Niemand regte sich, als kürzlich bekannt wurde, dass die Martin-Luther-Gedächtnis-Kirche im Berliner Stadtteil Mariendorf wegen Bauschäden geschlossen werden muss. Drei der vier Pfeiler, auf denen sich der wehrhaft-massige Turm über die Gartenlauben und Einkaufszeilen ringsum erhebt, sind marode. Kaum wird die schrumpfende Gemeinde die 3,5 Millionen Euro aufbringen, die eine Sanierung kosten würde. Und so ist offen, was mit dem von 1933 bis 1935 errichteten Sakralbau geschehen soll. Manche würden ihn wohl am liebsten abreißen und damit auch die brisante Geschichte dieser Kirche begraben.

Der gesamte Innenraum steht im Zeichen einer Verknüpfung von Politik und Religion, Protestantismus und Nationalsozialismus, "Neuem Bund" und Führerstaat. An der Decke der niedrigen Eingangshalle schwebt ein Leuchter, dessen Unterseite von einem Eisernen Kreuz geschmückt wird. Zwei in die Wand eingelassene Terrakottaköpfe verdeutlichen, dass es sich hier nicht um eine Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges handelt, sondern um ein gleichsam eingebautes Bekenntnis: Es sind Bildnisse von Martin Luther und Paul von Hindenburg. Die beiden schauen sich an, der eine flankiert von Messkelchen, der andere von Eichenlaub und auratisch-strahlenden Eisernen Kreuzen.

Schon seit den zwanziger Jahren verehrte eine deutsch-national gesinnte Gläubigerschar Martin Luther geradezu als Inbegriff des "faustischen Menschen". Der Reformator, so formulierte etwa Erich Brandenburg 1929 im ersten, "dem jungen Luther" gewidmeten Band der Reihe Die deutschen Führer, sei "Deutscher durch und durch, der in seiner rücksichtslosen Hingabe an eine große Idee, in seinem ganzen, der Arbeit für seine Mitmenschen geweihten Leben als ein wahrer Volksheld vor uns steht". Bewaffnet mit Oswald Spenglers wabernder Prophetie eines neuen Cäsarentums, orakelte Brandenburg: "Ein gesundes Volk – und ein solches glauben wir noch zu sein – bringt in den Zeiten der Gefahr auch die Männer hervor, die ihr zu begegnen wissen." Die typologische Gegenüberstellung von Luther und Hindenburg im Entree der Kirche wollte beweisen, dass solche Wünsche längst wahr geworden waren. Dass nach der selbst geschmiedeten NS-Logik das Cäsarentum erst mit dem Tod Hindenburgs und der Selbsternennung des Reichskanzlers zum "Führer" erreicht war, spiegelt sich in den bis heute kursierenden Mariendorfer Gerüchten wider, die Lutherplastik sei ein überarbeiteter Hitler.

Dem Vorspiel im Vorraum antwortet die Ausstattung des großen Gemeindesaals, der ganz im Zeichen der Verbindung von NS und Kirche steht, wie sie von den Hitler-treuen Protestanten, den Deutschen Christen, propagiert wurde ( ZEIT Nr. 39/03 ). Der Triumphbogen ist übersät von rund 800 Terrakottaplatten des Bildhauers Heinrich Mechenburger, in denen christliche und nationalsozialistische Symbole gleichberechtigt nebeneinander stehen: Arbeiter und Soldaten sind dort Seite an Seite mit den Marterwerkzeugen Christi zu sehen, Hakenkreuze und Messkelche, Runen und Dornenkronen sollten – als ideologisch gemischtes Fundament – Bau und Überbau tragen.

Entsprechend wurde das Bekenntnis der Gemeinde zum Nationalsozialismus auch bei der hakenkreuzbeflaggten Grundsteinlegung gefeiert. Der damalige Pfarrer Rieger verkündete, Gott selbst habe dem Volk in Hitler einen großen "Führer" geschenkt. Als der Bau dann am 22. Dezember 1935 geweiht wurde, war auch Luther im säbelrasselnden Jargon der "Lingua Tertii Imperii" endgültig nationalsozialistisch geworden: "Luther allein wurde der Führer der tiefsten deutschen Revolution, des Aufstands gegen seelische Nötigung und fremden Gewissenszwang", verkündete etwa Karl Richard Ganzer in seinem Band Das deutsche Führergesicht und schlägt eine rhetorische Brücke zum Jargon der geschichtslosen "nationalsozialistischen Revolution", deren Ziele durch die Parallele zur Reformation historisch geerdet werden sollten.

Die historische und ideelle Gleichsetzung und die Argumentation in bewusst schwammigen Analogien – eine besondere Vorliebe der NS-Rhetorik – zeigt sich noch deutlicher in der künstlerischen Gestaltung der Kanzel. Christus, im Zentrum der Bergpredigt-Darstellung, wird umringt von den Mariendorfer Gemeindemitgliedern, die gescheitelt, in Festtagshabit und SA-Uniform angetreten sind. So entscheidend erschien Auftraggebern und Bildhauern die Gleichsetzung von christlichem und politischem "Heilsgeschehen", dass hier eines der für das 20. Jahrhundert ungewöhnlich seltenen Kunstwerke entstand, die auf eine Historisierung verzichten und das Wunder in die unmittelbare Gegenwart rücken. Das Heil liegt ganz im Heute.

Auch wenn nach der oberflächlichen "Bereinigung" der Hakenkreuze seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht viel an der Ausstattung der Martin-Luther-Gedächtnis-Kirche verändert wurde, ist sich die Gemeinde ihres schweren Erbes durchaus bewusst. Man wolle, so heißt es, sich der Vergangenheit stellen und dabei nichts beschönigen. Seit 1989 hängt im Kirchenraum ein Collagenzyklus des polnischen Künstlers Pavel Warchol, der sich mit der nationalsozialistischen Massenvernichtungspolitik befasst; die Gemeinde selbst engagiert sich um die Verständigung von Deutschen und Polen. Dies tat sie bisher am historischen Ort, umgeben von den Zeugnissen der Täter, die bis heute prägnant und pointiert von den Absichten des Nationalsozialismus künden. Mit der Schließung des Baus aber müssen neue Zugänge zu den authentischen Zeugnissen gefunden werden. Wo die Sanierung unwahrscheinlich ist, bleibt als letzte Möglichkeit nur die Bergung der Bildhauerarbeiten und eine ausführliche Dokumentation des Innenraumes.