völkermprd Aufräumen, aufhängen, niederknallen!Seite 4/4
Nicht dass Diekmann die These vom Völkermord unterschreiben würde, aber er plädiert für Wiedergutmachung. »Die Herero haben schließlich ihre Weiden und ihr Vieh verloren.« So denken nicht viele Weiße. Die Mehrheit hält es mit den Fantasien der Heimat- und Reichsforscher.
Massenmord? Die Zahlen sind übertrieben. Konzentrationslager? Es waren Rettungszentren! Und die Aussagen der Opfer, dokumentiert im Blue Book der Engländer? Nichts als Feindpropaganda. Außerdem sind die aufsässigen Herero an ihrem Schicksal selbst schuld. Ganz abgesehen davon, dass viele überlebt haben…
Die weißen Farmer fürchten Vertreibung, wie in Simbabwe
Der Vorwurf des Völkermordes verletze das Selbstbild der Namibia-Deutschen, sagt der in Swakopmund geborene Historiker Joachim Zeller. Sie sehen sich als Nachfahren der Südwester, der Pioniere, die einst eine terra nullius, ein herrenloses Land, zivilisiert haben. Und welches Verbrechen wäre den weißen Landwirten von heute schon vorzuwerfen? Dass die Väter ihrer Väter einst Land erwarben, das regierungsamtlich gestohlen wurde? Hamakari, die Farm von Wilhelm Diekmann, hat zum Beispiel sein Großvater Gustav im Jahre 1908 gekauft. Was den Enkel heute viel mehr beunruhigt ist die Anarchie im Nachbarland Simbabwe. Wird es in Namibia genauso kommen? Werden auch hier die landlosen Schwarzen die 4000 weißen Großgrundbesitzer vertreiben, denen nach wie vor 80 Prozent der kommerziellen Nutzflächen gehören? »Schon allein, um das zu verhindern, müssen wir einen Ausgleich schaffen«, sagt Diekmann.
Das sieht man auch im fernen Berlin so. Man will weiterhin helfen, allerdings dem ganzen Land, nicht einer ethnischen Gruppe. Da zieht man an einem Strang mit der namibischen Regierung, die die Klage von Chief Riruako nicht unterstützt, weil er, wie es in Swapo-Kreisen heißt, Reparationen auf Stammesebene fordert. Wiedergutmachung für die Herero wird es also vermutlich nicht geben; der Bundestag hat zur Würdigung der Opfer des Kolonialkrieges in Südwestafrika im Juni eine entsprechende Entschließung fabriziert. Von Unrecht und brutalster Gewalt ist darin die Rede, von tiefem Bedauern, von Trauer, aber nicht von Massenmord, von Schuld, von Vergebung. Das könnte ja justiziabel sein…
Die Fachleute des Auswärtigen Amtes, die den ohnehin harmlosen Beschluss vollends glatt gebügelt haben, entblödeten sich nicht, Argumente des rechtsextremen Geschichtsforschers Claus Nordbruch zu übernehmen – der spricht von der »Völkermordlüge« wie seinerzeit die Altnazis von der »Kolonialschuldlüge«.
Immerhin hat nach hundertjährigem Verklären und Verharmlosen eine neue Debatte über die deutsche Kolonialära begonnen. In Deutsch-Südwestafrika enstanden die Vorformen der KZ, Afrikaner mussten Blechmarken tragen wie gelbe Sterne. Man sprach von Lebensraum. Man kämpfte einen Rassenkrieg. Der Menschenforscher Eugen Fischer sezierte die Leichen der »Eingeborenen«, um ihre Minderwertigkeit nachzuweisen; einer seiner Studenten war ein gewisser Josef Mengele. Auch wenn keine direkte Traditionslinie vom Waterberg nach Auschwitz führt – der mörderische Geist der Nazis manifestiert sich schon in den Köpfen der wilhelminischen Kolonialschlächter. Keiner hat das so trefflich ausgedrückt wie Thomas Pynchon in seinem Roman V.: General von Trotha habe 60000 Menschen ins Jenseits befördert, schreibt der Amerikaner. »Das ist zwar nur ein Prozent von sechs Millionen, aber immerhin auch eine schöne Leistung.«
- Datum 05.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.08.2004 Nr.33
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