Friedrich Wilhelm Hackländer, Waise geworden mit zwölf Jahren und Waise auch noch von nichts als einem zwar hoch gebildeten, aber verarmten Burtscheider Lehrer, wurde von seinem Vormund mit 14 in eine Kaufmannslehre gesteckt und zu größter Sparsamkeit ermahnt (er hatte aber nicht einmal etwas anzuziehen), ging bald verzweifelt zum Militär (»Wenn du nicht sparsam bist, landest du beim Militär«, wie der Vormund zu sagen pflegte), dann zurück ins Tuchwarengeschäft nach Elberfeld, zweimal in Firmen, die fallierten… Schöne Kindheiten, schöne Jugenden sind das nicht, auf die später die paar, die da heil durchkamen, zurückblickten, als wäre das alles doch nicht so schlimm gewesen; man muss das verstehen, immerhin hatten sie’s durchgestanden und wussten, wie vielen das nicht gelungen war. Von verklärenden, verlogenen Rückblicken reden wir manchmal, im Gefühl, besser Bescheid zu wissen über die Grausamkeit des Lebens der ärmeren Leute, besser als sie selbst, und möchten ihnen den biederen Ton vorhalten, in dem sie ein Leben erzählen, das, wie wir zu wissen meinen, sehr viel kälter erzählt gehörte.

Hackländer, der sich dann bald schreibend hervortat und einer der berühmtesten, gelesensten Autoren der Zeit wurde, war genau einer dieser offenbar mild und freundlich, ja humorvoll und witzig zurückblickenden Leute. In den frühen vierziger Jahren seines Jahrhunderts (er war 1816 geboren worden) trat er mit Bildern aus dem Soldatenleben im Frieden, mit Wachtstubenabenteuer, mit Bilder aus dem Soldatenleben im Kriege hervor, dann erschien, 1850, Handel und Wandel. Hier erzählt, im Ich-Stil, ein eben zu etwas gekommener noch relativ junger Kaufmann, gerade erst hat er seine große Liebe aus ärmeren Zeiten heiraten können, sein Leben, seinen Werdegang; er erzählt das ein bisschen als einen Roman, das heißt: anekdotenreich; und im zweiten Teil, einem offenbar sehr viel erfundnerem Teil, bettet er alles sogar in eine hübsche Intrige, fast eine Kriminalgeschichte, eine Geschichte, in der die Bösen ein paar bigotte Elberfelder Pietisten sind, einer von ihnen möchte selber das haben, was dann, zum Glück, der Erzähler kriegt: das schöne Mädchen, das Geschäft.

Das erste Viertel des Buchs hatte Hackländer in Cottas berühmtem Morgenblatt für die gebildeten Stände schon 1843 und 1844 veröffentlicht; eine eigentliche Autobiografie kam dann 1878 heraus, gleich nach Hackländers Tod, ein längeres Kapitel daraus bringt die jetzt vorliegende Neuausgabe von Handel und Wandel dankenswerterweise im Anhang, und man sieht, wie sehr der frühe Roman da dem Leben nachgeschrieben gewesen war (Oder sollte es umgekehrt gewesen sein?), bis hin zu jener kuriosen Großmutter, die zum Knaben Hackländer, wenn der halb verhungert vor ihr stand, sagte, er sei, wenn sie an seine Mutter denke, doch sehr aus der Art geschlagen mit seinem, und das hat er dann wohl nicht mehr vergessen können, mit seinem »Schattenkopf«, wie sie dann sagte.

Schattenkopf – ist das witzig? Humorvoll? Und jene Elberfelder Frommen: Sind das einfach halb komische Gespensterchen, gut für Romane mit Happy End? Man lächelt beim Lesen, man soll das auch, aber es ist nicht so einfach, diese Vorfahren zu begreifen, ihren Blick, ihren Ton, und was sie alles darunter versteckten oder nicht eigentlich versteckten. Um das noch einmal zu sagen: Mit Gutzkow (Die Ritter vom Geiste , 1850/51), mit Willibald Alexis ( Ruhe ist die erste Bürgerpflicht , 1852), mit Spielhagen ( Problematische Naturen , 1861) war Hackländer einer der ruhmreichsten Schriftsteller, nicht nur Deutschlands: 1851 erschien Handel en Wandel in Utrecht, 1853 Trade and Travel in London, 1858 Handel og Vandel in Rudkjöbing, 1859 Boutique et Comptoir bei Hachette in Paris .

Und wie schreibt er nun? So, als sie nämlich einem den Hund in eine Straßenlaterne gesteckt haben: »Jetzt, dachten wir, wird er nach dem Lager Fannys sehen und den Hund mit Schrecken vermissen. Richtig, so war es auch…« – also, natürlich, im Grund hat diese Literatur ihren Dienst getan, und zwar damals, keine Frage. Aber wenn wir einmal ahnen wollen, wer sie damals waren, Schreiber, Leser, dann lohnt sich ein Blick, ein längerer Blick in ihre Bücher.