kommentar: Sind sie das Volk?
Trotz aller Aufbruchsstimmung blieb nach der Magdeburger Montagsdemonstration Ratlosigkeit zurück. Und ein diffuses Unbehagen
Die Massen strömen, und die Organisatoren der Magdeburger Montagsdemonstration müssten eigentlich rundum glücklich sein. Doch bei aller Begeisterung merkt man ihnen gemischte Gefühle an. Bevor sich der Demonstrationszug mit über 10.000 Teilnehmern in Marsch setzt, hält ein Aktivist noch schnell eine kurze Ansprache, in der er klar stellt, dies sei ein überparteilicher, spontaner Bürgerprotest von Betroffenen; die Demo richte sich gegen Hartz IV, nicht aber gegen eine bestimmte Regierung. Ein zweiter betont, Rechtsradikale hätten in dieser Bewegung nichts verloren. Dass sich ein Fahnenschwenker der Sekte Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands in die erste Reihe geschmuggelt hat, nimmt freilich keiner übel obwohl diese an ihrem Stand bis eben noch ihre Agitationsbroschüren im Geiste von Marx, Lenin, und Stalin verkauft hat.
Der Lautsprecherwagen wird von der IG Metall gestellt, die Gesamtorganisation aber macht nicht den Eindruck professioneller Planung. Eine Gruppe von Jugendlichen mit Ordnerbinden erklären auf die Frage, wie sie dazu gekommen sind, sie seien mit Andreas befreundet. Der 42-jährige Andreas Ehrholdt aus dem 400 Seelen zählenden Ort Woltersdorf in der Nähe von Magdeburg ist der inzwischen fast schon legendäre Erfinder der neuen Montagsdemos. Als er vor drei Wochen per Mund-zu-Mund-Propaganda zum ersten Mal zur Versammlung auf dem Magdeburger Domplatz rief, kamen gerade mal um die fünfzig Leute. Dann rollte die Lawine wie von selbst. Von der Presseaufmerksamkeit, von den bohrenden Fragen der Journalisten scheint Ehrholdt eher überfordert, versucht, sie mit demonstrativer Gelassenheit an sich ablaufen zu lassen. Warum man keine Demonstrationsaufrufe im Internet lesen konnte? Ach, das dauert doch viel zu lange, bis einer das im Internet findet. Ehrholdt ist gelernter Bürokaufmann und mit kleinen Unterbrechungen durch ABM-Maßnahmen seit über zehn Jahren arbeitslos. Der jüngste Versuch, sich als freier Journalist selbstständig zu machen, sei gescheitert. Jetzt hat er Angst, ab nächstem Jahr in die Mühlen von Hartz IV zu geraten.
Was macht das leichte Unbehagen aus, das trotz allem zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein über der Demo liegt? Es ist, als fürchteten die Initiatoren und Unterstützer des neuen Aufruhrs, einen Geist aus der Flasche gelassen zu haben, von dem sie nicht wissen, ob sie ihn auf Dauer kontrollieren können. Seine Sorge sei, sagt Hans-Jochen Tschiche, eine Symbolfigur der Magdeburger Bürgerbewegung der Wendezeit, dass die angestaute Wut sich in Gewalt entladen könnte. Damals haben wir gerufen: Keine Gewalt! Doch welche Kraft sorgt heute mit einer positiven Botschaft dafür, dass der Protest nicht ausufert? Tschiche unterstützt die Montagsdemonstration und nimmt sie gegen den Vorwurf in Schutz, es handele sich bei ihr um den Missbrauch der Tradition von 1989/90: Damals ging es um Menschenrechte, heute um soziale Menschenrechte. Tschiche freut sich, dass sich die Ostdeutschen nach 14 Jahren Stillstand nun wieder so vehement zu Wort melden. Doch Hartz IV hält er nur für den Anlass, an dem sich die jahrelang aufgebaute Wut und Verbitterung ein Ventil sucht. Und es ist ihm sichtlich unbehaglich bei dem Gedanken, dass im Augenblick keiner weiß, wohin die Stimmung, wenn sie nicht wieder in sich zusammen fallen sollte, kippen könnte.
Doch der lange Demozug bleibt auch diesmal friedlich, und er wirkt nicht einmal besonders aggressiv, bewirkt vielleicht auch durch die drückende Hitze. Eine Gruppe von 50 bis 60 NPD-Anhängern in Markenklamotten, der neuen Camouflage der Rechtsradikalen wird abgedrängt und von der Polizei vom Demonstrationszug isoliert. Die Neonazis stehen stumm da, lassen die Demo an sich vorbei defilieren, als warteten sie geduldig darauf, dass der Volkszorn irgendwann auf ihre Mühlen fließen werde.
Außer dem unvermeidlichen Wir sind das Volk und Variationen auf Arbeit statt Hartz IV werden im langen Demonstrationszug kaum Parolen gerufen - Indiz für die Demo-Unerfahrenheit der meisten Protestler. Es wird ein wenig getrillert und gerasselt, gelegentlich werden Tröten betätigt wie im Fanblock eines Fußballstadions. Nur unvermeidliche linksradikale Gruppen wie Linksruck agitieren per Lautsprecher und fordern den Sturz Schröders; die Anarchisten von der Freien Arbeiterunion steuern ein kräftig geschmettertes Kapitalismus ist Kannibalismus bei. Die Volksbewegung ist wie durchästelt von solchen radikalen Aktivisten, die ihren Traum, echte Volksmassen anzuführen, in Erfüllung gehen sehen doch dominiert wird der Zug von ihnen nicht. Weder Gewerkschaften noch PDS sind mit eigenen Transparenten sichtbar. Nichts soll offenbar den Eindruck eines authentischen, ungelenkten Bürgerprotestes stören. Die PDS hat zudem ein besonderes Problem: Einerseits kommt ihr der undifferenzierte Protest gegen die da oben, das Großkapital und die Politiker zugute, wie zumindest Umfragen zeigen. Andererseits ist die PDS selbst Teil von Landesregierungen wie etwa in Berlin, die drastische Sparmaßnahmen zu verantworten haben. Die PDS, sagt Daniel Wiegenstein, ein IG-Metall-Mitglied und Mitorganisator der Demonstration, bekunde deshalb ihre Solidarität, halte sich aber auffällig zurück.
Die Magdeburger Protestbewegung bietet einen breiten Querschnitt durch die Bevölkerung. Es sind Vertreter der alten, ins Abseits gestellten DDR-Arbeiterklasse da, die zusehen mussten, wie ihre Betriebe nach der Wende verschwanden und die dafür mit wütenden Worten die Raffgier des Westens verantwortlich machen. Es marschiert aber auch Mittelstand mit, Akademiker, Angestellte, Selbstständige, die fürchten, bald selbst vom sozialen Absturz betroffen zu sein.
Am Ende bleibt bei allen Beteiligten im Kern mehr oder weniger deutlich artikulierte Ratlosigkeit zurück. Wilfried Kurtzke und Jens Maeße, zwei Aktivisten von Attac, sind zugleich im Magdeburger Sozialforum aktiv, einem breiten Bündnis aus Gewerkschaften, Sozialverbänden, Bürgerinitiativen und linken Gruppen es ist ein Charakteristikum des neuen sozialen Aktivismus, dass die Zuordnung Einzelner zu bestimmten Gruppen schwer fällt. Sie treten mal als Vertreter dieser, mal jener Initiative auf, je nachdem, wie es die Situation erfordert.




