Geir-Helge Rasmussen steht der Schweiß auf der Stirn. So viele Gäste hat der Bürgermeister von Utsira, Norwegens kleinster Gemeinde, noch nie empfangen. Ein ganzes Schnellboot voll mit Vertretern von Unternehmen, Regierung und Presse ist in den kleinen Inselhafen eingelaufen. Normalerweise teilen das stürmische Eiland, das eineinhalb Fährstunden vor der Fjordküste in der Nordsee liegt, nur 220 Bewohner mit Tausenden Seevögeln. Nun stehen zum ersten Mal in Utsiras Geschichte zwei ausgewachsene Reisebusse am Kai. Die Blaskapelle spielt auf, sogar die Sonne brennt. Geir-Helge Rasmussen hat sich in seinen schwarzen Anzug gezwängt und die schwere Amtskette angelegt. "Das ist ein großer Tag für uns, wir sind sehr glücklich", sagt der Bürgermeister in die Mikrofone, die ihm norwegische und britische Fernsehreporter entgegenstrecken. Sogar ein Team von al Arabija ist angereist. "Wenn sich Norwegen auf die Zeit nach dem Öl vorbereitet, dann interessiert uns das sehr", sagt der Korrespondent aus Dubai.

Umweltfreundlicher geht es nicht

Schließlich ist Norwegen nach Saudi-Arabien und Russland die Nummer drei im weltweiten Ölexportgeschäft. Und ausgerechnet hier wird zum ersten Mal ein Stromnetz eingeweiht, das ohne einen einzigen Tropfen fossilen Brennstoff auskommt – eine Generalprobe für den Beginn des Wasserstoffzeitalters. Drei Kilometer vom Hafen entfernt, auf der gegenüber liegenden Seite der Insel, hat das ostfriesische Unternehmen Enercon zwei Windräder aufgestellt. Eines davon versorgt ein eigenständiges Stromnetz, an das 10 der 70 Inselhaushalte angeschlossen sind. Bläst der Wind kräftig, liefert das Windrad deutlich mehr Strom, als die Haushalte benötigen. Dann dient die überschüssige Energie dazu, in einem Elektrolyseur Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten. Der Sauerstoff wird abgeblasen, der Wasserstoff landet in einem Drucktank.

Steht das Windrad bei einer der (eher seltenen) Flauten oder nach der Sicherheitsabschaltung bei einem Orkan still, wird der gespeicherte Wasserstoff zur Energieversorgung genutzt. Über eine Brennstoffzelle (und sicherheitshalber noch einen Generator) lässt sich die benötigte Elektrizität erzeugen. So entsteht ein stabiles Stromnetz, obwohl der Ertrag der regenerativen Energie stark schwankt. Ein Teil des gespeicherten Wasserstoffs könnte überdies noch als Treibstoff für Boote und Autos dienen. Umweltfreundlicher geht es nicht: Bei der Verbrennung des gespeicherten Wasserstoffs wird nur Wasser frei – Schadstoffe entstehen nicht. Eine solche Kreislaufwirtschaft erträumen sich ökologisch orientierte Vordenker in aller Welt für die Zeit nach dem Öl.

Utsiras Bevölkerung hat sich davon anstecken lassen. Als das Projekt auf einer Bürgerversammlung vorgestellt wurde, gab es lauten Applaus. Bürgermeister Rasmussen kam mit einer riesigen Torte zum Richtfest. "Die Windräder sind wunderschön", schwärmt er auch bei der Einweihungszeremonie. Norwegens Energieministerin hält eine Dankesrede und setzt die Rotorblätter mit einem Druck auf den roten Knopf in Bewegung. Enercon-Chef Aloys Wobben steht gerührt daneben. So viel Begeisterung tut ihm sichtlich gut, nachdem seiner Branche in Deutschland der Wind inzwischen kräftig ins Gesicht bläst (ZEIT Nr. 20/04). Neben Protesten gegen die "Verspargelung" der Landschaft durch rotierende Flügel bemängeln die Windkraftgegner, dass diese Form der Energie uneffektiv sei. Trotz vieler installierter Windräder müsse mit konventionellen Kraftwerken für Flautezeiten vorgesorgt werden. "All die Kritiker sollen herkommen und selber sehen, dass man Windenergie auch speichern kann", sagt Wobben.

Die meisten Teile der Anlage, die in leuchtend weiß gestrichenen Containern unter dem Windrad stehen, sind keine technischen Neuheiten. Die Herstellung von Wasserstoff durch Elektrolyse wird seit über 100 Jahren praktiziert. Auch die Brennstoffzelle, die das Gas chemoelektrisch in Wasser zurückverwandelt und dabei Strom und Wärme liefert, wurde schon 1839 erfunden. Neu ist in Utsira vor allem das, was am wenigsten zu sehen ist: die elektronische Regelungstechnik. Sie muss dafür sorgen, dass aus den schwankenden Erträgen von Windrad und Brennstoffzelle haargenau 230 Volt Spannung mit einer Frequenz von 50 Hertz entsteht – und das in einem höchst labilen Netz. Denn in Utsira treten schon dann extreme Verbrauchsspitzen auf, wenn zwei Haushalte gleichzeitig ihre Elektroheizungen einschalten.

"Es hat schon viele Versuche gegeben, ein Inselnetz auf Windenergie aufzubauen, bisher war das aber nie erfolgreich", sagt der Enercon-Ingenieur Rolf Rohden, der die Anlage auf Utsira installiert hat. Seine Patentlösung des Problems surrt in einem der weißen Container: Dort dreht sich ein 2,5 Tonnen schweres Schwungrad und speichert bis zu fünf Kilowattstunden Energie. Bei einer Netzschwankung kann es sofort Strom liefern oder aufnehmen. Eigentlich soll das vollautomatisch funktionieren, sicherheitshalber ist die gesamte Elektronik aber über eine ISDN-Leitung mit der Enercon-Zentrale im ostfriesischen Aurich verbunden.

Kleinere Reparaturen soll künftig ein norwegischer Techniker ausführen, bei größeren Problemen werden Mitarbeiter aus Schweden oder Deutschland eingeflogen. Auf Probleme stellt sich Rohden schon jetzt ein. "Alles, was man hier anfasst, ist salzig", sagt der Ingenieur, "die Insel ist sehr schön, aber klimatisch sind das Off-Shore-Bedingungen." Der Westwind dringt durch alle Ritzen. Der provisorische Hafen, der zum Aufbau der Windräder angelegt wurde, ist bereits der rauen Witterung zum Opfer gefallen – das letzte Unwetter hat die Mole fortgespült. "Utsira ist ein idealer Ort für unser Experiment", sagt deshalb Eivind Reiten, Vorstandsvorsitzender von Norwegens zweitgrößtem Energiekonzern Hydro, dem die Anlage gehört. Wenn sie hier funktioniert, kann man sie überall einsetzen.