Musik Urklänge, orphischSeite 2/2
Das Lied, das in allen Dingen schläft, zum Klingen bringen – dank Verfeinerungen der Sampling-Technik ist die neueste Elektronik der Verwirklichung dieser alten romantischen Idee inzwischen so nahe wie nie zuvor. Längst geht es nicht mehr darum, grobschlächtiges Industriegeklöppel aneinander zu schneiden wie in der Pionierphase des Digitalen, die neue Software erlaubt es, elementar zu werden und ins Biomorphe vorzudringen. Matthew Herbert etwa, der großen Techno-Naiven mit seinem Laptop schon mehrmals zu Diensten, hat vor einiger Zeit ein Album aufgenommen, das ausschließlich aus Körper-Sounds besteht. Plat du jour heißt sein jüngster Entwurf, eine Komposition aus Essgeräuschen. Andere sampeln das Ziehen der Wolken oder den Gesang der Augenwimpern.
Für Medulla bestand die Arbeit Björks darin, mit ein wenig Hilfe befreundeter Produzenten dasselbe Verfahren auf das Vibrieren des Kehlkopfs anzuwenden. Wo es sich, den versammelten Artisten und Spezialisten zum Trotz, als zu schwach erwies, um Felsen zum Weinen zu bringen und selbst das Meeresgetier zu erreichen, hat sie die Evolution kurzerhand ein wenig verbessert. Mit beeindruckenden Ergebnissen. Wo gerade noch schlichte, mittelfrequenzige Mehrstimmigkeit zu herrschen schien, blubbern plötzlich organische Menschmaschinen, werden Samples zu Schleifen gebunden, die sowohl human klingen als auch seltsam insektoid. Als zweite, bearbeitete Natur atmet das, was aus Lungen emporquillt, erst vollends den Atem des Kosmischen. Wenn Björks Stimme dann noch über allen Timbres schwebt, ist die Unio mystica nicht weit.
Explizit politische Lesarten dieser doppelten Beseelung hat sich die Künstlerin verbeten, aber auch, wie es so ihre widersprüchliche Art ist, nicht völlig ausgeschlossen. Der Titel Öll birtan jedenfalls meint so viel wie »All das Licht«, Vökuró ist eine Hymne über die Sorge, die wohlmeinende Menschen gegenüber ihrer Umgebung an den Tag legen sollten, und Mouth’s Cradle soll Björk nach eigenen Angaben beim Stillen ihres zweiten Kindes eingefallen sein. »I need a shelter to build an altar away from all Osamas and Bushes«, singt sie darin in ihrem idiosynkratischen, nordischen Englisch. Wer in dem Summen und Brummen der Stimmen also eine Art mütterliche Klangblase erkennen will, verfehlt das Anliegen hinter Medulla nicht.
Weil Björk G. aber so eine weit gereiste, wunderbar überkandidelte Person ist, weil sie sich um Grenzen von Kitsch und Kunst ihr Lebtag nicht geschert hat, kann man den jüngsten Wurf auch einfach als State of the Art im großen postmodernen Poptheater nehmen. Die coole Welt der Maschinen, auf mikromakrobiotische Weise mit Vorstellungen aus Sport, Naturheilkunde und Kinderzimmer verflochten – wo kriegt man so was sonst noch geboten? Zu Recht werden die Galerien und Szenekneipen von Mailand bis Tokyo diese Platte eine Saison lang rauf und runter spielen. Dass das Cover wieder von führenden Pariser Kunstschwulen entworfen wurde, versteht sich nahezu von selbst. Fürs nächste Mal allerdings erwarten wir uns ein Album, das ganz aus dem gesampelten Brunftschrei der Eintagsfliege gewirkt ist, oder dem Knistern unrasierter Achselhöhlen um Mitternacht.
- Datum 19.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.08.2004 Nr.35
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