Hören ist das erste und letzte Tun des Menschen. Wer auf die Welt kommt, kennt die Stimme seiner Mutter längst. Wer im Sterben liegt, hört, was um ihn geschieht, bis zum letzten Atemzug. Wenn er 0,9 Millimeter groß ist, wachsen dem Menschen die Ohren. Am 135. Tag hat das Hörorgan, die Innenohrschnecke Cochlea, ihre definitive Größe erreicht. Sie wird nicht mehr wachsen. Später zieht durch sie die Seele ein. Die Musik, die Liebe gehen durchs Ohr. Auch die Gedanken: Vernunft kommt von vernehmen.

Es gibt keinen Begriff für das endlose Nichts, das im Ohr eines gehörlos geborenen Menschen herrscht. Kein Signal – nicht einmal das im Gedächtnis haftende Echo eines zärtlichen Lautes oder einer längst verklungenen Melodie. Die Cochlea ist tot. Die Welt erscheint hinter einer dicken Glaswand. Das Auge sieht die Dinge sich bewegen, sieht die Münder sprechen, lachen, aber das Ohr macht keine Musik dazu.

Es ist gut drei Jahre her, dass der erste Ton einfiel in die Welt der 35-jährigen Maike Stein, wie ein Lichtstrahl in die Nacht. Man kann nicht sagen, dass er ihr ins Ohr gedrungen wäre, er fuhr ihr direkt ins Gehirn. Es war ein hässliches Pfeifen. Den meisten Menschen wäre das als Schmerz und Qual erschienen, doch für sie war es ein großes Glück. Alles pfiff. Die Frauen sprachen, und es pfiff, die Männer sprachen, es pfiff. Die Hunde pfiffen. Bloß die eigene Stimme konnte Maike Stein nicht hören.

Inzwischen hat sich ihr Gehirn an den Klangteppich der Welt gewöhnt, kann akustische Phänomene erfassen und interpretieren. Die Hunde hört Frau Stein jetzt bellen, die Blätter rauschen, den Regen trommeln, das Feuer knistern. Wenn sie auf ihrem Balkon im 4. Stock des Nürnberger Mietshauses sitzt, in dem sie wohnt, kann Maike Stein hören, wenn unten jemand die Tür zum Hof aufstößt, die Mülltonne öffnet, etwas hineinwirft und die Tonne wieder schließt – welch atemberaubender Augenblick! Auch die eigene Stimme dringt nun zu ihr durch. Sie hört: Ich bin da.

Wer Frau Stein gegenübersitzt, ihr beschäftigtes Gesicht betrachtet und sie mit ihrem kehligen Akzent reden hört, könnte glauben, eine Skandinavierin vor sich zu haben, die schon viele Jahre in Deutschland lebt und sich die Landessprache mit ihrem gewaltigen Wortschatz und ihrem Reichtum an Wendungen und Bildern untertan gemacht hat. Kleine Widerstände bei der Aussprache lassen sie hin und wieder innehalten, dann scheint sie ihre Grammatik zu kontrollieren oder dem zuletzt Gesagten einen Augenblick nachzuhängen. Bisweilen unterstützt sie mit den Händen die Erzählung – aber wer hält es für möglich, dass diese Frau vor 35 Jahren vollkommen taub geboren wurde? Dass sie beim Geräusch eines Presslufthammers hätte schlafen, neben ihr ein Jumbojet hätte starten können, ohne dass sie davon Notiz genommen hätte?

Die einzige Auffälligkeit an Maike Stein sind diese bunt gemusterten Halbmonde, die auf den Ohrmuscheln ruhen, und ein silberner Knopf, der jeweils schräg darüber in den Locken sitzt. Kürzlich lief jemand ihr auf der Straße nach, um zu fragen, wo man solch ausgefallenen Ohrschmuck bekommen könne. »Beim Ohrenarzt«, hat Frau Stein geantwortet. »Der muss es Ihnen verschreiben.«

In den Jahren 2000 und 2003 hat sich Maike Stein in der Universitätsklinik Hannover zwei aufwändigen Operationen unterzogen. Ihr wurde erst in die rechte, dann in die linke Innenohrschnecke ein so genanntes Cochlear-Implantat eingesetzt, brandneue Errungenschaften der Medizintechnologie, von denen ein einziges Exemplar mehr kostet als ein Mittelklassewagen. Das Implantat ist nicht einfach ein verbessertes Hörgerät, es ist ein System, das ein Sinnesorgan ersetzt, ein künstliches Gehör: Ein Richtmikrofon auf der Ohrmuschel nimmt Schallsignale auf, ein winziger Sprachprozessor wandelt sie in elektrische Impulse um. Über eine Sendespule (das ist der silberne Knopf im Haar) gehen die Informationen an das im Hirnknochen versenkte Implantat. Dessen Elektroden liegen in der toten Cochlea; sie melden die Impluse direkt an den Hörnerv im Gehirn, das (meist zerstörte) Mittel- und Innenohr wird so umgangen. 70 000 taube Menschen weltweit tragen dieses elektronische Gehör im Kopf. 9000 von ihnen leben in Deutschland. Die Geräusche, die Stimmen, die Klänge, die bei ihnen das große Schweigen brechen, sind keine natürlichen, sondern – wie man von jenen weiß, die ertaubten und dann ein Implantat bekamen – akustische Reize mit blechernem Nebenklang. Allenfalls ein artifizieller Widerhall jener von tausend Geräuschkompositionen erfüllten Welt der Hörenden – und doch das berauschendste und ergreifendste Konzert für alle Menschen, denen das Schicksal die Ohren versiegelt hatte.

Auch Maike Stein musste erst hineinwachsen in die Geräusche. Heute zeigt ihre Hörkurve leichte bis mittlere Schwerhörigkeit an. Sie besitzt ein Telefon mit Kopfhörern und eine Stereoanlage, die sie aber noch nie so laut aufdrehen musste, dass die Nachbarn sich beschwert hätten.

» » Seit ich hören kann, bin ich eingebunden in die Welt. Die Dinge reagieren akustisch auf mich. Sehen Sie diesen Löffel? Ich weiß genau, wie er aussieht, wie er sich anfühlt. Ich hatte ihn tausendmal in der Hand. Aber jetzt höre ich ihn, wenn er an die Tasse schlägt oder im Tee rührt. Er antwortet mir! Oder meine alte Jacke, die raschelt jetzt, wenn ich sie anziehe. Auch sie antwortet mir! Die ganze Welt gibt mir jetzt Antwort. Mein Laptop – jeder Buchstabe macht ein Geräusch. Das Geklapper hat mich anfangs so gestört, dass ich beim Schreiben keinen klaren Gedanken fassen konnte. Wissen Sie – Hören ist eine Daseinsbestätigung für eine Person. Seit ich höre, begreife ich, dass früher die Selbstmordrate bei Spätertaubten zehnmal höher war als bei Späterblindeten: Der Ertaubte war von der Welt abgeschnitten. Das ist heute nicht mehr so. Dank dem Implantat. «

Maike Stein ist sechs Monate alt, als klar wird, dass sie nichts hört. Die Behinderung ist nicht augenfällig, denn das Kind hat einen wachen Geist, es registriert den Luftzug oder Lichtstrahl, wenn jemand die Tür öffnet, und wendet den Kopf. Aber der Großmutter, die 1969 über die Osterfeiertage auf die Enkelin aufpasst, fällt auf, dass der Säugling nicht zusammenschrickt, wenn die Küchenmaschine lärmt, oder nicht erwacht, wenn etwas klirrend zu Boden geht. Sie unterzieht die Enkelin diversen Hörtests, und als die Eltern nach Hause kommen, empfängt sie sie mit den Worten: »Die Maike ist taub.« Weil die Eltern, beide Ärzte, das nicht glauben können, nimmt die Großmutter zwei Topfdeckel, schleicht sich von hinten an das Kind heran und knallt sie mit einem wuchtigen Schepperer aneinander. Nichts geschieht. Maike reagiert nicht.