Im Oktober steht der Bundesregierung der nächste Schock ins Haus: der Armuts- und Reichtumsbericht. Das Papier wird Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Mannschaft an ihr Versprechen erinnern, das sie nach der Wahl 1998 abgaben: eine Politik zu betreiben, "die einem Auseinanderdriften der Gesellschaft in Arm und Reich entgegenwirkt". Rot-Grün versprach damals, alles zu tun, damit die Verteilung des Wohlstands nicht ungleicher und die Kluft zwischen Großverdienern und kleinen Leuten nicht größer wird. Heute ist klar: Die Bundesregierung hat ihr selbst gestecktes Ziel verfehlt – und zwar deutlich.

Das Thema ist politisch heikel. Auf der einen Seite tun die Spitzenverdiener im Land so, als sei es normal, dass sie ein paar Millionen Euro im Jahr verdienen. Im Vergleich zu den USA sei das eher bescheiden, argumentieren die Einkommensmillionäre vom Schlag des Bankers Josef Ackermann (7,7 Millionen Euro) oder des Daimler-Chefs Jürgen Schrempp (4,2 Millionen Euro). Auf der anderen, der Schattenseite, wächst die Angst vor der Armut. Auf den Straßen der Großstädte wird mehr gebettelt, immer mehr Kinder werden Empfänger von Sozialhilfe, die Schlangen in den Suppenküchen werden länger, Alkohol scheint vielen der einzige Ausweg. "Armut ist jetzt ganz normal", verkündete unlängst das Caritas-Magazin Sozialcourage auf der Titelseite. Und Hartz IV, nicht nur von der PDS als "Armut per Gesetz" geschmäht, vereint die Menschen zu langen Protestmärschen aus Furcht, es könnte noch schlimmer kommen.

Auf einmal ist die alte Frage wieder hoch aktuell: Werden die Reichen noch reicher, womöglich zulasten der Armen?

Erst in jüngster Zeit ist die Antwort eindeutig. Gegen Ende der ersten rot-grünen Legislaturperiode war der Wohlstand im Land nicht gleicher, aber auch nicht ungleicher verteilt als zu Beginn; Einkommens- und Vermögensverteilung zeigten keine nennenswerten Verschiebungen. Doch seitdem geht’s bergab – zumindest für die kleinen Leute. "Die Trendwende ist da, die Armut nimmt eindeutig zu", sagt Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Er macht das an der Zahl der Sozialhilfeempfänger fest. Seit 2000 wuchs sie von 2,68 Millionen Personen auf über 2,8 Millionen. Und Schneider ist sich sicher, dass es noch mehr werden.

In Berlin bezieht heute schon jeder 13. Haushalt Sozialhilfe, allein im vergangenen Jahr wuchs ihre Zahl um 3000 auf fast 140000. Bei monatlich 421 Euro für den laufenden Lebensunterhalt sind die Menschen für jede Hilfe dankbar. Etwa von der Berliner Tafel, die nach dem Motto "Nicht alle Menschen haben ihr täglich Brot – und doch gibt es Lebensmittel im Überfluss" Nahrung einsammelt und an Bedürftige verteilt. In 380 deutschen Städten existieren mittlerweile solche ehrenamtlich betriebenen Einrichtungen, sie versorgen Tag für Tag eine halbe Million Menschen in Not mit Lebensmitteln. Bevorzugte Ausgabenstellen: Suppenküchen und Obdachlosenheime. Immer häufiger stehen auch Menschen an, die aus einer bürgerlichen Existenz abgestürzt sind.

Und das in einem Augenblick, in dem der Reichtum in Deutschland größer ist denn je. Tatsächlich ist nichts irriger als die Vorstellung, die Deutschen insgesamt würden immer ärmer. Gerade hat die Bundesbank vorgerechnet, wie viel Geldvermögen (also Bargeld, Wertpapiere, Bankguthaben, Ansprüche an Versicherungen und Pensionskassen) die privaten Haushalte hierzulande angesammelt haben. Ende 2003 waren es fast vier Billionen Euro – das sind 1,5 Billionen mehr als noch vor zehn Jahren. Rein statistisch besitzt jeder deutsche Haushalt in Deutschland ein Geldvermögen von mehr als 100000 Euro. Wenn man davon die Schulden abzieht, bleiben immer noch 60000 Euro.

Allerdings unterscheidet diese Information nicht zwischen Arm und Reich. Abgesehen davon, dass Immobilienbesitz außer Acht gelassen wird – die Zahl gibt auch keine Auskunft darüber, wie der Reichtum verteilt ist. Nur dann aber ließe sich präzise sagen, ob der Abstand zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahren gewachsen oder geschrumpft ist.

Seriöse Angaben über die Vermögensverteilung in Deutschland sind rar – und in der Regel veraltet. Bisher beruhten die aktuellsten Analysen auf Daten von 1998. Doch nun liegen Zahlen vor, die das Statistische Bundesamt im vergangenen Jahr in Form einer aufwändigen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe ermittelte. Und da bestätigen bisher unveröffentlichte Berechnungen die alte Erfahrung: Wer hat, dem wird gegeben. Und zwar reichlich.