Nachruf Die Sprache, mein Vaterland
Zum Tode des polnischen Dichters und Literatur-Nobelpreisträgers Czes¬aw Mi¬osz
Nun hat er, der fast lebenslange Emigrant, doch in seiner »süßen europäischen Heimat«, ja auf der geliebten polnischen Erde, in der ihm heiligen Stadt Krakau sterben dürfen, 93 Jahre alt, der Dichter, Erzähler, Übersetzer, Literaturpofessor und Nobelpreisträger von 1980, Czes¬aw Mi¬osz.
Mit dem Leben in der Fremde hatte sich der seit 1945 im Ausland arbeitende, seit 1960 an der Universität von Berkeley, Kalifornien, slawische Sprachen und Literatur lehrende Pole nicht nur abgefunden, sondern es auch als Künstlerlos angenommen: »Es ist unmöglich, heute von einem Dichter zu reden, ohne die Verbannung zu erwähnen. Für den Dichter von heute ist die Verbannung Schicksal, unabhängig davon, ob er in seinem Heimatland oder im Ausland lebt … Wenn wir das Exil als Schicksal akzeptieren, so wie wir es mit einer unheilbaren Krankheit tun, wird es uns helfen, unsere Selbsttäuschung zu durchschauen.«
So hat er sich, der mit 19 Jahren seine ersten Gedichte veröffentlicht sah, eine andere, beständigere Heimat gesucht. »Meine treue Sprache / … / Du warst mir das Vaterland, weil es mir fehlte.«
Und was war das (geografische) Vaterland dieses Dichters? Da wird es schwierig. Litauen gehörte 1911 zum zaristischen Russland, gesprochen aber wurde zumeist polnisch. Und so hieß die große Stadt, in der Mi¬osz zur Schule ging, bei Polen und russischen Verwaltern Wilno, bei den vielen Deutschen, die damals dort lebten, aber auch bei den Weißrussen Wilna und für die Litauer, wie heute wieder, Vilnius.
An der russisch-polnischen Grenze, im Dörfchen Setainiai (Szetejnie) wurde Czes¬aw am 30. Juni 1911 als Sohn eines Brückenbauingenieurs geboren und, wie sich der Dichter erinnert, »in einer kleinen Holzkirche im Herzen von Litauen getauft, die von alten Eichen umgeben war. Sie mögen noch durchdrungen gewesen sein von heidnischem Geist, denn Litauen war das letzte Land Europas, das christianisiert wurde. Jedenfalls habe ich bis heute ein inniges Verhältnis zur Mythologie der Bäume.«
Über seine sprachliche Herkunft sagt der Dichter, der in vielen Sprachen parlieren konnte und als Literaturlehrer in den USA viele Jahre unterrichtet hat: »Es gab in Litauen zwei Sprachen, wie in Irland, wo das Gälische neben dem Englischen bestand. Während jedoch das Gälische mehr und mehr in Vergessenheit geriet, erlebte das Litauische Ende des 19. Jahrhunderts eine Wiedergeburt und wurde zur offiziellen Sprache des unabhängigen Litauen. Meine Eltern und Vorfahren stammen aus Litauen, trotzdem sprachen sie seit dem frühen 16. Jahrhundert Polnisch… Ich bin mir darüber im Klaren, daß sich meine Dichtung aus der traditionellen polnischen Dichtung herleitet, die ursprünglich zweisprachig war. Zumal die Lyriker schrieben in Polnisch und in Latein, wobei das metrische System des Polnischen auf den religiösen Liedern des mittelalterlichen Lateins beruht. Die Wechselbeziehungen mit Italien sind demnach auch auf der sprachlichen Ebene unverkennbar.«
Wie wird ein so in der Tradition verwurzelter junger Mann schreiben, wenn er sich 1931, als Jurastudent, einer avantgardistischen Gruppe von Poeten anschließt, die sich, getreu ihrer apokalyptischen Sicht auf Welt und Zeit, »Katastrophisten« nennen? Er misstraut dem rauschhaften Ästhetizismus, dem sich die Formalisten jener Jahre in den literarischen Hochburgen Warschau und Krakau hingeben ebenso wie den politischen Heilsversprechen sozialistischer Propheten.
In Wilna war man nah genug am Elend, am spannungsreichen Miteinander einer Gemeinschaft vieler Völker, Sprachen, Kulturen. Mi¬osz hört, er sieht die Schrecken der kommenden Not: »Die Riesenwelt hämmert ringsum, Maschinenräder wälzen sich wie im Fieber, es gibt Demonstrationen, Arbeitslosigkeit, Hunger, blutbespritztes Asphaltpflaster in Berlin, es gibt die Sturmeinheiten des großen Kapitals.«
Solche Skepsis, solche Klarsicht wird diesen philosophischen Dichter fortan begleiten. Natürlich dient er, der die Jahre des Kriegs und der Besatzung im Untergrund überlebt, der jungen Volksrepublik Polen, als Kultur-Attaché in Washington und Paris, doch rettet er sich vor stalinistischer Verfolgung 1951 nach Frankreich. Dort erscheint 1953 das Buch, das ihn weit über Dichterkreise hinaus in aller Welt bekannt gemacht hat: Verführtes Denken, eine große Abrechnung mit dem stalinistischen Regime in Polen und leichtgläubigen Intellektuellen, die dem Wahn-und Terror-System Blumen streuen.
Das Buch war in Polen verboten, wie alle Gedichte, Essays oder der schöne Roman über die Jugend in der Einsamkeit litauischer Eichenhaine, Das Tal der Issa (1957, neu aufgelegt 1999 in der Anderen Bibliothek, Eichborn Verlag Frankfurt/M). Deutsche Leser waren besser dran. Jahrzehntelang hat der Übersetzer Karl Dedecius, dem wir, wie keinem anderen, die Kenntnis der Literatur unseres Nachbarlandes im Osten verdanken, dafür gesorgt, dass wir fast alles kennen, was Mi¬osz, über Jahrzehnte, nur in kleinen Exil-Zeitschriften publizieren konnte.
Die Gedichte seien oft spröde, begrifflich verklausuliert? Davor bewahrt sie schon die Sinnlichkeit und Anschaulichkeit dieses seiner Märchenheimat von Wäldern und Hexen nie entkommenen Mythenzauberers.
Sein Traum vom Alter, das ihm schließlich doch noch das Wiedersehen mit der alten Heimat beschert hat? »Das wollte ich und nichts sonst. Im Alter / Wie Goethe, der greise, vors Antlitz der Erde treten, / Sie wiedererkennen und sie versöhnen / Dem Werk …«
Und doch: kein Ausweichen ins Idyll. Dieser große Dichter weiß: »Poesie ist grausam, unmenschlich. Um zu überdauern, muß sie sich von den Menschen und ihrem Schicksal distanzieren.«
- Datum 19.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 19.08.2004 Nr.35
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