Arbeitsgrundlage
Feldforschung
Moderne Fußballstadien sind schlechte Gewächshäuser, das Gras verdörrt dort. Wird in der Bundesliga demnächst Kunstrasen ausgerollt?
D ie Bundesligasaison war fast zu Ende, und vom Rasen im Dortmunder Westfalenstadion war nichts mehr zu sehen. Braun lag er in der Märzsonne, er hatte in dem engen Bauwerk zu wenig Licht abbekommen und zu viele Grätschen. Das mögen die Halme nicht. Ein neuer Rasen musste ausgerollt werden, für die Arbeiter ist das mittlerweile Routinesache, jeder Handgriff sitzt. »Innerhalb von 48 Stunden bekommen wir einen neuen Rasen«, sagt Willi Droste, der Platzwart. Er legt Wert darauf, Platzwart und nicht wie sein Vorgänger Greenkeeper genannt zu werden, »eigentlich bin ich Bauer, ich finde diese englische Bezeichnung albern«. Hinter der neuartigen Berufsbezeichnung verbirgt sich aber tatsächlich ein modernisiertes Arbeitsfeld. Den Rasen grün zu halten und am Leben ist eine wahre Kunst geworden, seitdem die Fußballarenen immer enger werden und fast durchgängig überdacht sind.
Mittlerweile geben die Klubs für Rasenpflege Summen aus, die das Transfervolumen kleiner Vereine übersteigen. Jede neue natürliche Spielfläche kostet 100000 Euro, in der Hamburger AOL-Arena muss der Rasen bis zu viermal jährlich getauscht und außerdem aufwändig gepflegt werden. In der Amsterdam-Arena musste das Spielfeld in den ersten sechs Jahren nach der Eröffnung 1997 25-mal ersetzt werden. Und so wird zum ersten Mal ein Thema, was lange ein Tabu war: dem Fußball seine Grundlage zu entziehen und sie durch Kunstrasen zu ersetzen.
Wie sehr das Problem die Manager beschäftigt, zeigen viele Beispiele. In der neuen Arena AufSchalke wird das Spielfeld nach den Spielen aus dem Stadioninneren herausgefahren, wo es genug Sonne und Luft bekommt, was pro Saison 350000 Euro verschlingen kann, ganz zu schweigen von der Investition in die Schubladentechnik. Eine Lösung mit künstlichem Licht hat ein niederländischer Rosenzüchter entwickelt, beim britischen Klub FC Sunderland freut man sich seither über ein gedeihendes Spielfeld. Leider braucht das System riesige Energiemengen und ist damit ebenfalls teuer. In Dortmund wiederum hat sich Manager Michael Maier ein System mit Spiegeln und Prismen zeigen lassen, mit dem das Licht umgeleitet werden sollte. Es scheiterte an der Statik der Dachkonstruktion.
Aber passt der Kunstrasen nicht sowieso viel besser zum modernen Fußball, wo mit Kunststoffschuhen mit einem Plastikball gespielt wird? Zurzeit spielen im Rahmen einer Uefa-Pilotstudie fünf Erstligaklubs darauf. Einer der Vereine ist der SV Wüstenrot Salzburg in der österreichischen Bundesliga, bei dem der ehemalige Nationalspieler Thomas Häßler gerade seine Karriere ausklingen lässt. Und? »Kann man nicht mit Naturrasen vergleichen, das sind Welten. Und wenn man den Rasen schon riecht, ist man direkt anders drauf.«
Ein Argument, das den Wächtern der Reglements, dem europäischen Fußballverband Uefa und dem Weltverband Fifa, ziemlich egal sein dürfte. Beide testen und lizensieren Kunstrasensorten und wollen bald auch internationale Spiele darauf austragen lassen. Die Fifa hat im Frühjahr beschlossen, Kunstrasen in die offiziellen Spielregeln aufzunehmen, sodass in Zukunft grundsätzlich alle Spiele auf dieser Oberfläche ausgetragen werden können. Die Uefa wird wohl bald ähnlich entscheiden. »Sollte die Uefa 2005 einen positiven Entscheid fällen, kann man davon ausgehen, dass die Schweizer Stadien umrüsten und die EM 2008 auf Kunstrasen gespielt wird«, prophezeit Christian Moroge, Präsident der Sportplatzkommission des Schweizerischen Fußballverbandes.
Das ist, so viel steht fest, gut für die Bodenbelaghersteller, gut für die Rohstofflieferanten wie Bayer – und gut für die Fifa. Denn natürlich dürfen nur Kunstrasensorten mit Zertifikat verwendet werden, und für das Fifa-Siegel bezahlen die Hersteller 150000 Schweizer Franken. Dafür dürfen dann zehn Spielfelder gekauft werden, bevor eine neue Lizenz für weitere 150 000 Franken erworben werden muss. Bei der Uefa lehnt man eine solche Vermischung eigener Interessen mit der Kunstrasenforschung ab. »Abzockerei« nennt ein Uefa-Funktionär das Vorgehen des Weltverbandes, und Ernest Walker, Mitglied der Uefa-Fußballrasen-Komission, sagt: »Das würde am Ende die Kosten an den Endbenutzer weitertragen, also den Amateurklub und die Gemeinde.«
Dennoch befürwortet er die Einführung des Kunstrasens unter bestimmten Umständen: »In Nordeuropa, wo die Winter lang sind, und in Südeuropa, wo es viel Hitze und Sonne gibt, dort wollen sie Kunstrasen, weil es ihre Probleme löst.« Eine WM 2010 in Afrika, so heißt es bisweilen in Funktionärskreisen, sei ausschließlich auf Naturrasen nicht vorstellbar. Doch gerade in heißen Gegenden braucht Kunstrasen mehr Wasser als eine adäquate Naturrasenzüchtung. Er heizt sich auf, kann sogar durch die Schuhsohle hindurch zu Verbrennungen führen und muss daher ständig gekühlt werden. Völlig ungeklärt ist außerdem, wie lange ein bis zu 600000 Euro teurer Belag hält. Und dass beim Austausch der Fläche etwa 90 Tonnen Sondermüll entstehen, wird auch gerne übersehen.
Aber im Moment hält vor allem ein altes Argument die Vereine davon ab umzurüsten: die Verletzungsgefahr. Die National Football League ersetzte in den neunziger Jahren viele Kunstrasenplätze durch Naturrasen, weil Studien zeigten, dass es bis zu 50 Prozent mehr Verletzungen gab. Allerdings ist inzwischen eine neue Kunstrasengeneration herangewachsen, mit sehr langen Halmen, zwischen denen Granulat liegt. Spieler, die grätschen und stürzen, verletzen sich angeblich nicht mehr. Erste Erkenntnisse der Uefa-Studie deuten darauf hin, dass es auf den neuesten Belägen zwar mehr Verletzungen gibt, diese aber weniger schwer sind als auf Rasen.
Die Spieler nehmen das anders wahr: »Man schimpft innerhalb der Mannschaft darüber, weil es für die Gelenke schlecht ist. Man hat Angst, dass die Karriere dadurch vielleicht verkürzt wird«, sagt Dominik Hassler vom Grazer AK, der lange in Salzburg spielte. Fest stehe nur, dass »die Spieler sich nach Spielen auf Kunstrasen müder fühlen«, sagt Fifa-Mann Boyer, »aber um Aussagen zu den langfristigen Auswirkungen zu machen, haben wir noch nicht genug Informationen«. Uefa-Präsident Lennart Johanson hat trotzdem schon pathetisch verkündet, im Grußwort einer Eigenpublikation: »Persönlich bin ich von der Realisierbarkeit der neuen Kunstrasensysteme vollkommen überzeugt, und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um sicherzustellen, dass künstlicher Fußballrasen eine Hauptrolle im europäischen und im Weltfußball spielen kann.«
In der neuen Münchner Allianz-Arena, wahrscheinlicher Ort des WM-Eröffnungsspiel 2006, wollen sie es trotzdem auf der alten Arbeitsgrundlage versuchen. Von Anfang an spielte der Rasen bei der Dachkonstruktion eine Rolle, dafür wurde eigens ein Experte angeheuert. »Der Rasenpapst«, heißt es, wenn man im Pressebüro der gigantischen Baustelle nach Clemens Mehnert fragt.
Mehnert blickt sich zufrieden um im Inneren des Rohbaus: »Es ist ja richtig sonnig hier.« Die Wanne ist bereits mit der Stahlkonstruktion ausgestattet, die einmal die transluzide Teflon-Haut tragen wird. Transluzid heißt, dass die Sonnenstrahlen fast ungefiltert auf die Halme treffen. Seit dreißig Jahren beschäftigt sich der Agraringenieur Clemens Mehnert mit Sportrasen, in Seminaren bildet er Rasenpfleger aus und kennt fast jeden Rasen in der Bundesliga. Er glaubt daran, dass der Naturrasen in den neuen Stadien zu retten ist. Wenn man sich nur tief genug hineindenke in die Lebensumstände des Rasens. »Bis die letzten kleinklimatischen Feinheiten bekannt sind, das dauert seine Zeit.« Er lächelt.
Das Beispiel Amsterdam-Arena zeigt, dass sich Geduld und die Investition in eine adäquate Pflege durchaus lohnen. Einst das Lieblingsbeispiel der Kunstrasenproduzenten, kommt man hier inzwischen mit zwei Rasenflächen pro Jahr aus. Die Samenzüchter, Rasenproduzenten und Platzpfleger haben sich zusammengetan und Lösungen ausgearbeitet, um der mächtigen Kunstrasenallianz etwas entgegenhalten zu können.
Und dann gibt es noch John Hendriks. Er steht in den Niederlanden auf einer saftig-grünen Rasenfläche, über die er jetzt seine Hand gleiten lässt, als wolle nachfühlen, wie es dem Rasen geht. Auf 350 Hektar Flachland holen die Wiesenrispen- und Rotschwingelhalme ihre Kraft, um den Torturen eines Sportplatzlebens möglichst lange zu widerstehen. Zwischen Kartoffeläckern und Kuhweiden an der deutsch-niederländischen Grenze liegt Hendriks’ Land, bedeckt mit feinstem Fußballgrün. Der ehemalige Bauer hat Maschinen entwickelt, mit denen sich der Rasen abschälen, verladen und in Mailand, Paris oder Madrid wieder verlegen lässt. Und sein Geschäft läuft gut, auf die Frage nach den Umsätzen lächelt er nur. Hendriks ist einer von drei großen Rollrasen-Lieferanten in Europa, ein Kämpfer um das letzte Stück Natur im modernen Fußballgeschäft, jedenfalls inszeniert er es so. Er kenne seine Stadien sehr gut, sagt Hendriks, und fühle bei Spaziergängen über die Felder nach, welche Sode »charakterlich am besten wohin passt«.
Das mag übertrieben klingen. Aber das Gefühl für den Rasen ist offenbar auch den Fußballern sehr wichtig. Die Spieler von Torpedo Moskau haben jedenfalls veranlasst, dass ihr Kunstrasen mit einer Flüssigkeit behandelt wird, die nach Gras riecht.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.08.2004 Nr.33
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