Auch wenn vermutlich etwa 91,4 Prozent der Leser dieser Seite es gern sähen, wenn George Bush möglichst rasch die politische Bühne verließe, und nahezu alles begrüßen würden, was das beschleunigt, halten wir zunächst einmal fest: Wir befinden uns hier auf der Literaturseite dieser ZEIT ung und nicht in der Abteilung Politik. Sehr wohl handelt es sich um ein Buch mit politischen Absichten, aber es bleibt ein literarisches Buch. Der Rezensent ist gefragt, nicht der politische Kommentator; und schon gar nicht der Kadi.

Und nun zur Sache. In Nicholson Bakers neuem skandalumwitterten Buch geht es um Folgendes: Jay hat Ben zu sich gebeten in das Hotelzimmer in Washington DC, in das er sich einquartiert hat, er müsse ihn unbedingt sprechen. Ben ist auch gekommen, also sitzen sie da, machen ein paar von diesen Lange-nicht-gesehn-Sätzen, dann möchte Ben gern wissen, was denn los ist, und nach einigem Gestotter sagt Jay, einfach so: "Ich werde den Präsidenten ermorden." Und Ben fragt, wenig überraschend, nach: "Wie meinst du das, ermorden?" Und muss dann feststellen, dass Jay es vor allem ernst meint.

Auf der großen Demo in Washington hat Jay ein Schild mit der Aufschrift "Mörder" getragen, und jetzt will er selbst einer werden und den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika töten. Weil der es verdient hat und weil Jay findet, dass er selbst derjenige ist, der das jetzt tun muss. Das würden nun von den oben genannten Prozenten wahrscheinlich nur noch 0,4 Prozent unterstützen, oder? Aber es geht in Wahrheit natürlich gar nicht darum, zu einem tatsächlichen Mord aufzurufen: Auf der Skala zwischen Schlingensiefs "Tötet Kohl" und, sagen wir mal, dem 20. Juli stehen wir hier entschieden in der Nachbarschaft des Ersteren. Worum es vielmehr geht, ist, noch einmal mit (bescheidenen) literarischen Mitteln zu fokussieren, was Bush im Irak und in der Folge in den USA und in der Folge in und mit der ganzen Welt angestellt hat.

Was wir hier vor uns haben, ist die fingierte Abschrift der Tonbandaufzeichnung des Gesprächs der beiden Männer. Jay hat Ben gebeten, so ein Gerät mitzubringen, und das läuft jetzt. Wie bei Nixon, genau. Das Überraschendste daran ist aber, dass das alles von Nicholson Baker ausgedacht wurde.

Diesen Autor kann man ja nicht kennen, ohne ihn zu lieben. "Zeig mir was", ruft der immer währende Leser. Und kaum einer hat das lustvoller und begeisterter gemacht als Nicholson Baker, von der Rolltreppe bis zur Schachtel Streichhölzer. Und nun kommt ein dürrer Dialogmitschnitt, in dem Baker kaum einmal seine Beschreibungskunst erweisen kann. Es ist die Travestie eines sokratischen Dialogs, in dem der Leser darin bestärkt werden soll, dass Bush weg muss, und Ben Jay am Ende davon überzeugt, dass ein tatsächlicher Mord – den Jay, so wie wir ihn kennen lernen, auch nie hingekriegt hätte – keine gute Idee ist. Es bleibt bei einer leicht albernen Voodoo-Exekution, damit Jay sich wenigstens kurz als "Mörder" fühlen kann. Peng oder nicht peng – nein, das ist hier nicht wirklich die Frage. Vielmehr geht es, gewiss mit kleinen scharfen Akzenten, noch einmal darum, diesem Präsidenten das Handwerk zu legen.

Lernen wir etwas daraus? Kaum. Nicht neue Argumente, nicht Analyse, sondern die klassischen Gefühle des Ekels, der Wut, des Mitleids werden hier aufgeboten. Und da Jay vorsichtshalber ein wenig meschugge gezeigt wird – und das ist vielleicht der eigentliche Checkpoint in diesem schmalen Buch: Da Jay also vorsichtshalber ein wenig meschugge gezeigt wird, wir ihn daher ernst, aber am Ende auch nicht ganz ernst nehmen müssen, und da Ben der Vernünftige ist, der seinem Freund brav seine Wahnsinnsidee auszureden versucht, ist die interessantere Figur in diesem Buch wieder einmal – der Leser, die Leserin.

Sie nämlich werden sich fragen, was Sie klammheimlich gedacht haben bei der Idee, Bush zu ermorden. Hat sich sofort alles in Ihnen gesträubt? Oder fanden Sie’s irgendwie … Wenn hinten, weit, in der Türkei

Es ist kein bedeutendes Buch, das Baker hier geschrieben hat, er weiß es gewiss selbst, dafür fehlt ihm die Dimension der Erkenntnis, auch des Unheimlichen. Es wird neben Michael Moore, von dessen Populismus es weit entfernt ist, nicht viel zusätzlich bewirken. Aber es ist ein starkes Zeichen in der angeblich so maroden amerikanischen Gesellschaft, dass es dort Autoren gibt, die ihrer ernsthaften Sorge auf solche Weise Ausdruck geben. Insofern ist es doch ein Stück Politik.