irak
Widerstand aus tausend Zellen
Der Aufstand im Irak hat gerade erst begonnen. Amerika fürchtet einen langen Kampf. Das belegt ein internes Dokument aus dem Pentagon
Es gibt keinen richtigen Namen für den Krieg nach dem Krieg im Irak. Ein Aufstand? Dafür sind die gewalttätigen Gruppen – schiitische Glaubenshüter hier, sunnitische Bombenleger dort – zu sehr entzweit. Ein Guerilla-Krieg? Dafür wiederum geben sich die meisten Kombattanten zu armeehaft. Terrorismus? Dafür kämpfen zu viele zu offen und zu regelmäßig. Erst am Wochenende entflammte abermals eine Schlacht um die Schiiten-Hochburg Nadschaf. Der Kampf um den Irak, das sind mittlerweile viele Kriege.
Fast 800 amerikanische Soldaten sind seit dem »Ende der Hauptkampfhandlungen« im Mai 2003 im Irak umgekommen, über 5500 wurden verletzt. In der gleichen Zeit kamen zwischen 12000 und 24000 irakische Zivilisten gewaltsam ums Leben, etwa 1200 allein bei über 110 schweren Bombenanschlägen.
Es gibt kaum historische Vorbilder für das, was derzeit im Irak passiert. Konfliktszenarien wie Vietnam, Nordirland oder Somalia halten dem Vergleich nicht stand. Das amerikanische Verteidigungsministerium rätselt permanent, wem seine 140000 Soldaten am Tigris eigentlich gegenüberstehen, wer heute Straßenbomben legt, wer morgen Selbstmordautos steuert. Irak – Gegen wen kämpfen wir? lautet die Überschrift einer internen Analyse aus dem Pentagon, die der ZEIT vorliegt. Die Einschätzung lautet kurzgefasst: Viele Alt-Baathisten, wenige schiitische Fanatiker und immer mehr ausländische Islamisten teilen ein gemeinsames Ziel. »Sie wollen«, so der Pentagon-Bericht, »die Koalition aus dem Land treiben. (...) Unterschiede zwischen den Gruppen beginnen zu verschwimmen, da sich Allianzen je nach Zweck verschieben. Sogar Gruppen, die letztlich gegeneinander sind (Sunniten gegen Schiiten) können mitunter Zweckbündnisse auf Zeit schließen.« Das Wort, das diesem bewegten Frontenmix wahrscheinlich am nähesten kommt, gibt es nur im Englischen. Es heißt netwar.
Die Einschätzung des Pentagon deckt sich mit den meisten unabhängigen Analysen. Danach beharken im Wesentlichen vier größere Gruppen die Koalitionstruppen: ehemalige Mitglieder von Saddam Husseins Regime (im Militärjargon Former Regime Elements oder kurz FRE genannt), sunnitische Araber und Nationalisten (die große Teile der ehemaligen irakischen Oberschicht ausmachten), strenggläubige Schiiten um den Geistlichen Muktada al-Sadr (sie nennen sich selbst Mahdi-Armee), und einheimische wie zugewanderte islamische Extremisten (Al-Qaida-Anhänger). Aus Militärkreisen sickern unterschiedlichste Schätzungen über die Gesamtstärke dieser Gruppen durch. 5000 mögen es sein, munkeln die einen, bis zu 20000 die anderen. Legt man die offiziellen Angaben zugrunde, welche die provisorische Zivilverwaltung (CPA) bis zu ihrer Abdankung Ende Juni machte, dürften beide Zahlen recht vorsichtige Schätzungen sein. Laut CPA wurden allein zwischen Mai 2003 und Mai 2004 19750 so genannte Aufständische getötet oder festgenommen; 5700 sitzen noch im Gefängnis.
Wie lange kann Amerika diese asymmetrische Herausforderung aushalten? In Nordirland, um einen rein quantitativen Vergleich zuzulassen, brachten es nicht mehr als 500 IRA-Leute fertig, 20000 britische Soldaten 30 Jahre lang zu binden. Laut Pentagon-Papier sind sich die US-Strategen klar darüber, dass die Erhebung im Irak womöglich gerade erst begonnen hat: »Die irakischen Aufständischen könnten langfristig durchhalten; solange Geld und Nachschub in den Irak geschleust werden, werden sie in der Lage sein, Angriffe auszuführen«, heißt es. An Nachschub scheint kein Mangel zu sein. Immer wieder fleht der irakische Ministerpräsident die Nachbarländer an, ihre Grenzen besser zu überwachen. Vor allem aus Syrien, Saudi-Arabien, Jordanien, Jemen und Iran, klagt die Übergangsregierung, sickerten Kämpfer, Geld und Waffen ins Land.
Die wachsende Kraft des Widerstands folgt einer offenbar universellen Gesetzmäßigkeit: Okkupation schafft Opposition. Spätestens seit den Folterbildern von Abu Ghraib haben selbst amerikafreundliche Iraker ernsthafte Schwierigkeiten mit dem Wort Befreiung. Laut einer Umfrage des Gallup-Instituts betrachten mittlerweile 71 Prozent der Iraker die Amerikaner als unwillkommene Besatzer. Die fremden Eindringlinge haben den Nationalismus aktiviert wie Erreger ein Immunsystem.
»Ich habe die amerikanische Regierung immer mit Respekt betrachtet«, diktierte im Dezember der Anführer einer Widerstandszelle in Bagdad einem Reporter der Nachrichtenagentur UIP in den Block. Doch dann habe er mit ansehen müssen, wie GIs Häuser stürmten, seine Landsleute beleidigten, den Kopf eines alten Mannes mit ihren Stiefeln in den Staub drückten. »Da erkannte ich, dass sie nicht als Befreier gekommen waren, sondern als Besatzer. Meine Kollegen und ich entschieden uns daraufhin zu kämpfen.« Seine Kollegen, das sind in diesem Fall frühere Mitglieder der Baath-Partei.
Ist deren Netzwerk noch immer intakt? Bis zur Festnahme Saddam Husseins im Dezember verbreitete die US-Zivilverwaltung die These, der entmachtete Diktator dirigiere aus dem Untergrund den Widerstand gegen die westlichen Truppen. Sogar ein entsprechendes Befehlsschreiben aus der Vorkriegszeit tauchte auf. Dann entpuppte sich der »Untergrund«, aus dem Hussein angeblich waltete, als Erdloch ohne Rasiertisch. Von einer anhaltenden Kommandogewalt des Exdiktators war daraufhin erst einmal nicht mehr die Rede. Doch was treiben die anderen übrig gebliebenen Granden der 35-jährigen Baath-Diktatur? Von den 55 Figuren, welche die US-Armee auf Spielkarten zur Fahndung ausgeschrieben hat, sind neun weiterhin auf freiem Fuß, unter ihnen womöglich noch immer mächtige Männer. Sayf al-Rawi zum Beispiel, der Chef der Republikanischen Garde. Oder Rafi Tilfah, der Kopf des berüchtigten Sicherheitsdienstes DGS. Oder Tahir Habbusch, Präsident des alten irakischen Geheimdienstes.
Scott Ritter, ehemaliger Waffeninspekteur im Irak und Kenner des ehemaligen Regimes, behauptet, anstelle von Saddam Hussein steuerten seine Schergen die gesamte Kampagne gegen die Koalition, Islamisten inklusive. »Der so genannte islamische Widerstand wird von niemand anderem angeführt als vom früheren Vizepräsidenten Issat Ibrahim al-Duri«, glaubt Ritter. Al-Duri und die Geheimdienstchefs nutzten heute ihr Wissen von Gestern, um Iraks Militante in Stellung zu bringen. »Als Waffeninspekteur«, so Ritter, »habe ich die Hauptquartiere des DGS persönlich inspiziert. Es gibt nicht eine Person, Familie, einen Stamm oder eine islamische Bewegung im Irak, den der DGS nicht genauestens kennen würde – diese Informationen sind eine unschätzbare Quelle, um eine breite Widerstandsbewegung zu koordinieren.« Eine griffige These. Doch Ritter hat dafür ebenso wenig Belege, wie es Gegenbeweise gibt. Oder, wie es ein Pentagon-Beamter in der Zeitschrift New Yorker ausdrückt: »Das Problem ist, dass wir die bösen Jungs nicht infiltriert haben. Die Baath-Partei funktioniert als Zellensystem. Das ist wie mit dem Vietcong – den zu infiltrieren haben wir auch nie geschafft.«
Im Vergleich zur zweiten Front , die im Irak gegen die Besatzer entstanden ist, wären die Baath-Kader wohl noch der leichtere Gegner. Denn er wäre »nur« politisch. Der zweite große Gegner hingegen führt einen religiösen Krieg.
Abu Musab al-Sarqawi, 37 Jahre alt, aus Jordanien stammend, ist so etwas wie ein mobiler Weltenbrenner im Dienste des Dschihad. Er wanderte nach Afghanistan, um die Russen zu bekämpfen, später zu islamischen Fanatikern nach Pakistan und zwischendurch ins Gefängnis in Jordanien. Seit 2002 versucht er im Irak eine al-Qaida im Kleinen aufzubauen. Der Nukleus seines Netzwerks heißt al-Thawid wa al-Dschihad (Einheit und Heiliger Krieg) und ist weniger Adresse als Programm. Sarqawi ist offenbar, ähnlich wie sein Lehrmeister Osama bin Laden, eine Art Inspirationsfigur für militante Muslime in der Golfregion geworden. »Die meisten sind nicht im formalen Sinne Mitglieder seiner Gruppe«, sagte vor wenigen Wochen ein Sarqawi-Anhänger dem Time- Magazin. »Aber jeder, besonders die Ausländer, die in den Irak kommen und die seine Dschihad-Ideale teilen, betrachten sich als Teil von al-Thawid wa al-Dschihad.« Auf Breitenwirkung zielt Sarqawi mit makabren Werbespots. Die Enthauptungen und Erschießungen von ausländischen Geiseln vor laufenden Kameras gehen zum Großteil auf das Konto seiner Gruppe.
Seine Strategie hat Sarqawi deutlich erklärt. Der Irak soll ein neues Afghanistan werden, eine Staatsruine, aus der dereinst »Irak-Veteranen« auf neue Missionen geschickt werden können. Nach Saudi-Arabien zum Beispiel, dem nächstgelegenen islamischen Land, in dem sich »Ungläubige« breit gemacht haben. Von den etwa 99 Ausländern, die derzeit als Kämpfer in irakischen Gefängnissen einsitzen (Geheimdienste gehen davon aus, dass bislang nur wenige hundert Kämpfer von außerhalb ins Land gelangt sind), stammen laut Menschenrechtsminister Bechtiar Amin 26 aus Syrien, 14 aus Saudi-Arabien, 14 aus Iran, 12 aus Ägypten, 9 aus dem Sudan sowie je 5 aus dem Jemen, aus Palästina, Jordanien und Tunesien.
So könnte sich die US-Armee im Irak in einem nachhaltigen Dilemma verfangen: jene Militärpräsenz, die gegen Exbaathisten und militante Sunniten sinnvoll sein mag, befeuert gleichzeitig den Hass radikaler, aber auch moderater Muslime innerhalb wie außerhalb des Landes. Ein US-Leutnant im umkämpften sunnitischen Dreieck sprach im Guardian von einem Teufelskreis: »Weil wir hier sind, schießen sie auf US-Soldaten, und weil sie das tun, bleiben wir hier.«
Ob Amerika im Irak mehr Schaden als Nutzen anrichtet oder nicht – irgendwann stößt auch die Supermacht an ihre Grenzen. Um den Irak auf unabsehbare Dauer zu besetzen, müssten 67000 bis 106000 dort stationiert bleiben, was zwischen 14 und 19 Milliarden Dollar pro Jahr kosten würde. Das hat die unabhängige Haushaltsbehörde des amerikanischen Kongresses schon im vergangenen Jahr berechnet. Dabei, das konstatiert der Bericht recht nüchtern, würde sich Amerika überheben. Mit den bisherigen Kräften lasse sich die notwendige Truppenstärke nicht aufrechterhalten werden, so die Haushaltsschätzer, denn die Soldaten müssten jedes Jahr ausgewechselt werden. Selbst wenn die US-Armee sich aus den Friedensmissionen im Kosovo und in Bosnien verabschieden würde, seien damit lediglich 12000 Soldaten gewonnen. Fazit des Berichts: »Die Armee hat nicht genügend aktive Einheiten, um die Besatzung in ihrer aktuellen Größenordnung beizubehalten.«
Das Pentagon müsste zusätzliche Bodentruppen aktivieren, beispielsweise Marine Corps, Special Forces und Kampfeinheiten der Nationalgarde. Eine weitere Möglichkeit sei es, zwei neue Irak-Divisionen mit 18000 bis 23000 Soldaten aufzustellen. Aber woher sollen die kommen? Laut Bericht »entweder durch eine Vergrößerung der Gesamtgröße der Armee oder durch die Verlagerung einiger Geschäftsaufgaben auf Zivilisten, um militärisches Personal freizusetzen.« Das alles sei allerdings nicht sofort machbar. Fünf Jahre, so die Schätzung, würde es dauern, bis die Zusatzdivisionen abmarschbereit wären. Die Präsidentschaftswahlen sind allerdings schon im November.
»In Wahrheit«, sagt Michael O’Hanlon von der Washingtoner Brookings Institution, »könnte der Druck bald derart zunehmen, dass die Truppenstärke im Irak vorzeitig zurückgefahren werden muss – nicht nur wegen der ansteigenden Todeszahlen, sondern auch wegen der ungeheuren Belastung der Männer und Frauen im Militär.«
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.08.2004 Nr.34
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