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Aufräumen, aufhängen, niederknallen!
Vor hundert Jahren vernichteten deutsche Kolonialtruppen das Volk der Herero. Es war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts. Die Nachfahren fordern Entschädigung. Doch die Bundesregierung bleibt hart
Okakarara, Namibia
So zauberhaft ist das Abendlicht nur in Afrika. Es leuchtet bernsteingelb, es durchglüht den dürren Busch. Das metallische Hitzekonzert der Zikaden ist verstummt. Dunkel und starr liegt der Wasserspiegel im Schatten der Dornakazien. Vielleicht war der Abend damals genauso magisch, vor hundert Jahren, als sich die Häuptlinge und Großmänner der Herero an der Viehtränke Onguera zur Beratung versammelten. Am Vortag, es war der 11. August 1904, hatte die Entscheidungsschlacht begonnen, die Herero hatten sich wacker geschlagen, aber die zahlenmäßig weit überlegene deutsche Kolonialtruppe mit ihren Krupp-Geschützen würde sie besiegen. Es war nur eine Frage der Zeit.
An diesem Ort sollen die Anführer der Herero beschlossen haben, durch eine Lücke in der Postenkette des Feindes mit ihrem Volk und den Rinderherden zu entweichen. Oder trieb die schiere Verzweiflung Zehntausende von Menschen in die Flucht, hinaus auf das öde Sandveld der Omaheke, hinein ins Verderben? Wir werden es nie erfahren. Jedenfalls spielte sich hier, am Fuße des Waterbergs im heutigen Namibia, ein finsteres Kapitel der deutschen Geschichte ab.
Für die Herero gab es nämlich kein Zurück. Die Reiter der so genannten Schutztruppe trieben sie vor sich her und massakrierten so viele sie massakrieren konnten. Wochenlang riegelten sie sämtliche Wasserlöcher ab, Tausende und Abertausende von Männern, Frauen und Kindern starben an Durst, Hunger, Entkräftung. »Das Röcheln der Sterbenden und das Wutgeschrei des Wahnsinns … verhallten in der erhabenen Stille der Unendlichkeit«, schrieb ein Offizier in sein Tagebuch. Am 2. Oktober 1904 erließ Oberbefehlshaber Lothar von Trotha den endgültigen Vernichtungsbefehl: »Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen.« Zwei Jahre später bilanziert der Große Generalstab zu Berlin: »Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: die Vernichtung des Herero-Volkes.«
Aber die Vernichtung ging weiter. Die Überlebenden wurden in Ketten gelegt und in Camps deportiert, die man Konzentrationslager nannte. Unter den 17000 Gefangenen waren auch 2000 Nama aus dem Süden der Kolonie, deren Aufstand die reichsdeutschen Konquistadoren ebenfalls niederschlugen. 7682 Menschen – da war ihre Statistik sehr genau – ließen in den Lagern ihr Leben, sie verhungerten, starben an Skorbut oder an Folgen schwerer Misshandlungen.
Eine Volkszählung im Jahre 1911 ergab, dass vom »Stamm« der Herero noch 15130 Menschen übrig geblieben waren. Zur Jahrhundertwende sollen es 70000 bis 80000 gewesen sein. Der Ausrottungsfeldzug der deutschen Schutztruppe war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts.
In Deutschland ist das kurze »Abenteuer« in Südwest längst vergessen. Zwei Weltkriege und der Holocaust überlagerten die Erinnerung an alle vorhergehenden Verbrechen. Man glaubte, dass das Deutsche Reich durch den frühen Verlust seiner Kolonien Glück gehabt hatte. Erst jetzt, zum hundertjährigen Gedenken, lichtet sich die Geschichtsvergessenheit.
Kuiama Riruako lässt anderthalb Stunden auf sich warten, dafür geht er gleich in die Vollen. »Ihr habt die jüdischen Zwangsarbeiter entschädigt, ihr müsst auch uns entschädigen.« Riruako, ein dicker, runder Mann von 68 Jahren, nennt sich Paramount Chief, aber nicht alle Herero erkennen ihn als ihr Oberhaupt an, und die meisten der 25000 deutsch-stämmigen Namibier halten ihn für einen halbseidenen Stammesfürsten. Deutsche Politiker gehen ihm lieber aus dem Weg, weil er die Vergangenheit einfach nicht vergehen lassen will – er verlangt ein klares Schuldbekenntnis. Und obendrein fordert er Wiedergutmachung in Milliardenhöhe.
Beim letzten Staatsbesuch eines Bundespräsidenten im Jahre 1998 gehörte Riruako zur Delegation, der ein offizielles Treffen verwehrt wurde. Eine Entschuldigung sei nur eine Worthülse, die mehr schade als nutze, erklärte Roman Herzog. Gewiss, die Vorkommnisse anno dazumal seien »nicht in Ordnung gewesen«, aber sie liegen schon allzu lange zurück. Schluss, aus, vorbei.
Kuiama Riruako möchte, dass »die Dinge in Ordnung gebracht werden«. Im September 2001 haben seine Anwälte bei einem Distriktgericht in New York eine Sammelklage eingereicht. Er fordert im Namen aller Herero vier Milliarden Dollar Schadenersatz von der Bundesrepublik Deutschland und den Rechtsnachfolgern deutscher Unternehmen wie die Reederei Woermann (heute Deutsche Afrika-Linie), die vom Kolonialkrieg profitiert haben.
Joschka Fischer bedauert zutiefst – und schweigt ansonsten
Wer gehofft hatte, die rot-grüne Koalition würde anders mit diesem »dunklen Kapitel« umgehen, sah sich spätestens nach der Stippvisite von Joschka Fischer vorigen Oktober enttäuscht. Der Außenminister betonte das »tiefe Bedauern« und den »tiefen Schmerz«, aber der Schmerz ist offenbar nicht tief genug für eine Entschuldigung; er werde »keine Äußerung vornehmen, die entschädigungsrelevant wäre«, sagte Fischer. Entschädigungsrelevant – ein Wort wie aus deutscher Eiche geschnitzt.
Seit der Unabhängigkeit Namibias im Jahre 1990 praktizieren alle Bundesregierungen die gleiche Abwehrstrategie. Jetzt noch um Vergebung bitten? Wieder blechen? Zahlt Deutschland, in Namibia Entwicklungshelfer Nummer eins, nicht schon genug? In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten waren es immerhin 500 Millionen Mark – gemessen am Pro-Kopf-Anteil erhält kein anderes Land der Welt mehr Unterstützung aus Deutschland. Wenn das Auswärtige Amt diese Bilanz präsentiert, klingt das wie die Aufrechnung von Ablasszahlungen. Offenbar fühlt man sich in Berlin doch ein bisschen verantwortlich für die Verheerungen der Kolonialzeit.
Omuinjo uetu uri mongombe, sagen die Herero. Unser Leben ist im Rind. Und so beginnt ihr Untergang mit der verheerenden Rinderpest des Jahres 1896, die 95 Prozent der Herden hinrafft. Zugleich wird das Land der Ahnen immer kleiner, die Kolonialisten haben durch trickreiche Verträge gewaltige Flächen erschlichen, oft werden sie auch von korrupten Großmännern der Herero verscherbelt. Immer mehr Menschen leiden unter Mangelernährung und Seuchen, ihre Gemeinschaften zerfallen. Ohne Vieh und Land sind sie gezwungen, als Halbsklaven auf den Farmen der Weißen zu arbeiten. Sie werden ausgebeutet, erniedrigt, misshandelt, vergewaltigt. Zahlreiche Aufzeichnungen von Missionaren belegen, wie der deutsche Herrenmensch seinen Sadismus auslebt.
Am Abend des 11. Januar 1904 erheben sich die Herero. Sie ermorden 123 Siedler, Händler und Soldaten – und entfachen den Furor teutonicus. Von Anfang an ist die Rede von Vernichtung, im Februar berichtet Pater Elger in einem Brief an die Rheinische Missionsgesellschaft vom »Blutdurst gegen die Herero«, man höre nichts als »aufräumen, aufhängen, niederknallen bis auf den letzten Mann, kein Pardon«. Im selben Monat mahnt Theodor Leutwein, der vergleichsweise gemäßigte Gouverneur; ein Volk von 60000 bis 70000 Seelen lasse sich nicht so leicht vernichten, außerdem bedürfe man der Herero als Arbeiter. So dachte ein weitsichtiger Kolonialherr, einer, der wusste, dass die schwarzen Knechte dringend gebraucht werden, beim Eisenbahnbau, in den Bergwerken, auf den Farmen oder auch als Hilfssoldaten.
Aber der »liberale« Leutwein wird entmachtet und durch Lothar von Trotha ersetzt, einen Eisenfresser, der seine Brutalität schon beim Boxeraufstand in China bewiesen hatte. Der Generalleutnant stellt klar, was er will: »Ich glaube, dass die Nation (der Herero) als solche vernichtet werden muss.« Nachdem er sein Werk vollbracht hatte, wurden die Herero, Nama, Damara und andere Völker per kaiserliches Dekret enteignet. Die Siedler aus dem Reich waren hungrig nach Land.
»Wir haben damals alles verloren, das Land und das Vieh, alles. Es ist auch uns Nachfahren geraubt worden«, sagt Riruako. »Ihr müsst das Unrecht anerkennen, es gibt kein Zurück, denn sonst…« – der Chief klopft mit der Handkante auf den Tisch – »…sonst könnte es kommen wie in Simbabwe. Dann besetzen auch unsere Jungen die weißen Farmen und holen sich das Land zurück.« Eigentlich ist Riruako ein recht umgänglicher Mann mit einem herzerfrischenden Lachen. Aber bei diesem Thema kann er so bullig auftreten, dass manche seiner Worte Hörner bekommen. Auffällig viele Sätze beginnt er mit dem Wörtchen »Ich«, fragt man ihn aber danach, wer die Reparationen nach welchen Kriterien an wen verteilen würde, verlieren sich die Antworten im Ungefähren. Deshalb trauen ihm die meisten seiner Landsleute, auch Hereros, nicht. Und je weiter man hinausfährt in ihr ehemaliges Land, desto mehr scheinen seine Macht und sein Einfluss zu schwinden.
Der steinalte Chief Kambazembi, den wir am Fuße des Waterberges treffen, hält zum Beispiel recht wenig von Riruako und seiner Klage. »Er soll für sein eigenes Haus reden, nicht für unser ganzes Volk. Ich jedenfalls folge seinen Worten nicht.« Man muss in Afrika lange nach einem Volk suchen, das so zerstritten ist wie die Herero. Aber in einem sind sich die meisten einig: Ohne Kompensation für erlittenes Unrecht kann es keine echte Versöhnung geben. »Natürlich verlangen wir Entschädigung, schauen Sie sich nur um hier«, sagt Häuptling Kambazembi. »Wir leben seit hundert Jahren auf einem Friedhof.«
Schauen wir nach Okakarara, in das kleine staubige Nest unter dem Waterberg. Ein paar Kirchen, Schulen, Amtsgebäude, drei Parteibüros mit windzerzausten Fahnen, zwei Tankstellen, ein bescheidenes Hospital, keine Bank, dafür jede Menge Termitenhügel, Schnapsläden und Bars. Auf der Hauptstraße gehen junge Männer auf und ab. Am Straßenrand nähen Frauen Trachtenpüppchen, die so aussehen wie sie selbst. »Wir sind die Ärmsten der Armen in Namibia«, schimpft Asser Mbai, der Bezirksrat. Warum das so ist? »Wie sollte es anders sein?«, entgegnet er und zählt die Ursachen auf: Erst die deutsche Kolonialzeit, dann die Jahre der Apartheid unter den südafrikanischen Besatzern, schließlich die korrupte Regierung nach der Unabhängigkeit. »Sie vernachlässigt die Region, weil die Leute nicht Swapo wählen.«
»Das ist nicht wahr«, sagt Tjatjitrani Kandukira, der frisch gewählte Bürgermeister, 44 Jahre, Rastalocken, Mitglied der Regierungspartei Swapo. »Wir neigen dazu, immer nur andere zu beschuldigen, das hat Tradition in Afrika. Dabei gab es hier jede Menge Missmanagement – durch Hereros.« 9000 Einwohner hat Okakarara, rund 70 Prozent sind arbeitslos, schätzt Kandukira. »Die Jungen trinken, weil sie keine Perspektive haben.« Vor ein paar Minuten wurden der Stadt wieder einmal Strom und Wasser abgedreht, Kandukira ist das peinlich. Seine Kommune ist bankrott, die meisten Einwohner zahlen keine Steuern, weil sie nichts verdienen. Eine Stadt im Teufelskreis der Unterentwicklung, die jede Eigeninitiative lähmt. Die Folgen sind in der Turnhalle der Secondary School zu besichtigen – sie ist 1989 ausgebrannt. Aber man hat es in 15 Jahren nicht geschafft, sie zu renovieren. Vielleicht kommt ja irgendwann ein großherziger Spender. Oder Reparationen aus Deutschland.
Immerhin entsteht am Rande der Stadt gerade ein kleines Kulturzentrum mit einer Freiluftbühne, einem Museum und einem Denkmal für den Widerstand der Herero – auch die Bundesregierung bezuschusst das Projekt. Vielleicht könnte das Zentrum ein paar »Versöhnungstouristen« in die Gegend locken, hofft der weiße Farmer Wilhelm Diekmann. Er hat dem Projekt ein Stück Land zur Verfügung gestellt, eine Ecke seiner Farm Hamakari, wo vor hundert Jahren die Schlacht stattfand. Mittendrin liegt ein kleiner Heldenfriedhof, zehn Gräber, Reiter der Abteilung Heyde, die ersten Gefallenen des 11. August 1904. Ein Pavian hat auf die Kaiserkrone über dem Epitaph gekotet.
Nicht dass Diekmann die These vom Völkermord unterschreiben würde, aber er plädiert für Wiedergutmachung. »Die Herero haben schließlich ihre Weiden und ihr Vieh verloren.« So denken nicht viele Weiße. Die Mehrheit hält es mit den Fantasien der Heimat- und Reichsforscher.
Massenmord? Die Zahlen sind übertrieben. Konzentrationslager? Es waren Rettungszentren! Und die Aussagen der Opfer, dokumentiert im Blue Book der Engländer? Nichts als Feindpropaganda. Außerdem sind die aufsässigen Herero an ihrem Schicksal selbst schuld. Ganz abgesehen davon, dass viele überlebt haben…
Die weißen Farmer fürchten Vertreibung, wie in Simbabwe
Der Vorwurf des Völkermordes verletze das Selbstbild der Namibia-Deutschen, sagt der in Swakopmund geborene Historiker Joachim Zeller. Sie sehen sich als Nachfahren der Südwester, der Pioniere, die einst eine terra nullius, ein herrenloses Land, zivilisiert haben. Und welches Verbrechen wäre den weißen Landwirten von heute schon vorzuwerfen? Dass die Väter ihrer Väter einst Land erwarben, das regierungsamtlich gestohlen wurde? Hamakari, die Farm von Wilhelm Diekmann, hat zum Beispiel sein Großvater Gustav im Jahre 1908 gekauft. Was den Enkel heute viel mehr beunruhigt ist die Anarchie im Nachbarland Simbabwe. Wird es in Namibia genauso kommen? Werden auch hier die landlosen Schwarzen die 4000 weißen Großgrundbesitzer vertreiben, denen nach wie vor 80 Prozent der kommerziellen Nutzflächen gehören? »Schon allein, um das zu verhindern, müssen wir einen Ausgleich schaffen«, sagt Diekmann.
Das sieht man auch im fernen Berlin so. Man will weiterhin helfen, allerdings dem ganzen Land, nicht einer ethnischen Gruppe. Da zieht man an einem Strang mit der namibischen Regierung, die die Klage von Chief Riruako nicht unterstützt, weil er, wie es in Swapo-Kreisen heißt, Reparationen auf Stammesebene fordert. Wiedergutmachung für die Herero wird es also vermutlich nicht geben; der Bundestag hat zur Würdigung der Opfer des Kolonialkrieges in Südwestafrika im Juni eine entsprechende Entschließung fabriziert. Von Unrecht und brutalster Gewalt ist darin die Rede, von tiefem Bedauern, von Trauer, aber nicht von Massenmord, von Schuld, von Vergebung. Das könnte ja justiziabel sein…
Die Fachleute des Auswärtigen Amtes, die den ohnehin harmlosen Beschluss vollends glatt gebügelt haben, entblödeten sich nicht, Argumente des rechtsextremen Geschichtsforschers Claus Nordbruch zu übernehmen – der spricht von der »Völkermordlüge« wie seinerzeit die Altnazis von der »Kolonialschuldlüge«.
Immerhin hat nach hundertjährigem Verklären und Verharmlosen eine neue Debatte über die deutsche Kolonialära begonnen. In Deutsch-Südwestafrika enstanden die Vorformen der KZ, Afrikaner mussten Blechmarken tragen wie gelbe Sterne. Man sprach von Lebensraum. Man kämpfte einen Rassenkrieg. Der Menschenforscher Eugen Fischer sezierte die Leichen der »Eingeborenen«, um ihre Minderwertigkeit nachzuweisen; einer seiner Studenten war ein gewisser Josef Mengele. Auch wenn keine direkte Traditionslinie vom Waterberg nach Auschwitz führt – der mörderische Geist der Nazis manifestiert sich schon in den Köpfen der wilhelminischen Kolonialschlächter. Keiner hat das so trefflich ausgedrückt wie Thomas Pynchon in seinem Roman V.: General von Trotha habe 60000 Menschen ins Jenseits befördert, schreibt der Amerikaner. »Das ist zwar nur ein Prozent von sechs Millionen, aber immerhin auch eine schöne Leistung.«
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.08.2004 Nr.33
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