Kein Foto, kein Brief ist Henri Litchi von seinen Eltern geblieben. Der 68-jährige Pariser Drogist besitzt nur einige wenige Dokumente über sie. Zu den Originalen unter diesen Papieren gehört die Heiratsurkunde. Esther Scialom und Ichay Litchi schlossen demnach am 12. September 1929 in Thessaloniki den Ehebund. Bald darauf wanderten sie nach Frankreich aus. Doch wann genau und warum, ob direkt nach Paris oder erst über einen Umweg: Henri Litchi kennt die Antworten nicht.

Zu seinen eigenen frühesten Erinnerungen zählt eine Zugfahrt im Winter 1942, die ihn und seine ältere Schwester Arlette in ein französisches Pyrenäendorf führte. Wer hat die beiden in Paris an den Bahnhof gebracht? Auch so eine unbeantwortete Frage. Seine Mutter jedenfalls nicht, denn sie starb ausweislich der Todeserklärung am 24. Februar 1941 nachts um 23.50 Uhr in einer Pariser Klinik. In dem Bergdorf wurden Henri und Arlette von einer Pflegemutter erwartet, die beide Kinder sicher durch den Krieg lotste. "Ich habe gute Erinnerungen an sie", blickt Henri Litchi dankbar zurück. "Sie hatte eine ähnliche Stimme wie meine Mutter."

Eine ferne Stimme, das ist alles, was ihm von seiner Mutter geblieben ist.

Nach dem Krieg erfährt er, dass auch sein Vater tot ist. Gestorben im NS-Internierungslager Drancy. Doch das stimmt nicht. Hätte Henri Litchi auch nur die Spur einer Ahnung gehabt, dann hätte er gewiss in Serge Klarsfelds Buch Le Mémorial de la Déportation des Juifs de France (1983) geblättert: Darin sind sämtliche Transporte der französischen Juden in die Vernichtungslager der Deutschen aufgeführt und Name für Name 33.000 Deportierte genannt. Auch Ichay Litchi, der am 9. Februar 1943 mit 1.000 französischen Juden im Transport Nr. 47 von Drancy nach Auschwitz verschleppt wurde, am 11. Februar 1943 dort ankam und den die SS, derweil sie die Übrigen sofort ermordete, mit 76 Männern und 91 Frauen ins Lager schickte. Doch auch dies ist erst die halbe Wahrheit. Denn zur ganzen Wahrheit gehört, dass Litchi in Auschwitz zwei Anthropologen in die Hände fiel und am 30. Juli 1943 zusammen mit weiteren 85 selektierten Häftlingen ins elsässische KZ Natzweiler-Struthof verschleppt wurde.

Die beiden aufstrebenden jungen Wissenschaftler waren Anfang Juni 1943 nach Auschwitz gekommen: Der 32-jährige Bruno Beger aus München, wo er an einem Institut eine Tibet-Expedition auswertete, und aus Tübingen der 31-jährige Hans Fleischhacker, der tags vor der Abreise seine Habilitation mit der Probevorlesung abgeschlossen hatte. Dem Frankfurter Landgericht werden die beiden Forscher knapp 30 Jahre später erklären, dass sie in Auschwitz Häftlinge vermessen hätten, um unterschiedliche Techniken für eine gemeinsame rassenkundliche Expedition in den Kaukasus aufeinander abzustimmen.

Tatsächlich jedoch handelten Beger und Fleischhacker im Auftrag der SS-Wissenschaftsorganisation Ahnenerbe, die nach Kräften einen Plan des Anatomieprofessors August Hirt unterstützte. Hirt, Jahrgang 1898, war 1936 an die – von den Nazis nach ihrem frühen Vordenker in Rassenfragen Ernst Moritz Arndt benannte (siehe auch Fataler Patron ) – Universität Greifswald berufen worden und arbeitete (nach einer Zwischenstation in Frankfurt am Main) seit 1941 an der so genannten Reichsuniversität Straßburg. Hier leitete er die Anatomie, ließ sich als Mitarbeiter für das Ahnenerbe gewinnen und wollte die historische Schädelsammlung am Institut zu einem Panoptikum der Rassenpropaganda ausbauen. Dazu hatte er zunächst die Absicht bekundet, unter russischen Kriegsgefangenen eine Auswahl zu treffen: "In den jüdisch-bolschewistischen Kommissaren, die ein widerliches, aber charakteristisches Untermenschentum verkörpern, haben wir die Möglichkeit, ein greifbares wissenschaftliches Dokument zu erwerben, indem wir ihre Schädel sichern." Eine nicht genannte Anzahl dieser Gefangenen sollte anthropologisch vermessen und anschließend ermordet werden. "Für die Aufbewahrung und die Erforschung des so gewonnenen Schädelmaterials", meinte Hirt, "wäre die neue Reichsuniversität Straßburg ihrer Bestimmung und ihrer Aufgabe gemäß die geeignetste Stätte."

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In Zusammenarbeit mit dem Ahnenerbe war bald allerdings nicht mehr nur von einer "jüdischen Schädelsammlung", sondern von einer "jüdischen Skelettsammlung" die Rede. Warum die SS-Mediziner anstelle russischer Kriegsgefangener schließlich KZ-Häftlinge als Opfer bevorzugten, lässt sich aus den wenigen erhaltenen Akten nicht entnehmen. Aus der lückenhaften Korrespondenz der an dem Verbrechen beteiligten Ahnenerbe-Mitglieder kann man herleiten, dass 150 Häftlinge in Auschwitz vermessen werden sollten. Es war beabsichtigt, sie in Auschwitz zu ermorden und die konservierten Leichen nach Straßburg zu bringen. Nicht ganz klar ist, nach welchen Kriterien und bei welcher Gelegenheit Beger und Fleischhacker die Opfer für ihren Auftrag auswählten. "Mir ist in Erinnerung", berichtete Beger später vor Gericht, "daß ich, als ich erstmals in meinem Leben im KL Auschwitz einer größeren Gruppe von Juden gegenüberstand, von der anthropologischen Vielgestaltigkeit überrascht war."