RomanUngarische Rhapsodie

Ein bedeutender Nachtrag zur Weltliteratur: Dezsö Kosztolányis wunderbar wirbeliger Kaffeehaus-Roman von Dieter Hildebrandt

Die Bittstellerin überrascht den Helden, als er morgens, halb nackt, durch den Flur seiner weiträumigen Wohnung ins Bad will. Wenig später entbehrt er auch noch seine Willenskraft, als die arme Frau ihm ihr Elend klagt: das einer arbeitslosen Witwe mit vier Kindern, eins davon schwindsüchtig. Kornél Esti, der Heimgesuchte, sagt sich: "Ich bin kein guter Mensch", greift dann aber doch in das trübe Schicksal ein und verschafft der Mutter den ersehnten Zeitungskiosk, der kleinen Kranken einen Platz im Sanatorium, auch den übrigen ihr Auskommen. Aber dann geht alles schief und wieder hinein in die Not: Die Mutter hält’s im Kiosk nicht aus, die Kranke nicht vor Heimweh, das alte Leiden beginnt von neuem. Und nun wird der Wohltäter zum Widersacher, zum Wüterich. Als er der abgehärmten, stumpf gewordenen Witwe auf nächtlicher Straße begegnet, schlägt er zu: "Er lehnte sich an eine Wand. Hechelte noch immer vor Aufregung. Aber er war doch glücklich. Unsäglich glücklich, daß er sie so schön verprügelt hatte."

Eine Studie über die Hin- und Hergerissenheit unserer Seele

Was ist das? Eine Parabel auf Hartz IV, verfasst von der Werbeabteilung der Bundesanstalt für Arbeit? Eine Trainingseinheit zur Schulung von Neoliberalen? Eine Studie in sozialpsychologischer Abhärtung? Es ist eine von 18 Episoden aus dem Leben des fiktiven Dichters Kornél Esti, die der ungarische Schriftsteller Deszö Kosztolányi unter dem Titel Ein Held seiner Zeit erzählt hat, und es ist eben keine zynische Geschichte, sondern eine über unser aller Impuls-Paradoxien und Alltags-Ambivalenzen, über die Hin- und Hergerissenheit unseres Seelenlebens. Es ist eine ungarische Rhapsodie aus dem Jahr 1933, dem Jahr der europäischen Deadline, die zur Todeslinie werden sollte. Dieses wirbelige, wunderbare Buch enthält, vor der Katastrophe, letzte Nachrichten aus dem Kaffeehaus, der "Kirche der Journalisten".

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Dezsö Kosztolányi, 1885 geboren und 1936 gestorben, ist eine der großen repräsentativen Figuren der ungarischen Literatur gewesen; er wurde 1931 der erste Präsident des ungarischen PEN. Er ist gewissermaßen Vorläufer von Sándor Márai und Antal Szerb, die in letzter Zeit bei uns Furore gemacht haben, der Übervater auch noch eines Wortkünstlers wie Péter Esterházy, der ihn, in seinem enthusiastischen Nachwort, als den "elegantesten ungarischen Schriftsteller" rühmt. Dabei ist er für Deutschland keine Neu-, sondern eine Wiederentdeckung: Schon vor dem Ersten Weltkrieg war eine Novellensammlung Die magische Laterne auf Deutsch erschienen, und in den zwanziger Jahren kamen mehrere seiner Bücher hierzulande heraus, darunter auch der Roman Anna Edes, der jetzt wieder im Aufbau Taschenbuch Verlag vorliegt. Auch als Übersetzer aus dem Deutschen hat sich Kosztolányi hervorgetan: Neben Rilke und George hat er frühe Erzählungen Thomas Manns ins Ungarische übertragen.

Der gehörte übrigens zu den frühen Förderern des ungarischen Autors. In einem kurzen persönlichen Vorwort zu Kosztolányis Nero-Roman Der blutige Dichter rühmte er ihn 1924 nicht nur eher unverbindlich für sein "feines und starkes Talent", sondern, mit leichter Spitze, "für ein freies und wildbürtiges, irgendwie ungeahntes Buch", sprach von "einer Menschlichkeit, die wehe tut, so wahr ist sie", und fand in dem Roman jene Vorzüge, die man auch dem "Helden" zusprechen kann: "alle Tiefe und Melancholie, alles Grauen und alle Komik des Lebens".

Das Buch nimmt im Schaffen Kosztolányis gewissermaßen den Rang ein wie Thomas Manns Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, heißt es doch schon im Untertitel Die Bekenntnisse des Kornél Esti. Es ist zugleich Divertissement und Experiment, Maskerade und Konfession, Jugenderinnerung und Altersresümee. Hier spielt einer diese sehr ernsten Spiele: mit der Sprache, mit den eigenen Einsichten, mit den Literatenalbernheiten, den Eisenbahnabenteuern, den Erlebnissen im Ausland. Hier setzt ein Repräsentant durchtrieben seine Repräsentanz aufs Spiel und schafft sich hochstaplerisch ein chaotisches Alter Ego. Denn dieser Kornél Esti, dieser Held seiner Zeit, ist gleichzeitig Gegenspieler und Wunschbild des Autors, und beide zusammen verkörpern den alten Konflikt zwischen Kunst und Leben, nur dass sie sich hier wie zwei Komplizen verständigen: Ich erlebe, du überlieferst, ich erzähle, du schreibst. So macht der Autor sich selbst was vor.

Zum Beispiel: Da bricht einer, Dezsö oder Kornél, auf zur ersten Reise in die Welt, nach Italien. Eine gespenstische Nachtfahrt im Zug, die mit ihrem dichten, düsteren, unheimlichen Text auch dem Leser unter die Haut geht. Eine junge Mutter mit ihrer Tochter sitzt im Abteil, doch die etwa Dreizehnjährige entpuppt sich von Stunde zu Stunde mehr als geistig Verwirrte, die dem jungen Mann nachzustellen beginnt, mit Blicken erst, dann mit Gebärden, und endlich, da er den Schlaf nicht mehr abwehren kann, mit einem überfallartigen schneckenweichen Kuss. Das ist von einer grausig-sinnlichen Subtilität, von einer atmosphärischen Beschwörungskraft, die ihresgleichen suchen. Die Eisenbahnfahrt des Jahres 1903 führt übrigens nach Fiume und legt eine weitere literarische Spur: In Fiume ist zwei Jahre zuvor Ödön von Horváth geboren, auch er ja Ungar; der Roman, den er, fünf Jahre nach dem Buch Kosztelányis, schreiben wird, trägt den Titel Ein Kind dieser Zeit.

Ein Lob für die deutschen Zimmerwirtinnen und Wegweiser

Aber das Hauptstück für deutsche Leser: das zwölfte Kapitel, 40 Seiten Satire, die den besten Texten von Heinrich Mann und Tucholsky, Mehring und Kästner ebenbürtig sind. Deutschland, der Schilder-Staat: "Ich brauchte niemanden zu fragen, wo das Meer sei. Auf den saubergewischten Sträßchen stand alle zehn Meter eine hübsche Säule, darunter der Text: Zum Meer. Besser hätte man den Fremden nicht leiten können. Ich kam zum Meer. (…) Am Ufer, einen Meter vom Wasser entfernt, stand eine höhere, aber sonst den anderen völlig gleiche Säule und daran ein größeres, aber sonst den anderen völlig gleiches Emailschild mit folgendem Text: Das Meer."

Lob für die Deutschen: "Ein unergründlich rätselhaftes Volk. Ein treues, kluges, aufmerksames Volk." Lob für die Darmstädter Zimmerwirtin, die den jungen Studenten bei einer Krankheit hegt und pflegt und ihn zu dem Fazit bewegt: "Ich sagte immer wieder, ich möchte nur unter Deutschen krank werden und sterben. Leben hingegen möchte ich wenn möglich anderswo: hier bei uns und in meiner Freizeit in Frankreich." Und dann beschreibt Kosztolányi seitenlang den Schlaf; den Schlaf irgendeines berühmten Vereinspräsidenten, der bei den von ihm zu leitenden Veranstaltungen während der Vorträge und Reden immer einnickt; ein satirisches Meisterwerk, das Swifts Über das Schlafen in der Kirche nicht nachsteht. Nur dass es, über des Autors Intention hinaus, beim heutigen Leser wie ein Kassandraruf wirkt: So schlief, bei Erscheinen des Buches, 1933, ein anderer Präsident, Paul von Hindenburg, als dieses Deutschland vor die Hunde, die Nazis, ging.

DezsöKosztolányi:  Ein Held seiner Zeit Die Bekenntnisse des Kornél Esti; aus dem Ungarischen von Christina Viragh, mit einem Nachwort von Péter Esterházy; Rowohlt Berlin, Berlin 2004; 297 S., 19,90 ¤Ein Held seiner ZeitRomanBelletristikungarischDie Bekenntnisse des Kornél Esti; aus dem Ungarischen von Christina Viragh, mit einem Nachwort von Péter EsterházyDezsöKosztolányiBuchRowohlt Berlin2004Berlin19,90297Christina Viragh
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