Man betritt die Moderne und landet zwischen Traum und Plunder. Das Ritz-Carlton-Hotel in einem kühlen, neuen Haus am Potsdamer Platz setzt auf alles, was lange her ist – Freitreppen, Casablanca, Vicky Baum. Haben Sie reserviert?, fragt der Herr an der Rezeption, bevor er mich zur Tea-Lounge geleitet, wo sich dann doch noch ein freier Tisch findet. Eine Asiatin in schwarzer Seide kniet neben mir nieder und erforscht meine Wünsche. Assam, kräftiges Blatt, goldene Tasse. Die gut situierte Familie am Nebentisch lässt an Teatime-Beiwerk kommen, was möglich ist, Konfitüren, Etageren mit Törtchen und Kanapees sowie Champagner, das Töchterchen staunt. Eine Russin in rot geblümter Bluse sitzt träge wie ein Buddha, weitab von der Welt da draußen, in der es regnet oder die Sonne scheint – wer weiß? Die fensterlose Tea-Lounge des Ritz-Carlton ist eine komfortable Abart des Jenseits. Das Handy-Geschnatter zweier Business-Brüder schlägt irdische Schneisen, die selbst der Pianist nicht zu überspielen in der Lage ist.

Und dann kommt die Frau mit dem Rittersporn, dessen Wurzeln in einer grünen Plastiktüte stecken. Sie kuschelt sich in den golden gestreiften Sessel und betrachtet das Ambiente, eine frohgemute Touristin des Luxus. Sie wähle ich aus, sie wird meine Bekanntschaft. So sähe Marilyn Monroe aus, wenn sie älter als 40 geworden wäre.

Den Rittersporn habe ich für meinen Mann gekauft, er ist mehrjährig, ich werde ihn im Garten unseres Hauses in Heringsdorf einpflanzen, neben die gelbe Lilie, die mein Mann für mich gesetzt hat. Ich bin seine Sonne, er ist das Meer für mich, sagt die Frau. Vorhin habe ich die Nachricht bekommen, dass ein Freund mit dem Hubschrauber abgestürzt ist, es kann so schnell vorbei sein – die blonde Frau Brinkmann schiebt die rechte Schulter nach vorn unters Kinn, neigt den Kopf und blickt von unten nach oben.

Das Spiel mit der Verführung währt lebenslang: Ich kenne meinen Mann jetzt 30 Jahre, wir haben uns in Stalinstadt getroffen, als er mich in der Lunik-Bar zum Tanz aufforderte. Das Aschenputtel und der Prinz. Na, wie ein Prinz sah Heinz eigentlich nicht aus mit seinen dünnen, langen Haaren und der Hornbrille, aber er hatte so eine liebe Art. Ich war 17 und Elektrodensteckerin im Halbleiterwerk Frankfurt/Oder.

Frau Brinkmann ist ohne jede Scheu vor Pathos: Die Liebe wuchs von Jahr zu Jahr. Heinz ist Künstler, seine Arbeit ist wichtiger als meine, ich bewundere seine Begabung und sein Talent, ich bin seine Assistentin, seine Aufnahmeleiterin, seine Managerin, seine Spitzenklöpplerin. ’n Gläschen Sekt wär jetzt nicht schlecht.

Ich habe Sie schon mal gesehen, Frau Brinkmann. Vor einem Jahr, vielleicht vor zwei, in einem Café in Prenzlauer Berg. Sie tanzten unter bunten Seidenlampions in einem schwarzen Kleid mit rutschenden Spaghettiträgern nach dem Walzer von Schostakowitsch und schimpften auf Ihren Mann. Ja, sagt sie, Heinz hat einiges ertragen müssen, aber die wilden Jahre sind vorbei, ich lebe jetzt mehr am Meer. Das Hauptproblem einer Ehe ist doch, dass der Partner nicht alles sein kann. Ich gebe inzwischen gern ab, auch andere Frauen bewundern Heinz, das tut ihm gut. Und Sie, wo bleiben Sie?, frage ich. Konny Brinkmann im roten Glitzer-Shirt nippt am Sektglas, lächelt wie Marilyn und drückt zärtlich die blaue Blume in der grünen Tüte an ihre Wange: Ist er nicht schön, mein Rittersporn?