Zwei riesige wissenschaftliche Sprünge haben die Menschheit an die Grenze ihrer Verantwortung gebracht. Im vorigen Jahrhundert entwickelte sie die Atomwaffen – und damit die Möglichkeit, die eigene Gattung auszulöschen. In diesem Jahrhundert schicken wir uns an, den Menschen zu optimieren, in den genetischen Bauplan der Gattung einzugreifen, einzelne Exemplare zu kopieren – aus dem Individuum also eine Dublette zu machen. Noch ist es nicht so weit. Aber die Versuche können beginnen.In Großbritannien wurde eben das erste Experiment mit dem therapeutischen Klonen genehmigt; im Jahr 2001 hatte das Unterhaus den Weg zu dieser Forschung eröffnet. In dieser Woche will der deutsche Nationale Ethikrat sich seine Meinung zur Frage des Klonens von Menschen bilden – wenn er denn je zu einer Meinung findet. Zu umstritten ist das Thema moralisch, zu ungewiss sind die Notwendigkeiten und Aussichten in der Praxis. Auch ist keine parlamentarische Mehrheit zu erkennen, die das deutsche Embryonenschutzgesetz ändern wollte, wonach das Klonen menschlicher Zellen verboten bleibt, zu welchen Zwecken auch immer: zur Therapie wie zur Reproduktion, zum Kurieren wie zum Kopieren.Zu früh, sich aufzuregen? Jedenfalls nicht zu früh, sich schon jetzt Gedanken zu machen – über die Probleme hinter dem Problem. In einem Gedankenexperiment werden sie sichtbar. Nehmen wir einmal an, der Nationale Ethikrat legte sich fest, und zwar einstimmig – denn für etwas anderes, also das Spiel mit Mehrheit und Minderheit, fehlt ihm jede demokratische Legitimation: keinerlei Forschung, bei der menschliche Embryonen erst erzeugt und dann getötet werden. Und nehmen wir außerdem an, der Gesetzgeber folgte einer solchen strengen Linie, für die es starke Gründe gibt – es sei denn, man wollte keine "starken", also weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen mehr im Säurebad des skeptischen Rationalismus überleben lassen. Deutschland bliebe also hart – was wäre dann der Fall? Dann stießen wir auf ein Problem, das immer dringlicher die moralische und rechtliche Debatte der Gegenwart bestimmt. Das sind die Grenzen des nationalen Rechts und der Ethik im Zeitalter der Globalisierung. Zum Beispiel: Wenn Deutschland das Klonen verbietet, England das Forschen aber erlaubt – sind die Deutschen dann bereit, auf die möglicherweise segensreichen Erträge dieser Forschung zu verzichten? Werden deutsche Firmen davon absehen, ihre Forschung in ausländische Tochterunternehmen zu verlagern? Die Denkfigur, die da am Horizont auftaucht, trägt eine Metapher als Namen: the fruit of the poisoned tree – die Frucht des vergifteten Baums. Wie gehen wir mit Wissen um, das auf rechtswidrige Weise erlangt wurde? Ignorieren oder nutzen? (Noch heute profitieren Patienten von Erkenntnissen, die Mediziner in der NS-Zeit mit ihren inhumanen Experimenten gewonnen haben.)Das Problem stellt sich nicht nur in der Bioethik. Amerikanische Terrorbekämpfer lassen Verdächtige in Drittländern verhören – dort "darf" man foltern und gewinnt also (übrigens auch in Guantánamo) gerichtsverwertbare Erkenntnisse, die in den USA nicht anfallen würden. Vor wenigen Tagen haben sogar englische Richter, ein Skandal für das Rechtsbewusstsein auf der Insel, die Verwertung solcher Früchte vom vergifteten Baum gebilligt: Nun dürfen also auch in Großbritannien erpresste Zeugnisse vor Gericht verwertet werden. Ein ganz anderes Beispiel für derlei gespaltenes Bewusstsein: Deutschland ist stolz auf den Ausstieg aus der Kernenergie – aber der französische Atomstrom wird fröhlich (und kostensenkend) weiter importiert. In dieser vertrackten Lage steht nur eines fest: Die ethische Rechtfertigung politischer Entscheidungen darf nicht vor der Wahrscheinlichkeit kapitulieren, dass alles, was irgendwann gemacht werden kann, irgendwo auf der Welt gemacht werden wird – und dann überall genutzt, also erlaubt werden müsste.Aber wo auf dieser schiefen Ebene will oder kann man sich dann festhalten? Die Frucht vom vergifteten, vom verbotenen Baum – dieses Bild steht am Anfang des jüdisch-christlichen Gedächtnisses. Adam wollte, von der Schlange verführt, selbstherrlich wissen, was gut ist und was böse. Dieses Bild steht am Anfang, über dem Sturz aus dem Paradies. Stünde es auch über dem Ende – es stünde über dem Höllensturz.