Arbeitsgrundlage FeldforschungSeite 2/2
Die Spieler nehmen das anders wahr: »Man schimpft innerhalb der Mannschaft darüber, weil es für die Gelenke schlecht ist. Man hat Angst, dass die Karriere dadurch vielleicht verkürzt wird«, sagt Dominik Hassler vom Grazer AK, der lange in Salzburg spielte. Fest stehe nur, dass »die Spieler sich nach Spielen auf Kunstrasen müder fühlen«, sagt Fifa-Mann Boyer, »aber um Aussagen zu den langfristigen Auswirkungen zu machen, haben wir noch nicht genug Informationen«. Uefa-Präsident Lennart Johanson hat trotzdem schon pathetisch verkündet, im Grußwort einer Eigenpublikation: »Persönlich bin ich von der Realisierbarkeit der neuen Kunstrasensysteme vollkommen überzeugt, und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um sicherzustellen, dass künstlicher Fußballrasen eine Hauptrolle im europäischen und im Weltfußball spielen kann.«
In der neuen Münchner Allianz-Arena, wahrscheinlicher Ort des WM-Eröffnungsspiel 2006, wollen sie es trotzdem auf der alten Arbeitsgrundlage versuchen. Von Anfang an spielte der Rasen bei der Dachkonstruktion eine Rolle, dafür wurde eigens ein Experte angeheuert. »Der Rasenpapst«, heißt es, wenn man im Pressebüro der gigantischen Baustelle nach Clemens Mehnert fragt.
Mehnert blickt sich zufrieden um im Inneren des Rohbaus: »Es ist ja richtig sonnig hier.« Die Wanne ist bereits mit der Stahlkonstruktion ausgestattet, die einmal die transluzide Teflon-Haut tragen wird. Transluzid heißt, dass die Sonnenstrahlen fast ungefiltert auf die Halme treffen. Seit dreißig Jahren beschäftigt sich der Agraringenieur Clemens Mehnert mit Sportrasen, in Seminaren bildet er Rasenpfleger aus und kennt fast jeden Rasen in der Bundesliga. Er glaubt daran, dass der Naturrasen in den neuen Stadien zu retten ist. Wenn man sich nur tief genug hineindenke in die Lebensumstände des Rasens. »Bis die letzten kleinklimatischen Feinheiten bekannt sind, das dauert seine Zeit.« Er lächelt.
Das Beispiel Amsterdam-Arena zeigt, dass sich Geduld und die Investition in eine adäquate Pflege durchaus lohnen. Einst das Lieblingsbeispiel der Kunstrasenproduzenten, kommt man hier inzwischen mit zwei Rasenflächen pro Jahr aus. Die Samenzüchter, Rasenproduzenten und Platzpfleger haben sich zusammengetan und Lösungen ausgearbeitet, um der mächtigen Kunstrasenallianz etwas entgegenhalten zu können.
Und dann gibt es noch John Hendriks. Er steht in den Niederlanden auf einer saftig-grünen Rasenfläche, über die er jetzt seine Hand gleiten lässt, als wolle nachfühlen, wie es dem Rasen geht. Auf 350 Hektar Flachland holen die Wiesenrispen- und Rotschwingelhalme ihre Kraft, um den Torturen eines Sportplatzlebens möglichst lange zu widerstehen. Zwischen Kartoffeläckern und Kuhweiden an der deutsch-niederländischen Grenze liegt Hendriks’ Land, bedeckt mit feinstem Fußballgrün. Der ehemalige Bauer hat Maschinen entwickelt, mit denen sich der Rasen abschälen, verladen und in Mailand, Paris oder Madrid wieder verlegen lässt. Und sein Geschäft läuft gut, auf die Frage nach den Umsätzen lächelt er nur. Hendriks ist einer von drei großen Rollrasen-Lieferanten in Europa, ein Kämpfer um das letzte Stück Natur im modernen Fußballgeschäft, jedenfalls inszeniert er es so. Er kenne seine Stadien sehr gut, sagt Hendriks, und fühle bei Spaziergängen über die Felder nach, welche Sode »charakterlich am besten wohin passt«.
Das mag übertrieben klingen. Aber das Gefühl für den Rasen ist offenbar auch den Fußballern sehr wichtig. Die Spieler von Torpedo Moskau haben jedenfalls veranlasst, dass ihr Kunstrasen mit einer Flüssigkeit behandelt wird, die nach Gras riecht.
- Datum 05.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.08.2004 Nr.33
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