Die ErhörteSeite 3/3

» » Ich habe mein Leben schon als Kind an Gott verschenkt. Er hat mir die Aufgabe gegeben, als Hörgeschädigte zu leben. Ich bin reich beschenkt worden. Nicht mit der Behinderung, aber durch die Wege, die ich wegen ihr gehen musste und gegangen bin. Meine Eltern waren das größte Geschenk, sie haben sich nie durch meine Behinderung gestraft gefühlt, sie haben nie versucht, sie zu verstecken. Sie haben sich aber auch nicht damit abgefunden, dass ich nicht hören kann. Sie haben mir unter großen Mühen die Sprache gegeben. Ich möchte keinen Tag missen, den ich ohne das Implantat gelebt habe. Trotzdem möchte ich auch keinen Tag mehr ohne das Implantat leben. Mir ist wirklich ein Wunder widerfahren, aber das Wunder ist weniger die technische Erfindung, als vielmehr der Einsatz meiner Eltern. «

Wer als Hörender in Maike Steins Unterrichtsstunden sitzt, versteht überhaupt nichts. Und kann sich sehr gut vorstellen, wie Gehörlose sich in der Welt der Hörenden fühlen müssen. Es herrscht vollkommene Stille, die nur vereinzelt von den typischen Lauten Gehörloser unterbrochen wird. Frau Stein unterrichtet in Gebärdensprache, die sie ebenfalls perfekt beherrscht. Die Schüler sind etwa 17 Jahre. Es geht um Brutto und Netto, um Steuern und Abgaben. Frau Stein redet mit Armen, Beinen, Mund und Augen. Die Gebärdensprache nimmt den ganzen Menschen in Anspruch. Manche Dinge, sagt Maike Stein, seien durch Gebärden besser auf den Punkt zu bringen als durch Worte. Sie formt Zeigefinger und Daumen zu einem Ring und bläst hindurch: »Es ist nicht möglich, es hat keinen Sinn«. Derselbe Finger-Ring mit einem erstaunten Gesichtsausdruck an die Stirn gepresst: »Loch im Kopf – ich weiß nicht, keine Ahnung«. Die linke Hand zieht ein unsichtbares Tuch über den rechten Unterarm: »Etwas löst sich auf, verschwindet«.

So, meint Maike Stein, wird die Taubheit sich auflösen und verschwinden aus der Welt. Weil das Cochlear-Implantat immer mehr kleinen Kindern eingepflanzt wird, wird es das Phänomen der Gehörlosigkeit in wenigen Generationen nicht mehr geben. Nur ganz wenige werden übrig bleiben, bei denen Zusatzbehinderungen das Implantat unmöglich machen oder die ohne Hörnerv geboren sind. Im Hörgeschädigtenzentrum Nürnberg kamen früher auf 160 taube Schüler vielleicht 60 schwerhörige. Heute ist das Verhältnis schon umgekehrt, denn die Implantierten werden in die Schwerhörigenklassen geschickt, wenn sie nicht gleich auf die regulären Schulen gehen.

Maike Stein hat sich erst nach langem Zaudern zu der Implantation entschlossen. Sie hatte sich mit ihrer Taubheit arrangiert und fürchtete, sich zu verändern, wenn sie sich plötzlich unter den Hörenden wiederfinden würde.

» » Mit der Zeit bekamen immer mehr Freunde ein Implantat. Ich sah: Sie bleiben dieselben, sie blühen bloß auf! Sie ergriffen interessante Berufe, telefonintensive Jobs, sie wurden Mediziner, die an allen Besprechungen teilnehmen konnten, einer promovierte in Physik. Aber diese Bekannten waren alle ertaubt, hatten früher einmal hören können. Doch dann ließ sich ein gehörlos geborener Bekannter das Implantat einsetzen – und war glücklich. Ich dagegen hatte immer das Gefühl gehabt, eine Gemeinschaft zu verraten, wenn ich etwas bekäme, was anderen Gehörlosen vorenthalten bleibt. Bis ich gemerkt habe, dass ich mich für mich selbst entscheiden muss. Als ich mich entschieden hatte, war auch das schlechte Gewissen weg. Dafür kamen die Vorwürfe: Du tust das ja bloß, damit sich die Hörenden mit dir nicht anstrengen müssen! Du stehst nicht zu deiner Gehörlosigkeit! Einer meinte: Ich bin so stolz auf dich gewesen – jemand, der Abitur gemacht, studiert hat und die Gebärdensprache lehrt, lässt uns jetzt im Stich. «

Das Cochlear-Implantat ist eine Revolution, die sich völlig geräuschlos in der Welt der Tauben vollzieht. 250 Patienten lassen sich jedes Jahr allein in der Universitätsklinik Hannover mit einem künstlichen Ohr ausstatten. »Warum das Implantat letztlich funktioniert, wissen wir selber nicht«, sagt Thomas Lenarz, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung, der Maike Stein operiert hat. Offensichtlich brauche die Sprache nur einige Grundelemente des Hörens, weshalb ein paar Elektroden in der Cochlea ausreichten. Und die Entwicklung schreitet in atemberaubender Geschwindigkeit voran. Immer neue Modelle werden ersonnen, mit wachsender Hörleistung. In etwa zwei Jahren ist mit einem Implantat zu rechnen, das völlig unsichtbar sein wird: Man plant, den Sprachprozessor anstelle des Trommelfells im Gehörgang zu versenken. Dann wird man Gehörlosen ihre Behinderung nicht mehr ansehen.

» » Ich habe die Musik entdeckt. Na ja, die Vibration der Bässe kannte ich ja schon. Ich war früher stolz darauf, unabhängig zu sein von der Musik, frei von der Musiksucht der Hörenden. Aber als ich eine Woche nach der ersten Operation in einem Bekleidungsgeschäft stand, fühlte ich, dass etwas Seltsames im Raum schwebte. Es zog mich innerlich. Ich wandte mich an einen anderen Kunden und sagte: Entschuldigung, ich höre schlecht, aber was da im Raum ist – ist das Musik? Der Mann starrte mich verdutzt an: Ja, hier läuft Musik. Da wusste ich, ich hatte zum ersten Mal Musik gehört. Ich kaufte mir eine CD: Mozart am Morgen. Das war genau das Richtige für mich. Kleine Mozart-Stücke mit Oboe, Klavier und Flöte. Ich konnte die Töne nicht gleich unterscheiden. Ist das eine Klarinette oder ein Klavier? Ich musste die Instrumente erst lernen. Ich höre die Musik natürlich nicht so wie Sie, Sie würden das, was ich höre, scheußlich finden. Aber ich finde, meine Musik hört sich wunderbar an. «

 
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