Der schulische MakelSeite 2/24
* Namen von der Redaktion geändert
zehn oder elf Jahren, je nachdem, wie häufig sie sitzen geblieben sind in ihrer kurzen, sturen Schulzeit, immer noch nicht sicher in der Rechtschreibung sind. Junge Menschen, denen es schwer fällt, einen Text zu lesen, denen die Grundrechenarten verschlossen bleiben wie zu fest verschnürte Pakete.
Fast ein Viertel aller 15-Jährigen, das hat die Pisa-Studie ergeben, gehört zu dieser Risikogruppe, die keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hat. Jeder Zehnte gar bleibt in Deutschland ganz ohne Abschluss, das sind 85000 Jugendliche jedes Jahr. Gerade sie spüren die Folgen eines sich dramatisch verändernden Arbeitsmarktes, in dem Fließbandarbeit und Hilfsarbeiterjobs selten geworden sind. Und da Facharbeiter aus Osteuropa niedrige Löhne akzeptieren, sind auch die Lehrstellen knapp geworden, für die wenigen, die es noch gibt, stehen die Hauptschüler nach Realschülern und Gymnasiasten hinten an.
Als wäre das noch nicht genug: Ihrer Schule wurde in der öffentlichen Diskussion auch noch der Name genommen, Hauptschule wurde durch Restschule ersetzt.
Trotz der Namensänderung in den Köpfen schleichen jeden Morgen um acht Uhr 1,5 Millionen Schüler in ihre Hauptschulen. Jedes Jahr macht ein Viertel aller Schüler in Deutschland den Hauptschulabschluss. Ihre Leistungen fallen dabei in Bayern, Sachsen oder Baden-Württemberg besser aus als in Stadtstaaten und auch besser als in jenen Bundesländern, die zusätzlich zum gegliederten System noch die Gesamtschule haben, die gute Hauptschüler an sich bindet. Es gehört zur deutschen Wirklichkeit, dass das Bildungssystem Jahr für Jahr Tausende junger Menschen in eine Zukunft entlässt, in der man für sie kaum noch Verwendung findet.
Ein Dienstagmorgen kurz vor den Sommerferien, Haupt- und Realschule Sinstorf in Hamburg-Harburg. Eine Gegend, in der Wohnungen noch billig sind und die Natur reichlich ist. Der Autozulieferer Phoenix ist der größte Arbeitgeber am Ort, wurde aber soeben vom Konkurrenten Continental übernommen, nun bangen die Harburger um ihre Arbeitsplätze. Die Schule liegt ein bisschen im Hinterland, wo die Wohnungen allmählich zu Häusern werden und die Sportplätze im Wald verschwinden. Mittendrin das Klassenzimmer der H8a.
20 Schüler hängen müde auf ihren Stühlen, wie Marionetten, denen man die Fäden abgeschnitten hat. Elf Deutsche, fünf Türkinnen, zwei Russinnen, ein Inder, ein Kroate. Vier fehlen. Annika sitzt ganz hinten am Fenster, das Prepaid-Handy trägt sie wie einen Mercedesstern um den Hals. Sie hat es bekommen, nachdem sie es geschafft hatte, die Handyrechnung ihrer Mutter auf 500 Euro hoch zu telefonieren.
- Datum 05.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.08.2004 Nr.33
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