Nachruf Die Sprache, mein VaterlandSeite 2/2

In Wilna war man nah genug am Elend, am spannungsreichen Miteinander einer Gemeinschaft vieler Völker, Sprachen, Kulturen. Mi¬osz hört, er sieht die Schrecken der kommenden Not: »Die Riesenwelt hämmert ringsum, Maschinenräder wälzen sich wie im Fieber, es gibt Demonstrationen, Arbeitslosigkeit, Hunger, blutbespritztes Asphaltpflaster in Berlin, es gibt die Sturmeinheiten des großen Kapitals.«

Solche Skepsis, solche Klarsicht wird diesen philosophischen Dichter fortan begleiten. Natürlich dient er, der die Jahre des Kriegs und der Besatzung im Untergrund überlebt, der jungen Volksrepublik Polen, als Kultur-Attaché in Washington und Paris, doch rettet er sich vor stalinistischer Verfolgung 1951 nach Frankreich. Dort erscheint 1953 das Buch, das ihn weit über Dichterkreise hinaus in aller Welt bekannt gemacht hat: Verführtes Denken, eine große Abrechnung mit dem stalinistischen Regime in Polen und leichtgläubigen Intellektuellen, die dem Wahn-und Terror-System Blumen streuen.

Das Buch war in Polen verboten, wie alle Gedichte, Essays oder der schöne Roman über die Jugend in der Einsamkeit litauischer Eichenhaine, Das Tal der Issa (1957, neu aufgelegt 1999 in der Anderen Bibliothek, Eichborn Verlag Frankfurt/M). Deutsche Leser waren besser dran. Jahrzehntelang hat der Übersetzer Karl Dedecius, dem wir, wie keinem anderen, die Kenntnis der Literatur unseres Nachbarlandes im Osten verdanken, dafür gesorgt, dass wir fast alles kennen, was Mi¬osz, über Jahrzehnte, nur in kleinen Exil-Zeitschriften publizieren konnte.

Die Gedichte seien oft spröde, begrifflich verklausuliert? Davor bewahrt sie schon die Sinnlichkeit und Anschaulichkeit dieses seiner Märchenheimat von Wäldern und Hexen nie entkommenen Mythenzauberers.

Sein Traum vom Alter, das ihm schließlich doch noch das Wiedersehen mit der alten Heimat beschert hat? »Das wollte ich und nichts sonst. Im Alter / Wie Goethe, der greise, vors Antlitz der Erde treten, / Sie wiedererkennen und sie versöhnen / Dem Werk …«

Und doch: kein Ausweichen ins Idyll. Dieser große Dichter weiß: »Poesie ist grausam, unmenschlich. Um zu überdauern, muß sie sich von den Menschen und ihrem Schicksal distanzieren.«

 
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