Es gibt die mächtigen, wunderbar vielgestaltigen Kunstwerke, die Kathedralen, Symphonien, Romane, und man verbeugt sich staunend vor solcher Größe. Manchmal aber kommt ein kurzes Gedicht daher, eine zarte Melodie, eine unscheinbare Miniatur, und man ist verzaubert. Es mag einem ergehen wie dem treuen Heinrich im Froschkönig, dem die eisernen Bande vom Herzen springen. Man spürt, wie sich im Herzen etwas löst, und wem das Wasser in die Augen schießt, der muss sich nicht schämen.

Der verführerische Zauber von Jutta Richters Erzählung Hechtsommer trifft den Leser wie ein unversehens herbeigewehtes Lied, wie ein lange nicht mehr geträumtes Bild, und er wirkt so stark, weil er die Gegensätze, die Widersprüche miteinander verbindet, die Wahrheit und die Lüge, den Anstand und die Niedertracht, die Erfahrung des Todes und das Glück des Lebens.

Das ist viel für eine kleine Erzählung, die ja nur von einem schönen Sommer irgendwo im deutschen Norden handelt; von drei Kindern, einem älteren Mädchen und zwei jüngeren Knaben, die miteinander spielen. Aber dieser Sommer ist ein besonderer, ein Fest der Wärme, des Lichts und aller Sinne. "Als wir an diesem Mittag aus der Schule kamen, waren die Rapsknospen aufgeplatzt. Schon von weitem sahen wir das Feld leuchten. Für uns waren das die schönsten Farben der Welt: Das Rapsgelb, das Blutbuchenrot und darüber das tiefe Blau des Himmels."

Und das Spiel der Kinder ist ein besonderes, ein langer Kampf, eine immer ernstere Jagd, die mit dem Tod endet, mit dem Tod des großen Hechts. "Er schimmerte grünsilbrig und er sah wild aus und gefährlich." Nach vielen Fehlschlägen fangen sie ihn im Fluss und tragen ihn stolz nach Hause.

Zu Hause aber ist eingetreten, wovor sich alle gefürchtet und worüber die Eltern geschwiegen, die Kinder geflüstert und die Nachbarn getratscht haben: Die Mutter hat ihren Kampf gegen den Krebs verloren. "Und dann", so erzählt das Mädchen (sie ist die Freundin der beiden Brüder), "hörte ich Lukas, der rief ›Papa! Wir haben ihn! Papa, guck mal, wie groß er ist!‹ Und ich drehte mich um. Und Peter hatte sich hingekniet und hielt seine Jungen im Arm. Und die drei hatten die Stirn aneinander gelegt und ich sah Peters Rücken und sein Schluchzen. Und daneben im Staub lag der Hecht."

Es ist ziemlich schwer, es ist eine Kunst, auf derart unbegreifliche Dinge mit solch einfachen Sätzen zuzugehen. Da lauert hinter jedem Busch der Kitsch. Aber Jutta Richter macht sich mit leichtem Gepäck auf diesen schwierigen Weg. Ihre Sprache ist von schlanker, anmutiger Schönheit, und die unaussprechlichen Gefühle stehen zwischen den Sätzen. So liest man diese Geschichte eines Sommers mit großer Bewegung. Die Trauer, die man dabei empfindet, ist Trauer über die vergangene Zeit. Denn Jutta Richter erzählt vom letzten Sommer der Kindheit. "Es war so ein Sommer, der nicht aufhört. Und dass es unser letzter werden würde, hätte damals keiner geglaubt." So beginnt es.

Und so endet es: "Ich beugte mich über die Brücke und starrte aufs Wasser. Zwei Libellen tanzten vorbei, ein Wasserhuhn gründelte und ein Schwarm kleiner Rotfedern sonnte sich dicht unterm Wasserspiegel. Es war alles wie immer, es war so, als wäre gar nichts geschehen." Es ist gar nicht die Frage, ob jeder von uns einen solchen Sommer erlebt hat. Indem wir diese Geschichte lesen, erleben wir ihn, als hätte es ihn wirklich gegeben, und wir erinnern uns an den Zauber der frühen Tage, ihre manchmal namenlose Trauer.

Die Kinder- und Jugendliteratur gilt zumeist als die arme Verwandte der großen Literatur. Aber wenn sie nicht nach deren Weihen schielt oder ins schlecht Didaktische ausweicht, kann sie das Große im Kleinen finden, kann sie bewirken, dass derlei Zuschreibungen spurlos verdunsten – und genau das ist Jutta Richter gelungen.