Norwegen Der Süden des Nordens
Norwegens Sørlandet träumt davon, die Riviera zu werden. Yachten, Buchten und Ferienhäuser gibt es reichlich
Asbjørn Andersen, der Gastwirt, trägt eine geschnürte Kniebundhose, Lederweste, Rüschenhemd und Dreispitz. Es ist Sonntag, und immer sonntags empfängt er seine Gäste in der Festtagskluft eines norwegischen Seefahrers. Die traditionelle Lotsenuniform ist Andersens Dienstkleidung bei seinen Führungen durch das südnorwegische Dorf Lyngør. Die winzige, autofreie Ortschaft verteilt sich auf vier winzige Inseln vor der Ostküste Sørlandets. Vieles in dieser Region, die sich über 180 Kilometer bis nach Kristiansand an den südlichsten Zipfel Norwegens erstreckt, ist beim Alten geblieben, aber in Lyngør zeigt sich die Vergangenheit am schönsten. Man braucht nur die alten Fotografien im kleinen Inselmuseum mit dem Blick aus dem Fenster zu vergleichen, um zu sehen, dass sich in den letzten 130 Jahren die weißen Holzhaussiedlungen nicht sonderlich verändert haben. Im glasklaren nordischen Licht strahlt eine gepflegte Oase ohne jeglichen Verfall. Die Lage am Skagerrak bietet Schutz vor den eisigen Nordmeerwinden, die Durchschnittstemperatur beträgt im Hochsommer stolze 24 Grad, und deshalb hat sich diese Ecke auch das Etikett »Der Süden des Nordens« verpasst.
»Den Sommer wil ich an keinem anderen Platz der Welt verbringen«
Dass hierher weder Hotelburgen noch Feriendörfer passen, hat Asbjørn Andersen früh erkannt. Der 59-Jährige ist Gastwirt mit Leib und Seele und ein Mann mit Spürnase. Er setzte auf die Vergangenheit und schuf 1989 in der gesamten zweiten Etage seines Restaurants Den Blå Lanterne Platz für das Inselmuseum. Zwei Jahre später zeichnete die EU Lyngør als »Europas bestbewahrtes Dorf« aus. Mitterweile spazieren 5000 Besucher jährlich auf Romantiktour über die verwinkelte Hauptinsel. Vor allem aber hat sich durch die Auszeichnung unter den Inselbewohnern wieder Optimismus breit gemacht. Denn die Aussichten für die Zukunft sahen lange ziemlich düster aus. Statt mehr Touristen war dem Dorf lange Zeit der Tod durch Aussterben prophezeit worden.
Seit den sechziger Jahren macht die schrumpfende Bevölkerungszahl zu schaffen. »Jeder neue Eigentümer muss vor Abschluss des Kaufvertrags garantieren, dass er seinen Wohnsitz hierher verlegt«, erzählt Andersen. Aber solche Selbstverpflichtungen konnten nicht verhindern, dass Grund an wohlhabende Städter verkauft wurde, die nur für ein paar Ferientage kommen. Der Verfall der Dorfgemeinschaft war nicht mehr aufzuhalten, als immer mehr junge Leute aufs Festland zogen. Als Erstes schloss die Schlachterei, dann folgten weitere Läden, irgendwann auch der Gemeinderaum, seit fünf Jahren müssen die 17 Schulkinder zum Unterricht aufs Festland pendeln. Im Winter bleiben gerade noch 30 der 300 Häuser bewohnt. Doch damit lässt sich ganz gut leben, weil die restlichen 90 Prozent der Bewohner im Frühsommer zurückkehren. Allen voran Asbjørn Andersen, der im September das Haus im winterfesten Zustand hinterlässt und im Mai wieder anreist. Vor zehn Jahren trieb ihn sein Asthma nach Alicante. Dort fand er seine spanische Frau – und die spanischen Kellnerinnen, die jetzt jede Sommersaison in der Blå Lanterne die hausgemachte Fischsuppe im gusseisernen Topf für satte 36 Euro servieren.
»Den Sommer will ich an keinem anderen Platz der Welt verbringen«, sagt Andersen. Wie er denken viele Norweger und vor allem Osloer, die auch außerhalb der Ferienzeit ihre Wochenenden drei bis vier Autostunden von der Hauptstadt entfernt an der Küste Sørlandets, des Südlands, verbringen. Halbinseln, Buchten, Sandstrände recken sich hier ins Meer – und unendlich viele blank gewaschene Schärengruppen, die aus der Flugzeugperspektive wie Kieselsteine in einem seichten Teich wirken. Vom schaukelnden Ausflugsboot aus verliert man im Gewirr der Wasserstraßen und Inseln den Überblick: Nördlich von Kristiansand kontrastieren felsige Minischären mit solchen, auf denen grüner Rasen vor weißen Holzhäusern wächst, immer neue Varianten quadratischer Sommerhäuser tauchen auf, Kinder spielen im Garten, die Motorboote liegen vertäut an den Anlegestellen.
Die Südnorweger behaupten gern, dass es bei ihnen mehr Boote als an der Côte d’Azur gebe, und darum träumen manche davon, Sørlandet zu einer Riviera mit internationalem Flair zu pushen. Tvedestrand hat einen Golfplatz, Wasserski gibt es fast überall zu leihen, und im Leuchtturm von Stangholmen hat die Løkta-Bar bis 21 Uhr geöffnet. Erfahrungsgemäß können sich die von Sonne, Salz, Wind und einem alkoholischen Absacker mitgenommenen Besucher schon vorher vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. Als einziges größeres Hotel liegt das Resort Lyngørporten direkt am Festland in Sichtweite zu Lyngør. Die kleine Wasserstadt auf künstlichem Grund passt sich unauffällig in die Landschaft ein. Holzbrücken verbinden die 20 bunten Hütten, auf den Kanälen kann man mit dem Motorboot direkt bis vor die Zimmertür schippern, und beim Aufwachen hört man als Erstes das Plätschern, des Wassers, das unermüdlich gegen dicke Holzpoller schlägt. Vor allem Angler stiegen bislang im Lyngørporten ab, denn Dorsch, Seelachs, Makrelen, Steinbutt sind mit bloßem Auge im Wasser zu entdecken. Die dicksten Brocken kann man bei minus 35 Grad bis zur Heimfahrt im Tiefkühlhaus lagern. Doch die niederländischen oder deutschen Angler kommen nicht mehr in Schwärmen. Deshalb versucht das Resort jetzt, mit Seminaren und Konferenzen mehr Kapital aus der Nähe zu den Osloer Firmensitzen zu schlagen.
- Datum 12.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.08.2004 Nr.34
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