So ist denn heute wirklich der Weltkrieg entbrannt!", notierte der Historiker Karl Hampe am 2. August 1914. "Daß es mit so reißender Schnelle geschehe, konnte man nicht ahnen."

Seit 1903 lehrte Hampe mittelalterliche Geschichte an der Heidelberger Universität. Neben dem Neuzeithistoriker Hermann Oncken zählte er hier zu den prominenten Vertretern seiner Zunft. Mit seiner viel gelesenen Deutschen Kaisergeschichte in der Zeit der Salier und Staufer (1909) hatte er sich über den Kreis seiner Fachkollegen hinaus einen Namen gemacht. Zu Beginn des Krieges entschloss er sich, ein Tagebuch zu führen. Darin schrieb er auf, was er über die Lage an den Fronten erfuhr, vor allem aber, wie sich der Krieg auf Familien- und Universitäts- leben auswirkte. Bis Ende Juni 1919, zum Tag der Unterzeichnung des Versailler Vertrages, führte er die täglichen Aufzeichnungen fort, danach beschränkte er sich zumeist auf wöchent- liche Zusammenfassungen.

Nun liegt das Kriegstagebuch 1914–1919 in einer von Folker Reichert und Eike Wolgast vorbildlich kommentierten und eingeleiteten Edition vor – ohne Frage eines der interessantesten Zeugnisse zur Kultur- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkrieges. Denn es gibt, wie bislang kaum ein Zweites, Einblicke in den Alltag eines angesehenen Universitätsprofessors und seiner vielköpfigen Familie in jenen dramatischen Jahren. Zugleich beleuchtet es auf exemplarische Weise politische Einstellungen und Verhaltensweisen, wie sie für das nationalliberale Bildungsbürgertum im ausgehenden Kaiserreich charakteristisch waren.

"Wo ist die Stimmung vom August 1914 geblieben?"

Mit den meisten deutschen Hochschullehrern teilt Karl Hampe die Kriegsbegeisterung des August 1914. Er ist überzeugt, dass Deutschland einen Verteidigungskrieg führe und sich "als Überfallener seiner Haut wehren" müsse (2. August 1914). Als 45Jähriger kann er selbst freilich nicht mehr eingezogen werden; stattdessen sucht er sich als Sanitätshelfer nützlich zu machen, während seine Frau Wollsachen für die Soldaten im Felde strickt.

Anders als viele seiner Kollegen rechnet Hampe aber von Anfang an nicht mit einer kurzen Dauer des Konflikts. Bereits unter dem Datum des 5. August 1914 findet sich die erstaunliche Feststellung: "…die Lage erinnert immer mehr an den Siebenjährigen Krieg." Dass das Deutsche Reich in diesem Ringen unterliegen könne, das hält der Heidelberger Ordinarius allerdings lange Zeit für ausgeschlossen. Wohl spürt er, dass mit dem Rückzug des rechten deutschen Angriffsflügels an der Marne im September 1914 eine entscheidende Wende zum Schlechteren eingetreten ist – "Ob der Historiker nicht von der Marneschlacht als einer deutschen Niederlage wird sprechen müssen?" (20. September 1914). Wohl beklagt er das "Morden ohne ersichtlichen Gewinn" (10. März 1915), wie es nach dem Übergang zum Stellungskrieg im Westen an der Tagesordnung war. "Die Massenschlächterei lastet doch dauernd auf einem" (12. Oktober 1916). Dennoch zwingt sich Hampe zum Optimismus. "Wir werden uns ja wohl durchhauen…" (7. Juni 1915) – mit solchen Formeln sucht er sich selbst zu beruhigen und innere Zweifel an einem glücklichen Kriegsausgang zu übertönen.

Ganz und gar nicht einverstanden ist Hampe mit all jenen, die schon früh auf einen Frieden der Verständigung drängen – den radikalen Sozialisten zum Beispiel. Dem "Genossen Liebknecht" müsse "man einmal bei passender Gelegenheit die Hose herunterziehen", schreibt er im Dezember 1915. Dass der "üble Störenfried" im Mai 1916 verhaftet wird, erfüllt ihn mit Genugtuung.