Afrika Buchführung im Busch
Wer sich in Gefahr begibt, muss darin nicht umkommen. Im südafrikanischen Karongwe-Reservat werden Touristen und Ranger gemeinsam geschult
Nein, der Löwe schläft nicht heute Nacht. Auf leisen Sohlen ist er ins Camp getrottet, steht jetzt neben der kalten Feuerstelle, schüttelt kurz die mächtige Mähne und blickt dann regungslos hoch zu William. Eine ganze Weile. Eine Ewigkeit. Zwei goldene Lichter funkeln in einem unscharfen Schatten unter dem blassen Mond.
Auf der fünf Meter hohen Plattform hat William sich halb aus seinem Schlafsack geschält, nimmt gar nicht wahr, wie sehr er zittert in der scharfen Kälte der afrikanischen Nacht. Vor Aufregung und Begeisterung wagt er fast nicht zu atmen. Doch dann dreht, genauso plötzlich, wie er aufgetaucht ist aus der Schwärze, der düstere Umriss wieder ab und geht auf im Dunkel des Waldes.
William strahlt. Das ist der Stoff, aus dem Geschichten sind. Denn wenn man sich schon zur Schule auf einem Abenteuerspielplatz angemeldet hat, möchte man, bitte schön, hinterher doch auch von etwas anderem erzählen als nur von voll gekritzelten Notizbüchern, harten Stühlen und auswendig gelernten Merksätzen.
»Wenn wir der Löwenspur folgen«, fragt Rob, der Ranger und Lehrer, am nächsten Morgen, »worauf müssen wir achten?« – »Wir bleiben im Flussbett. Halten Abstand zu unübersichtlichen Stellen. Gehen nicht in dichte Buschgruppen.« Doreen, die Musterschülerin, schießt die richtigen Antworten geradezu heraus. Die 24-Jährige aus Kapstadt, die einmal die beiden Restaurants ihres Vaters übernehmen soll, und William, der Makler aus London, sitzen im Busch und büffeln. Im südafrikanischen Karongwe-Reservat wollen sie etwas von dem Wissen und den Fähigkeiten erlernen, die ein Wildnis-Ranger für seinen Beruf braucht.
Angelockt vom Duft der Steaks, schleicht eine Hyäne um den Grill
»Welcher Baum ist das, Leute?« 40 Arten haben sie schon durchgenommen, 40 von 1500, die im Süden Afrikas vorkommen. Stephen, der normalerweise Landmaschinen in Neuseeland verkauft, blättert in seinen Aufzeichnungen. »Fein geädert, ein Blätterpaar wie zwei Schmetterlingsflügel – ein Mopane vermutlich. Die Rinde ist gut gegen Durchfall, und mit den gekauten Blättern stoppt man Blutungen.« Es lebe die sorgfältige Buchführung!
Das goldene Netz einer fingerlangen Spinne, ein Stück Sedimentgestein, das unverkennbare Glucksen der Gefleckten Taube – wie jeden Morgen bieten schon hundert Meter Fußweg Unterrichtsstoff im Übermaß. »Steckt ruhig mal den Finger in die Nashornlosung«, schlägt Rob vor, »spürt, ob sie noch warm ist. Und von wem stammen die glatt geriebenen, roten Flächen am Baum dort drüben?« – » Warthog «, sagt Max, »nee, verdammt, wildebeest . Gnu natürlich, nicht Warzenschwein.« Die Unterrichtssprache ist Englisch, für den Architekten aus Basel eine zusätzliche Hürde.
Von zehn bis zwölf wird Rob heute über die zwölf »s« sprechen, service, sensitivity, selflessness… und andere Eigenschaften, die neben Einfühlungsvermögen und Selbstlosigkeit einen Ranger prägen sollen. Der 28-tägige Grundkurs ist der erste Abschnitt einer dreistufigen Ausbildung, die von der Field Guides Association of Southern Africa eingeführt wurde, um ein gewisses Niveau aufseiten der Führer sicherzustellen. Gern dürfen auch Touristen teilnehmen, sofern sie auf eigene Kosten anreisen, umgerechnet rund 1700 Euro Gebühr aufbringen und bereit sind, vier Wochen lang in einfachen Zweibettzelten ohne Strom zu hausen. Immerhin haben die zwei Klos Wasserspülung, es gibt eine gasbeheizte warme Dusche, und die Hühnercurrys, Hackfleischsoßen und Rindfleischeintöpfe, die Gloria und Lissi, die beiden einheimischen Köchinnen, abends auf den Tisch stellen, schmecken gut und sind nie zu knapp bemessen. Eine Menge Komfort, verglichen mit dem nahe gelegenen Selati-Camp, in dem ebenfalls solche Kurse angeboten werden.
- Datum 12.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.08.2004 Nr.34
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