Kino Tänzeln über dem Nichts
In seinem Film »Vater und Sohn« gelingt dem russischen Regisseur Alexander Sokurov ein wunderbares Beziehungsgemälde
Es mag übertrieben und auch ein bisschen pathetisch sein, einen Regisseur zum großen Monolithen und Ehrenretter seiner Zunft aufzublasen. Und doch sollte das Kino Gott auf Knien danken, dafür, dass es einen wie Alexander Sokurov gibt. Einen Mann, der Bilder von verrätselter Wucht und archetypischer Schönheit in die Welt setzt. Einen Regisseur, der sich seit fast dreißig Jahren in einer Galaxie bewegt, in der Begriffe wie Markförmigkeit oder auch Avantgarde schlichtweg nicht existieren. Für Alexander Sokurov ist das Kino zu wichtig, um es mit solchen Äußerlichkeiten und Etiketten zu belästigen. Seine Filme sind dem Leben zugleich enthoben und auf elementare Weise nah, ohne dass sie die Welt abbilden oder gar nacherzählen wollen. Sokurovs Kino ist der fortwährende Versuch, sich des Daseins über seine Vergänglichkeit zu vergewissern.
Ob er einen jungen Kriegsheimkehrer filmt, der an den historischen Umbrüchen der Revolution verzweifelt (Die einsame Stimme des Menschen, 1978), einen Sohn, der sich von seiner sterbenden Mutter verabschiedet (Mutter und Sohn, 1997), oder den dahinsiechenden Lenin während seiner letzten Tage begleitet (Taurus, 2001) – stets versucht Sokurov, die Zeit zu dehnen, zu verlangsamen, den einzelnen Moment zu vergrößern und ihn noch einmal festzuhalten, bevor er im endgültigen Nichts entschwindet.
In seinem Film Russian Ark setzte Sokurov dieses Verfahren kürzlich sogar in motivischer Reinform um. Mit Tausenden Statisten und dem Wahnsinnsakt einer einzigen 90-minütigen Kameraeinstellung durch die Petersburger Eremitage gelang es ihm, russische Geschichte zu verräumlichen. Seine halb mythische, halb gespenstische Beschwörung der Historie, aber auch die Vorliebe für verblichene Fotografien und versunkene Welten brachten dem russischen Regisseur wiederholt den Vorwurf der Verklärung der Vergangenheit ein. Dabei interessiert Sokurov nicht die jeweilige Epoche oder ihr politisches Dispositiv, sondern das Verschwinden selbst. Seine Nostalgie ist nicht reaktionär, vielmehr existenziell.
Vater und Sohn , Sokurovs neuer Film, feiert eine Intimität, die den Schmerz des Abschieds bereits in sich trägt. Wie auf einem Elfenbeinturm leben Vater und Sohn allein in einer Wohnung über den Dächern der Stadt. In weich getönten, manchmal wie zerfließenden Bildern entfaltet sich die symbiotische Beziehung zweier Menschen, die sich selbst genug sind und doch wissen, dass sie nur weiterleben können, wenn sie sich trennen. Der Film beginnt mit dem Bild einer männlichen Pietà. Nach einem Albtraum hat der Sohn den Mund weit aufgerissen und kauert im Arm des Vaters. Wir hören dessen beschwichtigende Stimme und sehen nackte Körper, die kaum auseinander zu halten sind. Mit fast schon psychoanalytischer Abstraktion konstruiert Sokurov das Ideal einer Vater-Sohn-Beziehung. So schön und voller Zärtlichkeit, dass der Vollkommenheit auch schon ihr Ende eingeschrieben ist.
Einmal mehr arbeitet der Filmemacher wie ein Maler, der die Essenz des zu Sagenden mit nur einem Bild zu erfassen sucht. In jeder Einstellung ergeben die Rangeleien, übermütigen Spiele, Blickwechsel und Körperpositionen das symbolische Konzentrat eines so anrührenden wie fragilen Verhältnisses. Immer wieder turnen Vater und Sohn auf einem wackeligen Brett herum, das als Übergang zwischen zwei Dachfenstern dient. Nie sieht man den Abgrund und spürt doch die Gefahr des Ausgleitens, Abstürzens, des endgültigen Verschwindens aus dem Bild. Am Horizont glüht das Meer oder ein sehr breiter Fluss, die Außenwelt, so nah wie irreal.
Das Soldatische ist Teil einer Erbfolge, der nicht zu entkommen ist
Seltsam schwebend zwischen Abstraktion und sehr konkreter Körperlichkeit, ist Vater und Sohn auch ein Film über Männlichkeit, ihre symbolische Ordnung, ihren alltäglichen Ausdruck, ihre Ästhetik. Über den Dächern sieht man die beiden Fußball spielen, schaut dem Älteren beim Gewichtheben zu oder beim entspannten Räkeln in einer Wohnung, deren Grundriss sich in schattigen Verschachtelungen verliert.
Jenseits der virilen Rumpffamilie lauert das Militär, eine andere, größere Ordnung, die beide Generationen im Griff hält. Albträume, Fotografien und zerstückelte Erinnerungen erzählen von einem Krieg, absurden Befehlen, verhassten Vorgesetzten. Tschetschenien und Afghanistan liegen in der Luft, eine Röntgenaufnahme dokumentiert die Lungenverletzung des Vaters. Und doch ist auch der Sohn wie naturgegeben in der Armee, als sei das Soldatische Teil einer männlichen Erbfolge, der nicht zu entkommen ist, die nicht einmal der sanfte, zärtliche, vom Krieg versehrte Vater durchbrechen kann oder will.
Obwohl in Vater und Sohn auch etwas Martialisches mitschwingt, die Kriege ihre Opfer und Verbitterten zurücklassen, wäre es unredlich, in Sokurovs Werk eine wie auch immer geartete Gesellschaftskritik hineinzulesen. Zur Wirklichkeit haben seine Filme eine allenfalls zart osmotische Verbindung. Von außen dringt nur herein, was unbedingt hereindringen muss, als Tönung, Schatten, ferner Widerhall. Selbst seine zu Sowjetzeiten entstandenen Filme, die von ratlosen Funktionären in den Stahlschrank gesperrt wurden, verklärte Sokurov im Nachhinein nie zu Metaphern des Widerstands. Nur weil Andrej Tarkovski den jüngeren Regisseur Ende der achtziger Jahre als herausragendes Talent feierte, wurde Alexander Sokurov überhaupt von einer breiteren Öffentlichkeit entdeckt.
Seitdem dreht er fast im Jahresrhythmus seine seltsamen filmischen Monolithen. Allegorien, deren Zeichen zu sich selbst zurückführen. Tagträume, deren Figuren wie Vater und Sohn über einem großen gähnenden Nichts dahintänzeln. Dabei versprüht Sokurov keinen Metaphernnebel, er erzählt von archaischen und manchmal schmerzlichen Wahrheiten, so klar es irgend geht. In diesem hellsichtigen Kino ist das Leben ein langer, manchmal unsagbar schöner Vorlauf zum Tod.
- Datum 12.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.08.2004 Nr.34
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