Kunst Totaler Krieg, totaler ProfitSeite 4/4

Bis zu seinem Tod verweigerte er den Arbeitssklaven jede Entschädigung

Bereits Ende 1944 ließ Friedrich Flick die alten Spendenbelege an demokratische Parteien der Weimarer Republik zusammensuchen. Nach einem Sieg der Alliierten sollten Beweise für seine demokratische Gesinnung sofort zur Hand sein. Nach eigenen Angaben nahm Flick auch Kontakt zu einem Verschwörer des 20. Juli auf. Angeblich versteckte er auch eine Zeit lang einen Regimegegner in seiner Villa in Berlin. Flicks Widerstandskontakte konnten nie bestätigt werden. Die Nürnberger Staatsanwälte wiesen alle Zeugenaussagen als unglaubwürdig zurück. Belegt hingegen ist, dass Flick kurz vor Kriegsende der in die USA emigrierten Braunkohle-Familie Petschek anbot, über den Verkaufspreis »neu zu verhandeln«. Einen Tag vor Kriegsende zog er sich auf seinen Landsitz Hof Sauersberg in Oberbayern zurück, wo ihn amerikanische Soldaten fünf Wochen später verhafteten. Die kommenden zwei Jahre besohlte Flick Schuhe, schälte in der Gefängnisküche Kartoffeln und bereitete sich auf seinen Prozess vor dem Nürnberger Tribunal vor.

Am 22. Dezember 1947 hatte die Familiengeschichte der Flicks dann ihren historischen Tiefpunkt erreicht. Richter Charles B. Sears verlas das Urteil: sieben Jahre Gefängnis. Die Untersuchungshaft wurde angerechnet. Mit der Strafe konnte sich Flick nie abfinden. Aus seiner Sicht hatte er immer aus Notstand gehandelt und das NS-Regime innerlich verachtet. Als einziger Industrieller reichte er bei der Hohen Kommission der amerikanischen Besatzungsmacht Widerspruch ein. Bereits am 25. Februar 1950, zwei Jahre vor dem eigentlichen Ende seiner Haft, verließ Flick das Landsberger Gefängnis. Er war 67 Jahre alt.

Drei Viertel seines Konzerns hatten im Osten des Reiches gelegen und waren von den Sowjets konfisziert. Binnen zehn Jahren baute Friedrich Flick durch geschickte An- und Verkäufe zum zweiten Mal einen gigantischen Privatkonzern auf – und stieg zum zweiten Mal zum reichsten Deutschen seiner Zeit auf. Bis zu seinem Tode weigerte sich Flick, Zwangsarbeitern auch nur eine einzige Mark an Entschädigung zu zahlen. Geld für die Zwangsarbeiter wären aus seiner Sicht einem Schuldeingeständnis gleichgekommen. In Nürnberg hatte er den amerikanischen Richtern zugerufen: »Ich protestiere gegen die Tatsache, daß in meiner Person Deutschlands Industrielle vor der ganzen Welt als Sklavenausbeuter und Räuber verleumdet werden. Niemand unter den vielen Leuten, die meine Mitangeklagten und mich kennen, wird glauben wollen, daß wir Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, und niemand wird uns unterstellen, dass wir Kriminelle sind.«

Der Autor ist Historiker und Journalist; in diesen Tagen erscheint sein Buch »Die Flicks. Eine deutsche Familiengeschichte über Geld, Macht und Politik«, Campus Verlag (290 Seiten, 24,80 Euro)

 
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