irak Widerstand aus tausend ZellenSeite 3/3
Seine Strategie hat Sarqawi deutlich erklärt. Der Irak soll ein neues Afghanistan werden, eine Staatsruine, aus der dereinst »Irak-Veteranen« auf neue Missionen geschickt werden können. Nach Saudi-Arabien zum Beispiel, dem nächstgelegenen islamischen Land, in dem sich »Ungläubige« breit gemacht haben. Von den etwa 99 Ausländern, die derzeit als Kämpfer in irakischen Gefängnissen einsitzen (Geheimdienste gehen davon aus, dass bislang nur wenige hundert Kämpfer von außerhalb ins Land gelangt sind), stammen laut Menschenrechtsminister Bechtiar Amin 26 aus Syrien, 14 aus Saudi-Arabien, 14 aus Iran, 12 aus Ägypten, 9 aus dem Sudan sowie je 5 aus dem Jemen, aus Palästina, Jordanien und Tunesien.
So könnte sich die US-Armee im Irak in einem nachhaltigen Dilemma verfangen: jene Militärpräsenz, die gegen Exbaathisten und militante Sunniten sinnvoll sein mag, befeuert gleichzeitig den Hass radikaler, aber auch moderater Muslime innerhalb wie außerhalb des Landes. Ein US-Leutnant im umkämpften sunnitischen Dreieck sprach im Guardian von einem Teufelskreis: »Weil wir hier sind, schießen sie auf US-Soldaten, und weil sie das tun, bleiben wir hier.«
Ob Amerika im Irak mehr Schaden als Nutzen anrichtet oder nicht – irgendwann stößt auch die Supermacht an ihre Grenzen. Um den Irak auf unabsehbare Dauer zu besetzen, müssten 67000 bis 106000 dort stationiert bleiben, was zwischen 14 und 19 Milliarden Dollar pro Jahr kosten würde. Das hat die unabhängige Haushaltsbehörde des amerikanischen Kongresses schon im vergangenen Jahr berechnet. Dabei, das konstatiert der Bericht recht nüchtern, würde sich Amerika überheben. Mit den bisherigen Kräften lasse sich die notwendige Truppenstärke nicht aufrechterhalten werden, so die Haushaltsschätzer, denn die Soldaten müssten jedes Jahr ausgewechselt werden. Selbst wenn die US-Armee sich aus den Friedensmissionen im Kosovo und in Bosnien verabschieden würde, seien damit lediglich 12000 Soldaten gewonnen. Fazit des Berichts: »Die Armee hat nicht genügend aktive Einheiten, um die Besatzung in ihrer aktuellen Größenordnung beizubehalten.«
Das Pentagon müsste zusätzliche Bodentruppen aktivieren, beispielsweise Marine Corps, Special Forces und Kampfeinheiten der Nationalgarde. Eine weitere Möglichkeit sei es, zwei neue Irak-Divisionen mit 18000 bis 23000 Soldaten aufzustellen. Aber woher sollen die kommen? Laut Bericht »entweder durch eine Vergrößerung der Gesamtgröße der Armee oder durch die Verlagerung einiger Geschäftsaufgaben auf Zivilisten, um militärisches Personal freizusetzen.« Das alles sei allerdings nicht sofort machbar. Fünf Jahre, so die Schätzung, würde es dauern, bis die Zusatzdivisionen abmarschbereit wären. Die Präsidentschaftswahlen sind allerdings schon im November.
»In Wahrheit«, sagt Michael O’Hanlon von der Washingtoner Brookings Institution, »könnte der Druck bald derart zunehmen, dass die Truppenstärke im Irak vorzeitig zurückgefahren werden muss – nicht nur wegen der ansteigenden Todeszahlen, sondern auch wegen der ungeheuren Belastung der Männer und Frauen im Militär.«
- Datum 12.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.08.2004 Nr.34
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