Eigentlich müsste man ihn nicht mögen. Und doch hat er Erfolg auf ganzer Linie. Die Haare sind nach hinten geklatscht, Kinn und Nase stechen hager nach vorn, das zerknitterte Sakko hängt über den gekrümmten Schultern, um die dünnen Beine schlottert eine weite Hose, an den Füßen stecken spitze Slippers. Bucklicht Männlein. An diesem Abend wird er alle, die ihm vertrauen, mindestens einmal betrügen. Er wird sich an sie heranmachen, ihre Eitelkeiten hätscheln, Bewunderung heucheln und nehmen, was er bekommen kann.

Zacharias Werner ist sein Name. Wer jetzt an Schiller-Abklatsch und Schicksalsdramen denkt, liegt falsch. Es ist eine Figur aus Botho Strauß’ Stück Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia. Dieses Männlein ist in der Inszenierung am Münchner Residenztheater Jens Harzer. Ein Balanceakt zwischen Rampensau, Strauß-Figur und ephemerem Gebilde. Jens Harzer kokettiert mit dem Publikum wie sein Zacharias Werner mit den ihn umgebenden Figuren, und er lässt sich keine Sekunde lang festlegen. Sein vermeintliches Aus-der-Rolle-Fallen ist, aus der Distanz betrachtet, ein höheres In-der-Rolle-Bleiben, die Umkreisung einer Figur.

Als Kleists Amphitryon ist Jens Harzer – sehr viel greifbarer – ein Ehemann, der zwischen eifersüchtiger Wut und wahnhafter Verzweiflung pendelt. Als Goethes Torquato Tasso gleicht er einem Schiffer, der auf hoher See immerfort sein Boot umbaut. Und als Said in Jean Genets Die Wände findet er die Schönheit im Niedrigen: Er spuckt, er humpelt, er verletzt seine Frau – alles gekleidet in eine Naivität, in eine natürliche Notwendigkeit, die nicht vulgär oder abstoßend wirkt.

Er dehnt die Vokale, bis das Wort zu zerspringen droht

Jens Harzer gehört zu den Protagonisten im Ensemble von Dieter Dorn am Bayerischen Staatsschauspiel. Sechs Inszenierungen Dorns standen in dieser Saison auf dem Programm, in dreien davon hatte Harzer zentrale Rollen. Der 32-Jährige ist – wie Rolf Boysen, Gisela Stein, Thomas Holtzmann, Lambert Hamel – ein Publikumsliebling in dieser Stadt. Er zählt zu den Großen des Ensembles, auch wenn er noch am Anfang seiner Karriere steht.

Wenn man mit Harzer spricht, wirkt keine Antwort mechanisch oder wie schon einmal gegeben. Es ist, als mache Harzer sich auf den Weg in sein Inneres, um zu gucken, was er denn alles wisse. Dann dreht er seinen Kopf mit den struwweligen braunen Haaren, der leicht schiefen Nase weg, blickt mit seinen braunen Augen irgendwie ins Leere. Wenn er schließlich antwortet, sind seine Hände ständig beschäftigt – sie kratzen mit dem Löffel in der leeren Espresso-Tasse, lassen Salz- und Pfefferstreuer umeinander kreisen, nehmen den Aschenbecher und bohren die Finger in die Aussparung für die Zigarette. Berührt ihn das, wovon er erzählt, legt er seine Hand aufs Herz, denkt er nach, fährt er sich durchs Haar, erklärt er einen Vorgang, so formt er ihn vor sich in der Luft nach. Er muss die Realität erst visualisieren, um sie erzählbar zu machen. Anders auf der Bühne: Hier meidet er die plastischen, realitätsbezogenen Gesten. Hier ist eine Geschichte nur erzählbar, wenn sie nicht mit Bildern überfrachtet wird. Harzers Bewegungen sind sparsam und dadurch auffällig. Kennzeichnend ist seine Haltung mit den eingefallenen Schultern, dem leicht nach links geneigten Kopf. Seine Hände sind ruhig, er verstaut sie meist irgendwo. Holt er sie hervor, vollzieht er klare, kurze Gesten.

Seit 1991 lebt Harzer in München. Dieter Dorn, damals Intendant der Münchner Kammerspiele, engagierte ihn von der Otto-Falckenberg-Schule weg an die Kammerspiele. Harzer war über die erste Klasse nicht hinausgekommen, er war Schauspieler geworden, ohne je eine Prüfung abgelegt zu haben. Im ersten Jahr seines Engagements hatte er schon zwei große Rollen – als Garfunkel in Franz Xaver Kroetz’ Bauerntheater und als Roberto Zucco im gleichnamigen Stück von Bernard-Marie Koltès. Ein Jahr später kamen vier Rollen hinzu, darunter der Telemach in Botho Strauß’ Ithaka.

Spätestens in Dieter Dorns Cymbelin- Inszenierung (1998) wurde der spezielle Stil des Schauspielers Jens Harzer kenntlich. Als Posthumus sprach er seinen Text, wie man ihn noch nie gehört hatte. Harzer verzerrt Sätze, bricht ihren erwartbaren Rhythmus auf. Er macht Pausen an Stellen, von denen man nicht vermutet hätte, dass sie eine Pause wert seien. Er dehnt Vokale, bis das Wort zu zerspringen droht. Er spricht mit leichtem Timbre, und zuweilen bricht eine Heiserkeit durch, die zu einem Schnarren abfällt. So erschließt Harzer neue Zusammenhänge im Text. Man sieht Nuancen aufblitzen, die sonst unentdeckt geblieben wären.