israel Lächeln verbotenSeite 2/2

Einen Tag nach dem Fernsehinterview mit Professor Kascher war in der gleichen aktuellen Sendung eine Friedensaktivistin zu Gast. Sie war Zeugin, als ein Soldat einen Palästinenser schlug, danach auch auf ihn schoss und ihn verletzte, während jener sich zu retten versuchte. Dieser Soldat sitzt jetzt im Gefängnis. Man hat seinen Namen noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben, aber ich kann garantieren, dass es nicht Udi ist. Denn Udi ist kein Dummkopf. Wie andere Soldaten weiß er seinen privaten Kodex anzuwenden, ohne mit jenem der israelischen Armee aneinander zu geraten. Wenn du ein anständiger und sensibler Mensch bist, zwingt dir die israelische Armee schließlich nicht auf, Menschen ohne Notwendigkeit zu quälen. Aber wenn du ein Psycho bist und einigermaßen begreifst, wie das System arbeitet, kannst du dich nach Herzenslust austoben, ohne aus dem Rahmen von Verzögerung, Fluchen oder Bedrohen mit vorgehaltener Waffe zu fallen und ohne zu einem Programmpunkt im Fernsehen zu werden. Tatsache ist, als ich alles, was Udi an jenem Tag gemacht hatte, seinem Offizier erzählte, dem die Palästinenser den Namen »der gute Offizier« gegeben hatten, was vor allem seinem schmalen Brillenrahmen und seinem Fernsehpsychologentimbre zu verdanken ist, nickte er emphatisch mit dem Kopf und sagte, die Soldaten würden unter großem Druck stehen. »Aber von dem Moment an, als ich gekommen bin«, und der Offizier versuchte, das Glas als halb voll zu betrachten: »Hast du gesehen, wie alles läuft wie am Schnürchen? Fast die Hälfte von denen, die aufgehalten worden sind, haben die Sperre schon passiert. Oder nicht?«

Ich werde nicht mehr an den Chawara-Checkpoint kommen. Aber wenn es Professor Assa Kascher eines Tages reichen sollte, am Schreibtisch zu sitzen und immer wieder den ethischen Kodex der moralischsten Armee des Erdballs umzudrehen, empfehle ich ihm wärmstens, sich einen halben Tag Urlaub zu nehmen und einen Ort zu besuchen, an den Immanuel Kant nie seinen Fuß gesetzt hat.

Etgar Keret, 37, ist israelischer Schriftsteller

Aus dem Hebräischen von Barbara Linner

 
  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 19.08.2004 Nr.35
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Israel | Militär | Palästinenser | Tel Aviv
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service