Der schulische MakelSeite 9/24

Am Tag, an dem Annika eingeschult wird, ist Sabrina schon ein Jahr auf der Sprachförderschule. Ihr älterer Bruder geht auf die selbe Schule, Sabrina ist hilfsbereit und fleißig, in ihrem Zeugnis steht, sie »könne in Diskussionen ihre Meinung gut vertreten«. Es passieren ihr aber ständig so Sachen wie im Mathematikunterricht, als sie das kleine Einmalzwei aufsagen soll, sich dabei verhaspelt und zu weinen anfängt. Die Lehrerin findet das übertrieben. »Jetzt beruhig dich doch, du Heulsuse.« Im Zeugnis steht: »Sabrina hat versucht, den Lernanforderungen nachzukommen, es bereitet ihr jedoch große Mühe, Neues aufzunehmen, es zu verarbeiten und umzusetzen. Es ist wichtig, dass Sabrina wieder Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit gewinnt und Spaß am Arbeiten erfährt.« In der dritten Klasse bleibt sie sitzen. Annika und Sabrina gehören zu den 250000 Kindern, die jedes Schuljahr nicht versetzt werden. 34 Prozent aller 15-Jährigen haben die Schule nicht planmäßig durchlaufen, sind mindestens einmal sitzen geblieben oder bereits verspätet eingeschult worden, so viele wie in kaum einem anderen Land.

Motivation funktioniert bei allen Kindern gleich, sagt der Entwicklungspsychologe Ulrich Trautwein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. »Fragt man in der ersten Klasse, wer ist hier der Beste, dann melden sich noch alle. In der dritten Klasse jedoch nimmt der Lernoptimismus ab, viele Kindern verlieren ihre natürlich Motivation.« Das ist eine Reaktion auf Erfolg und Misserfolg, es sei ganz normal, sagt Trautwein. In dieser Zeit lernten die Kinder sich selbst einzuschätzen. Sie fänden heraus, was sie gut können und was nicht, das gehöre zu ihrer Identitätsbildung dazu.

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»Wichtig ist, dass der Unterricht den individuellen Bedürfnissen der Kinder angepasst wird, damit die Kinder Erfolge erleben und ihr Interesse nicht verlieren.« Was das heißt, ist in der Theorie schon lange klar, vielen Lehrern, dem Forscher Trautwein, der Kultusministerkonferenz: flexiblere Bildungspläne, bislang werden sie von den Ländern für eine Dauer von vier bis acht Jahren festgelegt, ein individualisierter Unterricht, obligatorische Förderklassen am Nachmittag, außerdem alltagsnahe Problemstellungen, damit die Kinder auch wissen, wofür sie lernen. In Mathematik könnte demnach eine Aufgabe lauten: Rechne aus, wie viel dir vom Taschengeld übrig bleibt, nachdem du deine Lieblings-CD gekauft hast! Aber die Praxis sieht immer noch anders aus.

Annika ist in vielem ein typisches Hauptschulkind, aber in manchem hat sie es auch besser als ihre Freundinnen. Sie hat ein großes Zimmer, einen Fernseher, einen DVD-Spieler, einen Laptop, die Mutter ist nur zwei Tage in der Woche nicht zu Hause, dann arbeitet sie in der Serviceabteilung der Metro, das macht sie schon seit 22 Jahren. Der Vater hat sich vom Tischler zum Bauleiter hochgearbeitet, aber er weiß auch, wie es ist, arbeitslos zu sein. Mittlerweile ist er an einer Firma beteiligt, soeben hat er sich einen neuen Geländewagen gekauft. Der Vater ist Elternsprecher und selbst vor 30 Jahren auf die Schule gegangen, die Annika heute besucht. Es sollte dem Kind also gut gehen. Und dennoch benimmt es sich nicht so.

Annika war schon immer kräftig. Eben wie ein Kind, das seit dem dritten Lebensjahr stark an Asthma leide, erzählt die Mutter. Ein Mädchen, das in der Nacht in seinem Kinderbett so sehr keucht, dass es kaum mehr Luft bekommt, sich übergeben muss und nichts mehr essen will, das die Medikamente schlecht verträgt. Die Kleine magert so ab, dass die Eltern sie nach diesen Anfällen immer wieder hochpäppeln, es gut meinen, zu gut, bis zur nächsten Attacke. In den Kindergarten ist sie daher nie gegangen. Das Asthma bleibt bis zur vierten Klasse, dann kommt es nie wieder. Nur der Jo-Jo-Effekt bleibt, das ständige Ab- und wieder Zunehmen. Meistens nimmt sie zu.

Mit Annika musste man damals überall hingehen, sagt die Mutter, sie hatte immer Angst. Zum Handball, zur Gymnastik, zum Turnen. Und immer hatte sie nach kurzer Zeit Streit mit einigen Kindern und keine Lust mehr. Nur beim Schwimmen ist sie geblieben. Unter Wasser fühlt sie sich mit ihrem Körper wohl, sie hat Kraft, eine gute Kondition und wird eine richtig gute Schwimmerin.

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