Skopje, Kot Schahhan

Es war einmal ein junger Mann aus Pakistan namens Bilal Hussein Kazmi. Er machte sich auf den Weg nach Griechenland. Kurz bevor er sein Ziel erreichte, starb er eines gewaltsamen Todes… Keine Angst, ein orientalisches Märchen wollen wir nicht erzählen. Es ist nur so, dass in Pakistan die Geschichte des Bilal Kazmi sehr bekannt ist, wie ein Märchen eben, das dazu da ist, eine schreckliche Einsicht zu verbreiten: Seht her, das droht den Muslimen im Westen! Es sind nicht allein verrückt gewordene Islamisten, die solches angesichts des Schicksals von Bilal Kazmi sagen, sondern ernst zu nehmende pakistanische Kommentatoren. Bilal Kazmi nämlich wurde erschossen, gemeinsam mit sechs anderen, am Rande Europas, in einem kleinen Staat namens Makedonien. Er starb, weil es den 11. September 2001 gab. Er starb, weil man seitdem gegen Terror kämpft, und er starb, weil dieser Kampf manchmal missbraucht wird.

Die Geschichte scheint auf den ersten Blick einfach. Bilal Kazmi wurde getötet, weil er angeblich zu al-Qaida gehörte. Das aber stimmt nachweislich nicht. Er war ein Einwanderer, ein Illegaler. Von denen kommen zwar viele auf ihrem Weg nach Europa ums Leben, aber dass einer geradezu von der Staatsmacht exekutiert wird, geschieht eher selten. Wie es zu dieser Exekution kam, ist kompliziert, lässt sich aber so zusammenfassen: Ein Minister wollte sich als ein erfolgreicher Kämpfer gegen den Terror profilieren, um sein politisches Überleben zu sichern. Ein Polizeigeneral wurde zu seinem Instrument – ob wissentlich, ist noch nicht geklärt. Am Ende lag Bilal tot in einem Straßengraben, zusammen mit sechs anderen illegalen Einwanderern.

Wie konnte dieses Verbrechen geschehen? Fangen wir mit dem Nirgendwo an, denn Illegale kommen ja meistens aus Orten, die keiner kennt, von irgendwo da unten, wo die Leute einen Dollar pro Tag verdienen und mit der Wasserversorgung Probleme haben. Bilal Kazmi kam aus Kot Schahhan, einem Kaff, von dem kaum jemand wissen dürfte, wo es liegt. Deshalb soll noch erwähnt werden, dass Kot Schahhan in der Nähe von Gujranwala liegt, einer pakistanischen Provinzhauptstadt, die den Ruf besitzt, die schlechteste Luft des Landes zu haben, wegen der Textilfabriken und auch wegen der Great Trunk Road, die mitten durch das verstopfte Herz der Stadt führt. GT Road nennen die Pakistanis diese Straße der Einfachheit halber. Sie verbindet Kabul mit Kalkutta und ist seit je das Rückgrat des Subkontinents, einst auch für das britische Kolonialreich. Das Dorf Kot Schahhan an der GT Road ist so gesehen eng mit der europäischen Geschichte verbunden. Eine kleine, schmutzige Häuseransammlung nur wenige Kilometer entfernt von der Lebensader eines verblichenen europäischen Imperiums.

Jaffar Kazmi, Bilals Vater, hätte bis vor wenigen Jahren nicht gesagt, dass sein Leben unglücklich verlaufen sei. Er ist ein frommer Schiit, allfällige Unbill federt der Glaube ab. Jaffar arbeitete jahrzehntelang als Uhrmacher. Er brachte seine sechs Kinder damit durch, ein Häuschen baute er sich auch. Ende der achtziger Jahre kamen dann die Digitaluhren und wenig später die Chinesen. "Die haben so billige Uhren produziert!", sagt Jaffar, so billig, dass selbst Pakistanis lieber eine neue Uhr kaufen als ein alte reparieren zu lassen. Der Uhrmacher Jaffar musste einsehen, dass seine Tätigkeit dem Ende zuging, dabei war er damals erst Mitte fünfzig.

Es kam die Zeit für Bilals Auftritt als Retter der Familie. Er schlug dem Vater vor, gemeinsam mit dem Bruder Dabir eine Werkstatt zur Produktion von Radkappen zu eröffnen. Der Vater sollte das Geld für den Anfang geben, danach würde alles wie von allein laufen. Sie würden die Familie ernähren können. Jaffar zögerte, Bilal insistierte. Er wollte aus sich etwas machen, selbstständig werden, Geld verdienen, Träume verwirklichen, die einer mit 18 Jahren eben hat. Jaffar kapitulierte schließlich. Er gab den beiden Söhnen ein paar tausend Dollar, die Ersparnisse eines ganzen Lebens. Sie eröffneten 1991 eine Werkstatt an der GT Road. Bilal und Dabir gaben ihr den selbstbewussten Namen: Kazmi Engineering Factory. Es war der erste Schritt, der zu Bilals Ermordung führen sollte; aber das konnte keiner wissen, denn das Schicksal spinnt seine Fäden im Verborgenen, und zu seiner Entfaltung bedient es sich ahnungsloser Helfer.

Eine Verschwörung von Albanern und al-Qaida – was für eine Idee!

Einer davon lebte in Strumica. Auch das ist so ein Ort, klein, unbekannt, schäbig. Man soll nicht ungerecht sein, Strumica hat eine große, leidvolle Geschichte für den, der an sie glaubt. In dieser Stadt verehren viele Goce Del‡ev, den makedonischen Nationalheiligen, den die Türken 1903 ermordet haben. Der Glaube an die makedonische Nation spielt eine wesentliche Rolle bei den späteren Geschehnissen, denn ohne ihn wäre Goran Stojkov wohl nie in den Dienst des Staates getreten, der 1991 unabhängig wurde. Ohne diesen Glauben wäre er nie in die Lage gekommen, einen jungen Pakistani zu erschießen.