Der Bildungspalast der Zukunft sieht aus wie ein überdimensioniertes Origami-Kunstwerk: die Ecken gefaltet, die Mitte verschachtelt, die Anmutung grazil; geeignet, dem Erbauer ein Denkmal zu setzen. Edel sei das Gebäude, teuer und gut: Über 50 Millionen Euro bringt Volkswagen für den ersten Bauabschnitt seines MobileLifeCampus in Wolfsburg auf. In diesen Tagen sind die ersten Bauwagen vorgefahren, Bauarbeiter spannen das Gelände mit rot-weißen Plastikbändern ab – im Februar 2006 soll der Bau fertig sein, 156 Meter lang, 54 Meter breit, 21 Meter hoch. Schon vom Herbst 2005 an sollen in den erst halb fertigen Hörsälen des Bauwerks aus Beton, Stahl und Glas Vorlesungen und Seminare stattfinden – in der AutoUni von Volkswagen, einer Corporate University, zu Deutsch: Firmenhochschule.

In Firmenunis wollen Unternehmen ihre Mitarbeiter passgenau ausbilden, allgemeine Inhalte auf die Bedürfnisse der Firma herunterbrechen, Mitarbeiter an den Konzern binden. Sie greifen zur Selbsthilfe, weil öffentliche Universitäten den Markt der Weiterbildung brachliegen lassen – und damit ein großes Geschäft verschlafen. Seit in Deutschland Ende der neunziger Jahre die ersten Firmenunis gegründet wurden, ist ihre Zahl explodiert. Der Hochschulverband, die Interessenvertretung der Professoren, prophezeite gar, es werde hier "bald mehr Universitäten als Schwimmbäder geben".

So hat Bertelsmann eine Firmenuni, DaimlerChrysler hat eine, Lufthansa auch, und selbst die Bulettenbräter von McDonald’s schmücken sich mit weltweit sieben Hamburger Universities, eine davon in München. Dieser Trend kommt aus den USA, wo 1955 die erste Unternehmensuni gegründet wurde und sich in den vergangenen 15 Jahren die Zahl der firmeneigenen Hochschulen auf 1.600 vervierfacht hat. Bis 2010 sollen gar mehr Menschen an Firmenhochschulen eingeschrieben sein als an normalen Universitäten.

Doch jedem Boom folgt die Kritik: Oft camoufliere der Name "University" nur drittklassige Weiterbildungsstätten, heißt es. Volkswagen will mit seiner Firmenuni dagegen angehen. Die AutoUni sei "more than a corporate university", wie sich der Konzern in einer Broschüre selbst feiert. "Wir wollen binnen zehn Jahren die Nummer eins werden für alles Wissen, das mit Mobilität zu tun hat", sagt der Gründungspräsident Walther Ch. Zimmerli, zuvor Chef der Privatuniversität Witten/Herdecke. Diese Personalie – der gut beleumundete Zimmerli verhandelt gerade über eine Verlängerung seines Vertrages, heißt es in Wolfsburg – ist durchaus für das Projekt entscheidend.

Im Wolfsburger Glaspalast soll der "Prototyp einer neuen Firmenhochschule" (Financial Times Deutschland) entstehen. 45 feste Mitarbeiter sowie bis zu 100 zusätzliche Praktiker und Wissenschaftler wird die AutoUni haben, andere Firmen stellen nur eine Hand voll Leute ab. Die AutoUni wird einen eigenen Campus haben – andere Unternehmen besitzen oft nur eine Alma Mater Virtualis. Die AutoUni wird akademische Grade verleihen: einen Master of Arts in Global Leadership oder einen Master of Science in Organizational Excellence – andere Unternehmensunis bescheinigen die Teilnahme oder kooperieren mit bekannten Wirtschaftsschulen. Die AutoUni soll staatlich anerkannt sein – andere Firmenhochschulen sind umbenannte Weiterbildungszweige, die mal eine Veranstaltung anbieten. Und wenn die AutoUni ihr Programm von 2005 bis 2009 an Mitarbeitern von VW und Zuliefer-Konzernen erprobt hat, will sie die Uni für ganz normale Studenten öffnen; andere Unternehmen lassen nur Topmanager zu ihren Programmen zu. Und wenn normale Corporate Universities ihr Curriculum ganz eng an den Unternehmensalltag anlehnen, stehen in Wolfsburg neben Wirtschaft und Technik auch Sozialwissenschaften auf dem Lehrplan. "Wir wollen Forschung, Lehre und Dienstleistung möglichst eng miteinander verzahnen", sagt Zimmerli. Da sollten Autobauer auch mal philosophisch werden, findet der Präsident; "Zeit" könne etwa ein Thema sein, das viel mit Mobilität zu tun habe. "Mit dem Altphilologie-Typ der deutschen Universität hat das nichts mehr zu tun!"

Mit Pleonasmen und Alliterationen befassen sich die anderen Unternehmensunis ebenso wenig. Der Medienkonzern Bertelsmann hat mit seiner Bertelsmann University eine "Plattform des Lernens" geschaffen, wie Personalvorstand Detlef Hunsdiek sagt, und verfolgt damit ein ganz anderes Konzept als VW: Die University ist eine virtuelle Alma Mater – Bertelsmann wählt für sie Topmanager aus, bislang mehr als 2.000. Auf Kursen, die auch mal die Harvard Business School mitentwickelt, lösen die Führungskräfte drei bis sieben Tage Fallstudien. Einen eigenen Campus gibt es nicht. "Das schafft höhere Flexibilität", sagt Hunsdiek, "und birgt nicht das Risiko, dass man zu einem Hotelbetrieb degeneriert."

Andere Lehrinhalte vermittelt die Münchner Hamburger University von McDonald’s mit Auditorium und Testküche auf 1.800 Quadratmetern. Im vergangenen Jahr hat die Imbisskette dort 2.900 Mitarbeiter mit solch schönen Titeln wie Restaurant Assistant Manager durch 95 Kurse geschleust, in Dependancen noch 10.500 weitere McDonald’s-Leute; auf dem Stundenplan stehen "Führungskräfteentwicklung" und "Kreatives Denken" für Frittenverkäufer.

Selbst wenn die Hamburger University noch keinen Buletten-Bachelor verteilt, rufen derlei Angebote Kritiker auf den Plan. "Bald schmückt sich jede Schwimm- oder Schreibmaschinenschule mit dem Titel University", klagt der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, "da findet überhaupt keine wissenschaftliche Verfestigung statt." Auch Detlef Müller-Böling, Chef der Bildungsdenkfabrik CHE, sagt: "Mit dem Begriff ›University‹ wird an vielen Stellen sehr locker umgegangen." Allerdings beschädige der inflationäre Gebrauch dieses Titels die etablierten Hochschulen nicht, entwarnt er.