zeitgeschichte Skelette für StraßburgSeite 4/4

Die Täter sollen nicht das letzte Wort haben

Um diese Topologie des Terrors zu ergründen, ihr Gestalt zu geben und die Opfer zu finden, bedurfte es verzweigter Recherchen, die immer wieder auch an Grenzen stießen. Denn ich hatte nicht einkalkuliert, dass mich die Schicksale der gesuchten 86 Personen gleich mit der ganzen europäischen Dimension des Holocaust konfrontieren würden.

Gerade als es gelungen war, die Nummern in Namen zurückzuführen, stieß ich auf die Arbeit eines französischen Historikers. Auf den Spuren eines Unbekannten heißt das Buch, 1999 erschienen, in dem Alain Corbin demonstriert, wie er einer willkürlich aus einem Findbuch herausgesuchten Person – der Zufall bestimmte einen französischen Holzschuhmacher aus dem 19. Jahrhundert – anhand von Verwaltungsakten und anderen zugänglichen Dokumenten zu Gestalt verhilft. Corbin gab den Ansporn weiterzusuchen. Konnte er sich allerdings auf die Suche nach einer Person konzentrieren, so hatte ich ein Vielfaches vor mir. Doch auch in den Zielen unterschieden wir uns. Ihn verbinde, schreibt Corbin, mit seiner historischen Recherche kein Glauben, keine Mission, kein Engagement. Ich dagegen war Partei – zwar nicht bei der objektiven Rekonstruktion der Tatzusammenhänge, wohl aber in dem Sinn, anonym gebliebenen Opfern eines Verbrechens ein Gesicht zu geben. Dies auch um ihrer Angehörigen willen, die, wie mir immer wieder bestätigt wurde, Gewissheit haben wollten, so schrecklich sie sich auch ausnähme.

Vor allem aber sollten die Täter nicht das letzte Wort haben. Ihre Namen gehören in die Verbrecherkartei der Geschichte, wer will, mag sie dort finden. Doch erinnert und im Gedächtnis bewahrt werden sollen die, die zu wissenschaftlichen Zwecken ermordet wurden, ihres Namens, ihrer Identität beraubt. Jeannette Passmann, geborene Vogelsang, die Kaufmannswitwe aus Gelsenkirchen, und Frank Sachnowitz, der 17-jährige Norweger aus Larvik. Und Ichay Litchi, geboren am 13. Juli 1911 in Thessaloniki, seit Anfang der dreißiger Jahre ein beliebter Schuhmacher in Paris, Rue Abbé Groult No. 65; Vater von vier Kindern, einer Tochter und drei Söhnen, von denen einer Henri heißt.

Hans-Joachim Lang: »Die Namen der Nummern«

Verlag Hoffmann und Campe, 2004, 303 S., Abb., 19,90 Euro

 
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