große Sorgen, ob er noch einmal als Dachdecker arbeiten kann. »Sabrina«, sagt er oft, »du brauchst ein Ziel«, und für dieses Ziel, aber vor allem für ihren Vater, strengt sie sich an.
Sie will Krankenschwester werden, aber kämpfen muss auch sie. Bei ihrem Schülerpraktikum, da soll sie einmal Kuchen und Tee durch die Patientenzimmer tragen. Sie weiß nicht, ob sie einfach in die Zimmer reingehen kann, ob sie den Kuchen neben die Betten stellen soll oder jeden Patienten fragen muss. Sie beginnt zu stottern, ihr fällt viel auf den Boden. Nie wieder will sie zurück ins Krankenhaus. Erst nachdem die Mutter zur Stationsschwester geht und daraufhin jemand Sabrina erklärt, wie sie das mit dem Kuchen machen soll, geht es wieder. »Dass die so nett waren, hat mir Mut gemacht«, sagt sie. Seitdem traut sie sich sogar, wenn ihr mal wieder der Schulbus vor der Nase wegfährt, hinterherzulaufen und an die Scheibe zu klopfen.
Anders bei Annika. Sie fällt bereits in ein Stimmungstief, ist den ganzen Tag beleidigt, wenn der Sportlehrer sie nicht zusammen mit ihrer besten Freundin in einer Mannschaft spielen lässt. Annika hat sich in der Klasse von Robert Estl zwar wieder etwas gefangen, ihre Noten sind ein bisschen besser geworden, aber sie wirkt im Unterricht und im Umgang mit Fremden immer noch, als sei sie im inneren Exil. So war es auch während ihres Schülerpraktikums, das sie bei einem Tierarzt absolviert hat. »Ich wollte denen nicht auf die Nerven gehen«, sagt sie. Und als ein Hund, den sie im Wartezimmer betreuen sollte, plötzlich zu keuchen anfing, da war sie schon so weit weg mit ihren Gedanken, dass die Auszubildende ihr den Hund weggenommen hat.
Wenn man Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, der die Pisa-Studie mit ausgewertet hat, von Annika und ihrem Schulversagen erzählt, dann erscheint das Problem gleich ganz klar, so einfach zu lösen. »Wenn ein Schüler so schlecht wird, dass er sitzen bleibt, das ist doch auffällig, das ist doch kein schleichender Prozess. Lehrer sind doch Professionelle, und wenn sie sehen, dass ein Kind immer mehr zunimmt und die Eltern hilflos sind, dann muss die Schule natürlich helfen.« Baumert schlägt vor, die Probleme mit in den Unterricht einzubauen, indem das Kind in Deutsch zum Beispiel aufschreibt, wie und was es isst, und in Mathe rechnet es mit Kalorien. »Das ist individualisierter Unterricht«, sagt Baumert. Gern würde man in diesem Moment das Gesicht von Annikas Klassenlehrer sehen, der genau das versucht hat. Estl hatte Annika vor kurzem vorgeschlagen, für die Klasse einen Ausflug zu ihrem geliebten HSV zu organisieren. Aber sie kam einfach nicht in die Gänge, am Ende hat sich der Vater darum gekümmert.
In Deutschland, sagt Baumert, herrsche immer noch die Lehrermentalität: »Ich hab hier nicht die Verantwortung.« Die Lehrer sagen immer, ich habe die falschen Schüler und kann deshalb keinen guten Unterricht machen. »Aber wir haben nicht mehr problematische Familien als Schweden, wir haben kein Problem zusätzlich, nur wir gehen mit jedem schlechter um.« Zudem sei es auch nicht wahr, dass immer alles schlimmer werde, wie es die Lehrer ständig behaupten. 1970, sagt Baumert, waren 18 Prozent der Hauptschüler ohne Abschluss. Heute sind es nur noch zehn Prozent. Aber für die gibt es immer weniger Chancen. Wichtig sei es, die Qualität an den Hauptschulen zu verbessern. Durch Änderung der Sozialform, Gruppenarbeit statt Frontalunterricht, verändere man noch nicht die Inhalte. Die Hauptschüler, sagt Baumert, haben generell weniger Vorwissen und verstehen langsamer. Oft würden sie jedoch nur beschäftigt, mit gelenkten Aufgaben, die einfacher und repetitiver sind als die der Realschüler. Das größte Problem sei die fehlende Kompetenz der Lehrer, sagt Baumert. Er zitiert die Pisa-Studie, in der Hauptschullehrer gefragt wurden, welche ihrer Schüler sie zu jenen zählen, die aufgrund ihrer Leistungen bei der Studie als potenzielle Risikoschüler eingestuft wurden. Weniger als 15 Prozent der Schüler wurden von den Lehrern als Risikoschüler erkannt. Für Baumert stehen die Schuldigen fest.
Dritte, vierte Stunde. Doppelstunde Mathe. Klassenlehrer Robert Estl schreibt an die Tafel: Sozialer Tag, Praktikumsbewerbung, EM-Tipp.
Herr Estl: Am Donnerstag vor den Zeugnissen werde ich euch und eure Eltern einladen, um über die Zeugnisse zu sprechen. Den Zettel, auf dem das steht, den gebt ihr euren Eltern und bringt ihn unterschrieben zurück.
Jan: Meine Mutter kann nicht.
Schülerin: Ich kann auch nicht.
Herr Estl: Das wäre sonst ein ganz normaler Schultag gewesen, da hättest du auch können müssen. Wer will eine Liste für den Tag erstellen und die Termine zuordnen? Jeder hat 20 Minuten, und alle müssen drankommen.
Schülerin 1: Ich!
Robert Estl gibt ihr ein großes Blatt und einen Filzstift.
Schülerin 1: Und wie soll ich das jetzt machen?
Herr Estl: Na, du fängst mit 8 Uhr an, 8.20 Uhr und so weiter und schreibst dann dahinter immer einen Namen.
Schüler 2: Oh Mann, bist du zu doof, ’ne Tabelle zu machen?!
Herr Estl: Dann hilf ihr.
Schüler 3, 4: Kann ich auch helfen?
Die vier gehen in den Gruppenraum.
Estl verteilt kopierte Blätter, auf denen geometrische Körper abgebildet sind und einige Übungsaufgaben zur Prozentrechnung.
Herr Estl: Hat jeder ein Blatt? Okay, dann setzt euch in Zweiergruppen zusammen und löst die Aufgaben.
Schülerin 1 kommt genervt aus dem Gruppenraum und knallt die Glastür, dass es scheppert, und hängt sich auf ihren Stuhl.
Herr Estl: Hat Mirco dich geärgert?
Schülerin 1 verschränkt die Arme und nickt.
Herr Estl: Wie viele Flächen hat der erste Körper.
Schüler 5: Wieso Körper?
Schüler 6, 7, 8, 9: Zehn.
Schüler 10: Neun Flächen.
Schüler 11: Zweiundzwanzig.
Vierte Stunde, Computerraum: Herr Estl: Diejenigen, die ihre Praktikumsbewerbung für nächstes Jahr schon abgeschickt haben, beschäftigen sich mit dem Rechenprogramm, die anderen arbeiten an ihrer Bewerbung. Wer hat denn noch keinen Praktikumsplatz?
Ein Drittel der Klasse meldet sich.
Herr Estl: Mensch Leute, ihr müsst mal aktiv werden!
Schüler: Die haben gesagt, sie melden sich.
Herr Estl: Soll ich mit jemandem vielleicht mal zusammen dort hingehen und nachfragen?
Einige nicken.
Schüler: Ich fahre heute Nachmittag mit meinem Bruder da hin.
Schülerin 1 schreibt: »Hiermit bewerbe ich mich um einen Praktikumsplatz … Mich interessieren ganz besonders Frakturen und dass sie so schnell heilen. … Außerdem möchte ich gern Ärztin werden.«
Manchmal, sagt Robert Estl, habe er das Gefühl, in seiner Klasse sei er mehr als Sozialarbeiter gefordert denn als Lehrer. Seine Fächer sind Sport und Spanisch, aber als Hauptschullehrer muss er auch jedes andere Fach unterrichten, gerade hat er seine Ausbildung als Beratungslehrer beendet. Nach der Teilung der Orientierungsstufe in Real- und Hauptschüler, sagt Estl, sei die Leistung der Hauptschüler steil nach unten gegangen, die der Realschüler steil nach oben, wie eine Schere. Die meisten Hauptschüler gäben sofort auf, nachdem sie den Sprung auf die Realschule nicht geschafft haben.
Damals, als er die Klasse übernahm, war er seit einem halben Jahr mit seinem Referendariat fertig, und manchmal kam ihm die Methodik, die er dort gelernt hat, doch ziemlich idealtypisch vor. »Die sagen einem, hier hast du einen Methodenkoffer, und damit kommst du mit jeder Klasse zurecht.« Individualisiertes Lernen haben sie in der Uni nicht gelernt. Im Moment macht Robert Estl eine Fortbildung. Zwei Jahre lang werden Dozenten dem gesamten Lehrerkollegium neue Unterrichtsformen beibringen. Es sind kleine Dinge, die sich manchmal ein bisschen nach Kindergarten anhören, die aber alle dazu dienen sollen, die Aufmerksamkeit der Kinder auf den Unterricht zu lenken.
Eine Sache hat Robert Estl schon probiert. Jeder Schüler musste seinen Namen auf eine Karteikarte schreiben, die wurden dann gemischt, und nach jeder Frage wurde eine Karte gezogen. Derjenige, dessen Name auf der Karte stand, musste die Frage beantworten. Kein Schüler konnte sich also verstecken. Das hat ganz gut geklappt. Mit individualisiertem Lernen und Inhalten hat das aber noch wenig zu tun. Er hofft, dass das noch kommt.
Wer über mehrere Tage zwei Hauptschüler begleitet, der sieht und hört, dass sich viele Pädagogen bemühen. Man hört, dass ein Lehrer eine russische Schülerin von der Haupt- auf die Realschule und bis zum Abitur begleitet hat, dass der Direktor mit seiner Spanisch-Realschulgruppe nach Barcelona fährt und Robert Estl mit seiner Spanischgruppe den ersten Platz in einem Schülerwettbewerb belegt hat. Aber dennoch hat man das Gefühl, es fehlt jeglicher Glaube, dass sich für die Hauptschüler wirklich etwas ändern kann.
Zwei Jahre ist es her, da hat die Schule versucht, auf eine schwierige Situation zu reagieren. In Sabrinas und Annikas Jahrgangsstufe hatte sich das Kollegium zum ersten Mal entschieden, eine kleine Gruppe von Schülern auszusortieren, die den Unterricht über alle Maßen störten. Schüler, die immer wieder mit der Polizei zu tun hatten, wegen Drogen oder weil sie eine Wohnung angezündet hatten.
Damals wurde ein Konzept entwickelt, mit welchen zusätzlichen Mitteln diese Schüler sinnvoll, vor allem praxisorientiert unterrichtet werden könnten, und sei es, dass sie Mofa-Motoren zusammenbauen. Das Konzept wurde bei der Behörde für Bildung und Sport eingereicht. Es ging dabei auch um eine Aufwandsentschädigung der Lehrer und Kursleiter für die zusätzlichen Stunden und um eine regelmäßige psychosoziale Betreuung. Die Behörde hat keine dieser Stunden bewilligt.
Nach diesem Jahr nun gehen alle acht Schüler von der Schule ab. Die letzten zwölf Monate verbringen sie im Rahmen eines berufsvorbereitenden Jahres an einer Berufsschule, dort, wo all diejenigen landen, die ihre Pflichtschuljahre hinter sich gebracht, aber noch keinen Abschluss geschafft haben. Die meisten rutschen danach in die Sozialhilfe. Etwa drei Viertel der Schüler aus dem berufsvorbereitenden Jahr schaffen es laut Hamburger Schulbehörde nicht, Arbeit zu finden. Und der Sozialhilfebericht des Statistischen Bundesamtes von 2003 hat ergeben, dass 45 Prozent aller Sozialhilfeempfänger Hauptschüler waren und 13 Prozent gar keinen Abschluss hatten. Am Ende eine sehr viel teurere Lösung als jene, die den Lehrern von Sabrina und Annikas Schule vorschwebte.
Sag, Sabrina, was ist das Wichtigste im Leben?
»Familie ist das A und O. Ich würde alles tun, damit es meinen Eltern und meinen Geschwistern gut geht«, sagt sie. Diese Woche fängt für sie das neue Schuljahr an. Am Ende will sie einen Notendurchschnitt von zwei haben, das ist Voraussetzung, dass sie auf die Realschule wechseln kann, nur so kann sie Krankenschwester werden. Das sind die Regeln, die man ihr beigebracht hat: Nur so bekommst du eine Lehrstelle, wenn du dich mehr anstrengst als dein Bruder! Sie hält sich fest daran, sie glaubt daran. Was hat das sonst alles für einen Sinn?
Und für dich Annika, was ist das Wichtigste im Leben? Sie überlegt, sagt dann: »Die Eltern – damit man sich was kaufen kann.«
Wie stellst du dir denn mal dein Leben vor?
»Ich will nicht so leben wie du und Papa, dass du immer seinen Mist wegräumst«, sagt Annika zur Mutter.
»Bist du verwöhnt!«, sagt die Mutter.
»Klar, wenn man es mit Afrika vergleicht. Ich werde sowieso mal so ’ne Greenpeace-Tante.«
»Dann mach doch da mal ein Praktikum.«
»Nä, weiß gar nicht genau, was das ist, irgendwas mit Tieren.«
Die Mutter steht vom Tisch auf. »Annika hat immer alles gekriegt. Da haben wir auch etwas falsch gemacht.«
Annika legt sich im Wohnzimmer unter die Topfpflanzen aufs Sofa und klappt den Laptop auf. Über ihr zieht der Regen den Vorhang zu. Sie schiebt auf dem Computer ein paar Quadrate hin und her, die Mutter räumt die Küche auf. Annika lebt in der Gegenwart, die Zukunft ist ein Achselzucken. »Warum«, fragt Annika, »soll ich mich anstrengen? Letztens habe ich für eine Arbeit gelernt und eine Drei bekommen. Bei der nächsten habe ich nicht gelernt und eine Zwei bekommen.« Sie hat ihr Leben dem Zufall überlassen. Ihre Eltern werden sie nach der neunten Klasse auf eine Privatschule schicken, auf der sie den Realschulabschluss machen kann. Annika findet das gut, die Direktorin hat den Eltern gesagt, das schaffen wir.
Und was wünschen Sie sich, Herr Estl?
»Ich würde mir wünschen, dass ich den Schülern zu mehr positiven Erlebnissen verhelfen kann. Dass sie die Welt kennen lernen, die wir so kennen, und sich nicht ständig daraus zurückziehen.« Er selbst würde gern noch mal ins Ausland gehen.
Annika wird später noch zu einer Freundin fahren. Die Mutter wird ihr Geld für die Kirmes geben, der Vater wird sie hinbringen, und Annika und die Freundin werden dreimal um den Platz ziehen, um dann zu McDonald’s zu gehen, weil nix los ist. Sie werden laut die Ärzte singen: »Ich bin nicht hässlich, sondern nur anders als du.« Annika wird ihren Eisbecher auf ein Auto stellen und ihre Freundin fragen, ob sie sich gegenseitig ein Lebkuchenherz schenken sollen. Und dann werden sie noch über ihr gemeisames Praktikum im nächsten Jahr reden, im Altenheim, und was sie alles mit dem Geld machen, das ihnen die Omas vererben.
Lesen Sie dazu auch im Wissen: Lehre mit Stigma
- Datum 05.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.08.2004 Nr.33
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