Kino Tänzeln über dem NichtsSeite 2/2
Seltsam schwebend zwischen Abstraktion und sehr konkreter Körperlichkeit, ist Vater und Sohn auch ein Film über Männlichkeit, ihre symbolische Ordnung, ihren alltäglichen Ausdruck, ihre Ästhetik. Über den Dächern sieht man die beiden Fußball spielen, schaut dem Älteren beim Gewichtheben zu oder beim entspannten Räkeln in einer Wohnung, deren Grundriss sich in schattigen Verschachtelungen verliert.
Jenseits der virilen Rumpffamilie lauert das Militär, eine andere, größere Ordnung, die beide Generationen im Griff hält. Albträume, Fotografien und zerstückelte Erinnerungen erzählen von einem Krieg, absurden Befehlen, verhassten Vorgesetzten. Tschetschenien und Afghanistan liegen in der Luft, eine Röntgenaufnahme dokumentiert die Lungenverletzung des Vaters. Und doch ist auch der Sohn wie naturgegeben in der Armee, als sei das Soldatische Teil einer männlichen Erbfolge, der nicht zu entkommen ist, die nicht einmal der sanfte, zärtliche, vom Krieg versehrte Vater durchbrechen kann oder will.
Obwohl in Vater und Sohn auch etwas Martialisches mitschwingt, die Kriege ihre Opfer und Verbitterten zurücklassen, wäre es unredlich, in Sokurovs Werk eine wie auch immer geartete Gesellschaftskritik hineinzulesen. Zur Wirklichkeit haben seine Filme eine allenfalls zart osmotische Verbindung. Von außen dringt nur herein, was unbedingt hereindringen muss, als Tönung, Schatten, ferner Widerhall. Selbst seine zu Sowjetzeiten entstandenen Filme, die von ratlosen Funktionären in den Stahlschrank gesperrt wurden, verklärte Sokurov im Nachhinein nie zu Metaphern des Widerstands. Nur weil Andrej Tarkovski den jüngeren Regisseur Ende der achtziger Jahre als herausragendes Talent feierte, wurde Alexander Sokurov überhaupt von einer breiteren Öffentlichkeit entdeckt.
Seitdem dreht er fast im Jahresrhythmus seine seltsamen filmischen Monolithen. Allegorien, deren Zeichen zu sich selbst zurückführen. Tagträume, deren Figuren wie Vater und Sohn über einem großen gähnenden Nichts dahintänzeln. Dabei versprüht Sokurov keinen Metaphernnebel, er erzählt von archaischen und manchmal schmerzlichen Wahrheiten, so klar es irgend geht. In diesem hellsichtigen Kino ist das Leben ein langer, manchmal unsagbar schöner Vorlauf zum Tod.
- Datum 12.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.08.2004 Nr.34
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