Sollen sie ihn doch einen Besessenen nennen. Sollen sie ruhig sagen, er leide an Verfolgungswahn. Tausende hat er schon rings um den Washington Square in New York geführt, jedes Wochenende, seit mehr als sieben Jahren, und im Lauf der Zeit hat er sich daran gewöhnt, dass ihn die Leute skeptisch anschauen, ihn, den schmalen 45-Jährigen in seinem seriösen dunklen Anzug, der als Beruf "Korrekturleser" angibt. Weitere Fragen zu seinem bürgerlichen Leben wimmelt er mürrisch ab, das sei nicht von Interesse, interessant sei der Grund für seine Führungen. Bill Brown will zeigen, dass in seiner Stadt die Späher und Lauscher überall versteckt sind, in den Baumwipfeln, auf Simsen, an Laternenmasten. Und immer gehen Bill Browns Stadtführungen gleich aus. Am Ende guckt keiner mehr skeptisch. Am Ende wissen alle, dass er Recht hat.

Für Bill Brown fing die Sache 1996 an. Der damalige New Yorker Bürgermeister Rudi Giuliani, ein eiserner Kämpfer für Recht und Ordnung, hatte gerade polizeiliche Überwachungskameras an einigen öffentlichen Plätzen aufhängen lassen. Brown und ein paar Freunden passte das nicht, sie hatten eine Abneigung gegen staatliche Überwachung aller Art. Sie organisierten Theater vor den Kameras, stumme Aufführungen, halb aus Spott und halb aus Protest, für die unbekannten Zuschauer hinter ihren Überwachungsbildschirmen. Als sie daran den Spaß verloren, begann Brown seine Stadtführungen.

Heute sind Studenten einer Medienklasse der New York University dran. Gleich über dem Eingang ihres Universitätsgebäudes, an der Westseite, zeigt Brown, hängen Kameras der ersten Generation. Klobige Röhren, die noch wie richtige Kameras aussehen. "Aber die kann man leicht austricksen", sagt Brown, und deswegen haben sie vor ein paar Jahren zusätzlich eine Kamera der zweiten Generation danebengehängt. Sie fällt kaum auf, sieht eher aus wie eine Lampe. Sie kann um 360 Grad rotieren und "in einer Zeitung vier Straßen weiter mitlesen", sagt Brown. Noch spannender die dritte Generation, die ihre Bilder ohne Kabel drahtlos in ferne Zentralen funkt, die im Dunkeln sehen kann, Gesichter erkennt und bei Bewegungen automatisch mitzoomt. Doch davon erzählt er nur, im Washington Square hat er solche noch nicht gefunden.

Bill Brown zeigt den Studenten auch, wo die Überwacher sitzen, zwei Drogenfahnder der örtlich zuständigen sechsten Division, die in einem Bus an der Südseite des Washington Square die Bilder der Kameras verfolgen. Der Bus steht hier Tag und Nacht geparkt, die blaue Farbe blättert an einigen Stellen ab, aus dem Dach steigen Kabelstränge in Baumwipfel und auf Laternenmasten hinauf. Früher haben sich die Männer in dem Auto von den Stadtführungen noch provozieren lassen, da sind sie wütend aus dem Bus gestürmt. Ein junger Beamter hat einmal geprahlt, dass er an der Kasse des nahen Theaters "jedes Geldstück mitzählen" könne. "Und wer weiß, wohin der noch so alles schaut, meine Damen", sagt Bill Brown und grinst.

Die komplette Zahl der privaten und polizeilichen Kameras in New York kennt Bill Brown nicht – viele tausend sind es. Doch er schätzt, dass sie sich seit dem 11. September 2001 mindestens verdoppelt hat. Alle paar Wochen aktualisiert er seine detaillierte Straßenkarte, die zumindest alle von ihm erspähten Kameras verzeichnet. "Seit den Terroranschlägen werden Kameras schon gleich in die Architektur neuer Gebäude eingeplant, so sind sie viel schwerer zu entdecken. Nur gegen den Terror", sagt Bill Brown, "nützt das ganze Spähen nichts. Hier am Washington Square haben sie bestimmt noch keinen Terroristen gefangen."

Aniak, Alaska. "Meine Frau", sagt Mark, "liebt es hier." Die Männer im Diamond Willow Café lachen grimmig in sich hinein. Das war offenbar ein Witz, doch viel Näheres ist Mark dazu nicht zu entlocken. Es ist später Vormittag im Diamond Willow Café, der Wirt serviert Kaffee und Spiegeleier. Die Männer von Aniak – derbe, wohlgenährte Gestalten, einige in Fischerstiefeln – sitzen an der Bar und starren vor sich hin. Ab und zu fällt ein Wort über die vielen Lachse in diesem Jahr oder den Beginn der Beerensaison. Das Leben in Aniak, sagt Mark, als er ein wenig auftaut, habe sich doch als härter herausgestellt als ursprünglich gedacht. Vor sechs Jahren kam er aus Kalifornien in das kleine Nest im Westen Alaskas, um sein Leben als Rentner zu beginnen. In den 600-Seelen-Ort, wo im Sommer die Sonne nur kurz um Mitternacht untergeht und im Winter fast nie aufgeht. Zweimal in der Woche spielen die Einwohner Bingo, und ansonsten hat jede Hütte ihre Satellitenschüssel für den Fernsehempfang – nicht gen Himmel gerichtet, sondern fast parallel zum Boden, um knapp über der Krümmung des Horizonts noch das Signal der fernen Satelliten aufzufangen. "Ich gehe nicht zurück", sagt Mark, "es gibt zu viele Leute in der Stadt."