DIE ZEIT: Professor Morris, darf man Sie als Darwinist bezeichnen?

Simon Conway Morris: Gerne. Der Darwinismus hat zwar kein gutes Image, aber was die evolutionären Mechanismen betrifft, verstehe ich mich eindeutig in dieser Tradition. Selektion der am besten angepassten Organismen und Adaption an veränderte Umweltbedingungen – andere Mechanismen kann ich mir nicht vorstellen. Allerdings kann der Darwinismus die Resultate der Evolution nicht ausreichend erklären.

ZEIT: Das müssen Sie näher erläutern.

Morris: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Theater und beobachten das Beleuchtungssystem: Sie können die Reihenfolge, mit der die Scheinwerfer ein- und ausgeschaltet werden, genau analysieren. Aber das bringt Sie einem Verständnis des Dramas, das auf der Bühne gespielt wird, nicht näher. So ähnlich geht es uns in der Evolutionsbiologie.

ZEIT: Sie haben immer wieder sehr gewagte Thesen aufgestellt. Und wenn man Stephen Jay Gould glaubt, müssen Sie ein richtiger Rebell gewesen sein in jungen Jahren. Statt Hemd und Hose trugen Sie eine seltsame Kutte, waren politisch in subversiven, linken Kreisen aktiv, und…

Morris: Aber nein. Der gute alte Gould war Marxist. Daher war er wohl immer an klassenkampfartigen Konstellationen interessiert: an jungen Rebellen etwa, die gegen verknöcherte Autoritäten ankämpfen. Was mich betrifft, ist das totaler Quatsch! Okay, ich zog mich wohl etwas seltsam an, war aber nie politisch engagiert. Doch zurück zur Wissenschaft: Es ist mit Sicherheit falsch, zu behaupten, dass sich in der Frühzeit der Erde ständig Revolutionen abspielten. Und ebenso, dass Wissenschaft der Kampf junger Wilder gegen das Establishment ist. Gould, der leider kürzlich gestorben ist, hat zweifellos große Verdienste. Aber oft sah er nur das, was er sehen wollte.

ZEIT: Die Fossilien des Burgess-Schiefer in den kanadischen Rocky Mountains, über die Sie viele Jahre gearbeitet haben, boten erste Einblicke in eine unbekannte Welt. Stimmt es, dass die Kollegen schallend lachten, als Ihr Doktorvater Harry Whittington ihnen den Organismus Opabinia vorstellte?