Cornflakes löffeln. Ganz viel Popcorn auf einmal in den Mund stopfen. Im Sommer Versteck spielen im Feld, zwischen wiegenden, ehrfurchtgebietenden Pflanzen. Im Herbst Kolben klauen. Wie die vertrockneten Blätter piken und stechen, wenn man auf schmalen Ackerdschungelpfaden schleicht. Rascheln darf es nicht, sonst hört es der Bauer. Mais weckt Erinnerungen an Kindheitsglück. Und nur wenige ahnen, welche einzigartige Rolle jenes Getreide heute in der Landwirtschaft spielt, das mit knapp 636 Millionen Tonnen Ertrag im Jahr 2003 die beiden anderen großen Welternährungspflanzen Reis und Weizen weit überholt hat.

Seine dicht an dicht stehenden, langen, wie Hasenohren geknickten Blätter; seine von faserigen Hüllen geschützten Früchte, die bis zu tausend Körner tragen; sein oft mehr als mannshoher Stamm – Mais, ein Lieblingskind der Züchtung, liefert mehr Material als jede andere Pflanze. Aus der Sicht zahlreicher Industrien ist er daher das optimale Gewächs, aus dem sich Lebensmittel und Tierfutter gewinnen lassen, aber auch Fasern, Stärke, Sirup, Kunst-, Kleb- und Treibstoffe. Aus der Sicht vieler Agrarwissenschaftler und Ökologen hingegen steht der Mais für ökologischen Raubbau und Artensterben. Und aus Sicht vieler Bauern schlicht für ihren Überlebenskampf.

"Aus gelbem und weißem Mais machten sie sein Fleisch. Aus Maisbrei machten sie die Arme und Beine des Menschen. Einzig Maismasse trat in das Fleisch unserer Ahnen." Wie es in der heiligen Schrift der Maya steht, dem Popol Vuh, ist der Mensch das, was er isst. Drei Anläufe kostete es die Götter, ein Wesen zu erschaffen, das sie nähren und preisen sollte. Zuerst versuchten sie es mit Lehm, doch diese Kreatur löste sich bei Nässe auf. Der zweiten aus Holz und Binsen mangelte es an Weisheit. Vollkommen war erst der Mensch aus Maisteig, dessen Hautfarben so vielfältig wie die weißen, schwarzen, roten oder braunen Kolben waren.

Wie in der Vorbestimmung des Popol Vuh kann die Pflanze ohne den Bauern ebenso wenig überleben wie dieser ohne den Mais. Zu fest umhüllt ist der Kolben, als dass er sich von selbst öffnen könnte; zu viele Körner würden vergeblich um Licht und Raum konkurrieren, hätte Menschenhand sie nicht seit Jahrtausenden ausgesät.

Und ausgewählt. Wie eh und je bringen Bauern in Mexiko, dem Ursprungsland des Mais, jedes Frühjahr die widerstandsfähigsten Pflanzen der letzten Ernte wieder aus, jene mit den meisten Körnern oder einem besonderen Geschmack. Stets wachsen mehrere Landrassen auf ihren Feldern: Wenn die eine nicht gedeiht, bleibt doch eine andere zum Verzehr. Die Bauern tauschen ihr Saatgut untereinander und mischen seine Qualitäten auch so immer neu. 42 Maisarten werden heute gezählt, innerhalb deren es je Hunderte von Variationen gibt. So durchliefen Mensch und Mais in den mexikanischen Sierras eine fruchtbare Koevolution. Seit vermutlich 5.000 Jahren.

Lange bevor Menschen den Mais erstmals kultivierten, entwickelte sich seine füllige Gestalt mit den oft armdicken Kolben und der üppigen Grünmasse aus einem zierlichen, verzweigten Wildgras namens Teosinte. Noch viel früher, vor etwa 30 Millionen Jahren, hatte ein evolutionärer Zufall das Gewächs bereits zu seinem schnellen Wachstum befähigt: So genannte C4-Pflanzen wie der Mais sind Photosynthese-Spezialisten, die bei höheren Temperaturen selbst mit relativ wenig Wasser die eingestrahlte Sonnenenergie besonders effizient nutzen.