ostasien Die Globalisierung des Nickerchens
Die Japanologin Brigitte Steger erforscht die Kultur des öffentlichen Schlafs. Dabei ist sie selbst hellwach geblieben
In der Mittagshitze herrscht im Campus-Park der Universität Wien lethargische Ruhe. Der bronzene Kaiser Joseph II. schlummert unter einer Plastikplane, junge Leute dösen im Schatten der Bäume. Auch im japanologischen Institut ist die Zeit stehen geblieben – die prächtige Wanduhr über dem Gebäude steht schon ewig auf zwanzig vor neun. Nur Brigitte Steger scheint kein bisschen müde. Dabei befasst sich die 39-jährige Japanologin seit Jahren mit Schlafgewohnheiten, insbesondere mit der in Japan verbreiteten Schlafvariante . Doch die Fähigkeit, auf ein inneres Kommando einschlafen zu können, »etwa in der Uni«, besitze sie »leider überhaupt nicht«, bekennt die Schlafforscherin.
Dafür hat sie in den vergangenen Jahren eine rund 500 Seiten starke Dissertation über die »kulturhistorischen und sozialanthropologischen Erkundungen japanischer Schlafgewohnheiten« geschrieben. Hat sie damit gerechnet, dass die als Buch erschienene Arbeit (Keine) Zeit zum Schlafen? mittlerweile eine Art wissenschaftlicher Bestseller geworden ist? »Nein«, sagt sie lachend. Aber sie habe sich eben vorgenommen, ein Buch zu schreiben, das nicht nur »von fünf Eingeweihten« verstanden wird. Eine Gratwanderung sei das gewesen, bekennt Brigitte Steger; wissenschaftlichen Ansprüchen sollte es schließlich ebenfalls genügen, nicht nur denen einer Dissertation, sondern vor allem den eigenen, »denn übers Schlafen kann schließlich jeder schwätzen«. Dabei muss sie wieder lächeln; ihre blauen Augen werden eine Nuance dunkler und schmaler, und mit ihren kurzen Haaren sieht sie selbst fast japanisch aus.
Zur Kunst des U-Bahn-Schlafs gehört vor allem das rechtzeitige Erwachen
Doch ihre österreichische Abstammung ist unüberhörbar. Und wenn Brigitte Steger vom Nuancenreichtum der japanischen Sprache schwärmt, fühlt sie sich manchmal an ihren heimischen Bregenzer Dialekt erinnert. »Zum Beispiel das Wort ›g’hörig‹ – ein ›g’höriger Bub‹. Den Begriff gibt es im Japanischen auch, er changiert zwischen ordentlich und toll, das ist schwer zu übersetzen.« Inemuri sei auch so ein »wunderschöner Begriff«. Zusammengesetzt aus den Schriftzeichen i »anwesend sein« und nemuri »schlafen«, bezeichnet er das Schlafen in der Öffentlichkeit, während man offiziell etwas anderes tut. Tatsächlich aber bedeutet er sehr viel mehr.
Diese in westlichen Industrienationen unbekannte Schlafversion fiel ihr erstmals 1989 auf, als sie während ihres Studiums an der Tokyoter Handelskammer jobbte. Japans rapide Wirtschaftsexpansion führte damals zu verlängerten Arbeitszeiten und zu bis dato unbekanntem Stress bei der Freizeitgestaltung. Denn der Freizeitkonsum wurde – wie ihr Buch analysiert – zum Indikator für Wohlstand. Golf, Kino, Disco, Ausgehen – all das musste zusätzlich in den Tag gepackt werden. »Alle behaupteten stolz, wie wenig Zeit sie zum Schlafen hätten«, erinnert sich Steger. »Aber dann schaute ich hin, und sie schliefen wirklich überall!«
Zuschauen, wie andere schlafen, das Besondere im Alltag entdecken, das fasziniert sie. »Da stellt man die eigenen Selbstverständlichkeiten infrage, das finde ich spannend.« Ein Karrieretyp ist man mit dieser Einstellung nicht unbedingt, eher jemand, der sich auf Umwegen zum Ziel vorarbeitet. So dauerte es einige Jahre, ein abgebrochenes Wirtschafts- und Psychologiestudium und ein gescheitertes Dissertationsprojekt, bis sie sich wieder dem Phänomen der immer müden, aber ständig schlafenden Japaner zuwandte.
Glück, dass sich ihr Doktorvater für dieses Thema begeisterte. Glück auch, dass sie in Kyoto eine Wohnung in einem alten Haus fand, in dem sich traditionelle Sitten studieren ließen. So stellte Steger fest, dass ein Teil der Fähigkeit zum Sozialschlaf schon mit der Erziehung vermittelt wird. Japanische Kinder werden abends nicht ins Bett geschickt, sondern bleiben mit den Erwachsenen zusammen, bis der Wohn- zum Schlafraum umgewandelt wird. So können die Kinder selbst entscheiden, wann sie müde sind, oder wann es nichts zu verpassen gibt.
Den Hauptschauplatz von inemuri entdeckte Brigitte Steger dann, als sie in Tokyo vom Fahrrad auf die U-Bahn umstieg. In öffentlichen Verkehrsmitteln reagieren Japaner »wie Pawlowsche Hunde: Sie setzen sich hin und schlafen ein.« Dabei gelten feste Benimmregeln: Schnarchen, unordentliche Kleidung, strubbelige Haare oder Sabbern sind verpönt. Und wer seinen Kopf schlummernd auf die Schulter eines andersgeschlechtlichen Nachbarn sinken lässt (die engen Sitze im Zug von Osaka nach Kyoto gelten als »romantisch« und verleiten dazu), macht sich sexueller Belästigung verdächtig. Außerdem ist es für Frauen – anders als für Männer – höchst unschicklich, mit gespreizten Beinen zu schlafen. Auch das rechtzeitige Erwachen gehört mit zur Kunst des U-Bahn -inemuri . Die meisten beherrschen es perfekt, wachen automatisch auf, wenn ihre Haltestelle kommt; schon weil mancher Arbeitgeber für Verspätung den Urlaub kürzt.
Viele Beobachtungen von Brigitte Steger schienen das westliche Klischee vom chronisch erschöpften Japaner als Opfer eines gnadenlosen Wettbewerbs zu bestätigen. Nach kurzem Aufenthalt spürte sie am eigenen Leib, wie anstrengend das Leben etwa in Tokyo ist mit seinem Klima, der Enge und den weiten Entfernungen zum Arbeitsplatz oder zur Schule. Aber sind New York, Paris, Moskau, Peking weniger anstrengend? Steger versenkte sich in die wissenschaftliche Schlafliteratur und formulierte danach ihre Hauptthese: Die Schlafgewohnheiten lassen sich weltweit nach drei verschiedenen Grundmustern charakterisieren. Erstens der für die westliche Kultur typische Monophasenschlaf (circa acht Stunden nachts), zweitens die vor allem rund ums Mittelmeer gepflegte Siesta-Kultur mit kürzeren Nachtschlaf- und längeren Tagesschlafphasen und drittens die, wie sie es nennt, Nickerchen-Kultur, mit kürzerem Nachtschlaf und mehreren, über den Tag verstreuten Schläfchen, verbreitet in Teilen Afrikas, in Indien, China – und besonders ausgeprägt in Japan.
Eine der Grundlagen von inemuri, dem »Sozialschlaf«, sei die hohe japanische Wertschätzung des persönlichen Einsatzes. Wer als Erster am Arbeitsplatz erscheine und dort lange aushalte, dessen Ansehen steige. »Entscheidend ist nicht, was hinten rauskommt, Dabeisein ist alles!«, erklärt Steger. Und dieses Engagement werde demonstriert, indem man für alle sichtbar einschläft: Seht her, heißt das, ich arbeite für Firma und Familie bis zur völligen Erschöpfung!
Bei Topmanagern gehört der Sitzungsschlaf zum Kalkül
In Japan wird nicht nur in Bussen, Bahnen und Flugzeugen geschlafen, sondern auch im Parlament (allen voran der Premierminister). Honoratioren nicken in Vorträgen ein, Topmanager in Sitzungen. Junge, aufstrebende Mitarbeiter sollten es allerdings mit inemuri nicht übertreiben, sondern warten, bis ihre Karriere die öffentliche Erschöpfung auch glaubhaft macht. Je bigger der Boss, desto demonstrativer sein Schlaf. Brigitte Steger kennt einen Topmanager, der bei Sitzungen regelmäßig eine Runde schlief, um seine Untergebenen, wie er sagte, von seiner übermächtigen Präsenz zu entlasten. In Wirklichkeit tat er nur so. Er lauerte im so genannten Dachsschlaf und wusste, dass seine Angestellten das wussten.
Geübt wird inemuri schon in der Grundschule. Kinder bringen sich kleine Handtücher mit und betten darauf ihren Kopf. Nur wenn es richtig spannend wird, bleibt Nippons Nachwuchs wach. Eine befreundete Professorin gestand Steger, dass sie während ihrer Vorlesung selbst gelegentlich in einen inemuri- ähnlichen Zustand verfiel – wobei sie mit halb geöffneten Augen mehr oder weniger sinnvolle Sätze von sich gab. Auf die Frage, was die Studenten davon hielten, kam die Antwort: »Die schlafen auch.«
Brigitte Steger selbst hat in ihren Vorträgen und Vorlesungen wenig mit dem Phänomen zu kämpfen. Hierbei hilft ihr ein Trick. Sie postiert auf dem Rednerpult eine Kamera, mit der Ankündigung, jeden Penner für die Forschung abzulichten. Ein wenig inemuri habe sie auch selbst gelernt. »Ich bin besser geworden, im Zug klappt es schon sehr gut, im Flugzeug leider überhaupt nicht.«
Inemuri habe weltweit Zukunft, ist Brigitte Steger überzeugt. Wachsende Mobilität und Globalisierung werden das Monopol des Monophasenschlafs brechen. Bei Kranführern, Lastwagenfahrern und Schichtarbeitern gehören Ruhepausen schon zum Alltag. Ihre eigene Zukunft sieht sie skeptischer. Der Marktwert der Japanologie sank in dem Maß, wie Japans Wirtschaft die Puste ausging. Außerdem ist sie mitten in die österreichische Hochschulreform geraten, steckt nun im so genannten Übergangsdienstrecht. Wenn sie in vier Jahren keine Stelle hat, ist es aus. Aber sie hatte mal wieder Glück, im kommenden Monat kann sie für ein Jahr nach Philadelphia an die Pennsylvania-Universität gehen. Dort will sie ihre Dissertation auf Englisch herausbringen und – wer weiß? – irgendwann auch einmal auf Japanisch.
Brigitte Steger befasst sich als Japanologin nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit der Gesellschaft und Kultur Japans. In ihrer Dissertation behandelt die 39-jährige Österreicherin sozial- und kulturwissenschaftliche Aspekte des Schlafens zum Beispiel die Kunst des japanischen »inemuri«, des »Schlafens und dabei anwesend Seins«. Die Assistentin am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien hat aber auch verschiedene Methoden des Schlafs, seine Ethik und soziale Funktion in Japan untersucht. Die Sitte des Nickerchens, so ist sie überzeugt, wird sich künftig weltweit durchsetzen
- Datum 12.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.08.2004 Nr.34
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