Okakarara, Namibia

So zauberhaft ist das Abendlicht nur in Afrika. Es leuchtet bernsteingelb, es durchglüht den dürren Busch. Das metallische Hitzekonzert der Zikaden ist verstummt. Dunkel und starr liegt der Wasserspiegel im Schatten der Dornakazien. Vielleicht war der Abend damals genauso magisch, vor hundert Jahren, als sich die Häuptlinge und Großmänner der Herero an der Viehtränke Onguera zur Beratung versammelten. Am Vortag, es war der 11. August 1904, hatte die Entscheidungsschlacht begonnen, die Herero hatten sich wacker geschlagen, aber die zahlenmäßig weit überlegene deutsche Kolonialtruppe mit ihren Krupp-Geschützen würde sie besiegen. Es war nur eine Frage der Zeit.

An diesem Ort sollen die Anführer der Herero beschlossen haben, durch eine Lücke in der Postenkette des Feindes mit ihrem Volk und den Rinderherden zu entweichen. Oder trieb die schiere Verzweiflung Zehntausende von Menschen in die Flucht, hinaus auf das öde Sandveld der Omaheke, hinein ins Verderben? Wir werden es nie erfahren. Jedenfalls spielte sich hier, am Fuße des Waterbergs im heutigen Namibia, ein finsteres Kapitel der deutschen Geschichte ab.

Für die Herero gab es nämlich kein Zurück. Die Reiter der so genannten Schutztruppe trieben sie vor sich her und massakrierten so viele sie massakrieren konnten. Wochenlang riegelten sie sämtliche Wasserlöcher ab, Tausende und Abertausende von Männern, Frauen und Kindern starben an Durst, Hunger, Entkräftung. »Das Röcheln der Sterbenden und das Wutgeschrei des Wahnsinns … verhallten in der erhabenen Stille der Unendlichkeit«, schrieb ein Offizier in sein Tagebuch. Am 2. Oktober 1904 erließ Oberbefehlshaber Lothar von Trotha den endgültigen Vernichtungsbefehl: »Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen.« Zwei Jahre später bilanziert der Große Generalstab zu Berlin: »Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: die Vernichtung des Herero-Volkes.«

Aber die Vernichtung ging weiter. Die Überlebenden wurden in Ketten gelegt und in Camps deportiert, die man Konzentrationslager nannte. Unter den 17000 Gefangenen waren auch 2000 Nama aus dem Süden der Kolonie, deren Aufstand die reichsdeutschen Konquistadoren ebenfalls niederschlugen. 7682 Menschen – da war ihre Statistik sehr genau – ließen in den Lagern ihr Leben, sie verhungerten, starben an Skorbut oder an Folgen schwerer Misshandlungen.

Eine Volkszählung im Jahre 1911 ergab, dass vom »Stamm« der Herero noch 15130 Menschen übrig geblieben waren. Zur Jahrhundertwende sollen es 70000 bis 80000 gewesen sein. Der Ausrottungsfeldzug der deutschen Schutztruppe war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts.

In Deutschland ist das kurze »Abenteuer« in Südwest längst vergessen. Zwei Weltkriege und der Holocaust überlagerten die Erinnerung an alle vorhergehenden Verbrechen. Man glaubte, dass das Deutsche Reich durch den frühen Verlust seiner Kolonien Glück gehabt hatte. Erst jetzt, zum hundertjährigen Gedenken, lichtet sich die Geschichtsvergessenheit.