Gewerkschaften Trittbrettfahrer der ArbeiterbewegungSeite 2/2
Nicht Idealismus, sondern Zweckrationalismus treibt viele Frustrierte in die Arme der Arbeitnehmervertreter. Die Skepsis der Neumitglieder ist groß, ob diese der Front aus Arbeitgebern und Politik überhaupt etwas entgegensetzen können. Man identifiziert sich nicht wirklich mit den Gewerkschaften, will sich aber auch nicht im totalen Fatalismus ergehen. »Was könnt ihr eigentlich noch bewegen?«, fragt ein Neumitglied beim Info-Abend von ver.di-München. »Wir«, sagt Heinrich Birner, »können zusammen eine Menge erreichen.«
Bedenken sind angebracht. »Es fehlt an Gewerkschaftern aus Überzeugung«, sagt Wilhelm Scheib, DGB-Kreisvorsitzender. Sein Blick schweift über die spärlich gefüllten Sitzreihen im Saal des Grünen Hofs in Freising. Knapp zwei Dutzend haben sich eingefunden, um über das Thema »Arbeitszeit? – Mehr oder weniger« zu diskutieren. Zwei Musiker geben vor einer ver.di-Fahne bayerische Stubenmusik zum Besten.
Seit 40 Jahren ist Scheib in der Gewerkschaft. Über die vielen Neumitglieder wundert er sich nicht. »Die haben schlicht Angst.« Mit Idealismus habe das kaum noch etwas zu tun. Und wer zur Informationsveranstaltung komme, den sehe man dort oft zum letzten Mal. Der bleibe, im günstigsten Fall, zahlendes Mitglied. »Das kommt davon, wenn wir von Medien und Politikern als Bremser der Nation abgestempelt werden.«
Der Sozialstaat stehe in der öffentlichen Wahrnehmung kurz vor dem Untergang, und die Gewerkschaften könnten, so die Meinung vieler, nichts dagegen unternehmen. »Wenn man das den Leuten nur oft genug erzählt, glauben sie es irgendwann.« Wer sonst könne denn für die Arbeitnehmer sprechen, fragt Scheib leise und ergänzt: »Unabhängig davon, ob der eigene Job bedroht ist.« Der Mann sieht müde aus. Die Enttäuschung hat sich ihm tief ins Gesicht gegraben.
»Die Verlängerung der Arbeitszeit ist der falsche Weg. Wir müssen für eine Verkürzung kämpfen, denn nur die schafft Arbeit«, sagt Scheib. Dass die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren trotz sinkender Arbeitszeit kontinuierlich zunahm, will er als Argument nicht zulassen. Ohne die 40- und 35-Stunden-Woche wären, so Scheib, heute noch mehr Menschen ohne Job. Beweise für dieses »Was wäre, wenn…« hat er nicht, aber es kann ihm eben auch keiner das Gegenteil nachweisen.
Mit einem Mal wird Scheibs Gesichtsausdruck wieder kämpferisch. Fast so, als wolle er – ganz Don Quichotte der Arbeiterbewegung – mit Trillerpfeife und Fahne gegen die Kapitalismus-Windmühlen anreiten. »Der Mensch braucht Mut und Fantasie«, singen die zwei Musiker vor dem einsamen ver.di-Banner. »Der Mensch, er braucht die Utopie.«
- Datum 19.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.08.2004 Nr.35
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