Es war einmal ein Mann, der hatte einen Gasthof. In den Gasthof kamen keine Gäste, die Küche blieb kalt. Der Mann hatte also nichts zu tun und las. Er las Racine, und er las Pascal, und er dachte nach über die Gnade Gottes, die der Mensch sich nicht verdienen kann. Das lag nahe, denn sein Gasthof befand sich in der Nachbarschaft der Klosterruinen von Port Royal, in dem dieser Gedanke einmal zu Hause war. Eines Tages hat der Mann ein ungewöhnliches Erlebnis: Don Juan, eine Legende der Weltliteratur, purzelt über seine Gartenmauer. Und siehe: Aus der Begegnung zwischen dem verwaisten Koch und der verlebendigten Literatur entsteht ein schmales Buch, das leichtgewichtig und charmant ist und doch die ganze schwere Metaphysik des Handkeschen Œuvres in sich trägt.

Augenscheinlich wird hier eine neue Geschichte über Don Juan erzählt. Sieben Erzähl-Tage lang berichtet Don Juan seinem Herbergsvater und Nacherzähler im Schatten der Bäume von den sieben Frauen-Tagen, die er in der Woche zuvor, rastlos um die Welt jettend wie sonst nur irgendein besinnungsloser Geschäftemacher, zwischen Tiflis und der Nordsee bei sieben verschiedenen Frauen verbracht hat. Doch der Titel und der Anschein trügen: Don Juan (erzählt von ihm selbst) ist ein Versprechen, das den Leser und Interpreten auf eine falsche Fährte lockt. Als ginge es hier um Don Juan! Als wäre es Handke darum zu tun, ein Buch über Don Juan zu schreiben. Das ist unmöglich. »Der Versuch, nach Mozart einen Don Juan zu schreiben, wird stets heißen, eine Illias nach Homer zu schreiben«, sagt schon Kierkegaard, dessen Don-Juan-Interpretation Handke zitiert. Das muss nicht stimmen. Aber wer glaubt, es könne Handke daran gelegen sein, eine Figur auf dem Schachbrett der Weltliteratur um ein paar Felder zu verrücken, unterschätzt seine Unbescheidenheit.

Allem rhetorischen Gefuchtel zum Trotz – »das ist, sage und schreibe, die endgültige und wahre Geschichte Don Juans« – geht es Handke in keiner Zeile um Don Juan. Handke geht es stets und wie immer nur um das eine große babylonische Handke-Buch, zu dem seit langem alle Handke-Bücher ein Baustein sind. Die Frage lautet nicht: Was fügt Handke der großen Don-Juan-Figur hinzu?, sondern: Was fügt Don Juan dem großen Erzählprojekt des Peter Handke hinzu?

Don Juan ist eine Idee. Er personalisiert die Idee vom erfüllten sinnlichen Augenblick. Er ist die Gegenfigur zu Faust. Faust möchte den erfüllten Augenblick verewigen. Don Juan will den erfüllten Augenblick wiederholen. Was reizt Handke an dieser Idee?

Die Antwort fällt leicht, denn wie immer ist Handke sein eigener und erster Interpret: Don Juan beschert dem Erzähler, weiß dieser sofort nach dem skurrilen Mauersturz zu berichten, »innere Erweiterung und Entgrenzung«. Anders als das bekannte Handke-Personal – der Vorortschriftsteller, der Apotheker, die Geldfrau – ist Don Juan eine Figur des Überflusses, ein Magier, ein Findender, ein Mythos, ja sogar, Handke hatte noch nie Scheu vor großen Worten, »ein Retter«. Diese übersinnliche und magische Kraft der alten Legende vom Sinnesmenschen mag es gewesen sein, die Handke, der von jeher dem Übersinnlichen im Sinnlichen nachspürt, an der Figur gereizt hat. Don Juan kann die Ordnung der Dinge, die, wie Michel Foucault behauptet, sprachgeschichtlich auf die Logik von Port Royal zurückgeht, allein mit der Kraft seiner Blicke sprengen. Er kann nicht nur die Worte und die Frauen aus der Willkür und Einsamkeit ihrer lebensfernen Existenz befreien, sondern auch den verwaisten einsamen Erzähler und damit die Erzählung selbst beglücken und entgrenzen. Eine Frau, die Don Juan ins Auge fasst, spürt sofort, dass sein Blick »mehr und anderes erfaßte als sie allein«, dass er »über sie hinausging«, und sie wusste, »es wurde endlich ernst, es konnte ernst werden, und das erlebte sie als Befreiung«. Man kann es auch Gnade nennen.

Don Juan ist ein Gegengift gegen die Lebensleere der zivilisierten Welt

Mit anderen Worten: Don Juan ist – wie der »geglückte Tag«, wie die »Müdigkeit«, wie die Bewohner der Enklave Hondareda im Roman Der Bildverlust, wie die Wandererzählerin im Drama Zurüstungen für die Unsterblichkeit – Gegenzauber und Gegengift gegen die Lebens- und Erfahrungsleere der zivilisierten Welt, an deren Verwandlung und Erlösung Handke mehr gelegen ist als an der Wohlgestalt epischer Formen. Dieses, nennen wir es Beglückungsvorhaben macht, dass Handke von Buch zu Buch vom eigentlichen Erzählen Abschied nimmt, nur noch in kurzen Episoden, in »reiskornkleinen Momenten« wie zufällig ins ungebrochene Erzählen verfällt und seinem alten Traum von der »sich selbst erzählenden Welt« nachgeht. Ansonsten hat er sich, darin seinem Antipoden Botho Strauß sehr ähnlich, auf ein beweisendes, störrisches und betörend sprödes Erzählen verlegt, in dem keine Figur, keine Episode sich selbst genügt, sondern alle und alles zum Inbild, zur Allegorie einer weltumstürzenden Idee werden.