Ein Buch zur richtigen Zeit. Die Flicks, so der kurze und bündige Titel des Autors Thomas Ramge, beschäftigt sich mit den Stationen einer deutschen Familiengeschichte, die vom Ränkespiel um Geld, Macht und Politik bestimmt war und ist. Das neueste Kapitel in dieser Familiengeschichte ist von Friedrich Christian ("Mick") Flick aufgeschlagen worden, der am 22. September zusammen mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz seine viel gerühmte Sammlung moderner Kunst in den Rieck-Hallen am Hamburger Bahnhof in Berlin präsentieren wird. Je näher der Termin rückt, desto schriller werden die Töne in den Feuilletons der Zeitungen. Darf, so fragt man, ein Flick-Erbe sich so in der Öffentlichkeit positionieren? Handelt es sich bei diesem Vorhaben nicht um eine raffiniert eingefädelte "Blutgeld-Wäsche"? – so der Vorwurf von Salomon Korn.

Der bisherige Höhepunkt in der Auseinandersetzung ist die überraschende Einlassung von Flicks Schwester Dagmar Ottmann, die sich vom Vorhaben ihres Bruders öffentlich distanziert und sich für ein Moratorium ausspricht (ZEIT Nr . 33/04 Die Ausstellung verschieben! Ein offener Brief ). Erst, so ihre Forderung, die Aufarbeitung der Flick-Familiengeschichte durch die Historiker, dann die Ausstellung – wenn überhaupt. Mit der Aufarbeitung der Familiengeschichte, so erfährt man, hat die Flick-Erbin den Historiker Norbert Frei in Bochum betraut.

Was das allerdings bringen soll, ist nicht so ganz klar. Dass Friedrich Flick (1873 bis 1972), der Großvater, Adolf Hitler als Rüstungslieferant zu Diensten war und dass in dessen Konzern, wie Ramge anmerkt, geschätzte 40.000 bis 60.000 Sklavenarbeiter und Kriegsgefangene unter schlimmsten Bedingungen ausgebeutet wurden, ist so ganz neu nicht, ebenso wenig der Sachverhalt, dass Flick Mitglied der NSDAP war und zum Freundeskreis Heinrich Himmlers gehörte. Dafür wurde er in einem der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse zu sieben Jahren Haft verurteilt, die er im Gefängnis in Landsberg am Lech absitzen musste, allerdings nicht zur Gänze.

Der mächtigste Magnat im Wirtschaftswunderland

In seiner gut recherchierten Darstellung beschreibt Thomas Ramge (siehe auch ZEIT Nr. 34/04 Totaler Krieg, totaler Profit ) Friedrich Flick als einen kühl kalkulierenden Strategen, der es verstand, schnelle Entscheidungen zu treffen, wenn sie zu seinem oder zum Vorteil seines Konzerns waren. Ramge bemerkt aber auch, dass Flick, so klug er sich in manchen Situationen zu verhalten wusste, jedwedes Gefühl für historische Dimensionen fehlte und moralische Überlegungen seinem Denken fremd waren.

Besonders deutlich wurde das, als an Friedrich Flick Anfang der sechziger Jahre die Forderung der Jewish Claims Conference herangetragen wurde, 6,5 Millionen Mark Entschädigung an die 1300 jüdischen KZ-Häftlinge zu zahlen, die bei der Dynamit Nobel AG (an der Anfang der sechziger Jahre Flick 82 Prozent der Firmenanteile hielt) geschuftet hatten. Damals ließ er zur allgemeinen Empörung erklären: "Herr Dr. Flick vermag nicht zu erkennen, dass im vorliegenden Zusammenhang humanitäre oder moralische Gründe die Dynamit Nobel AG oder das Haus Flick veranlassen könnten, an die Claims Conference irgendwelche Zahlungen zu leisten…"

Friedrich Flick, der in Konrad Adenauers Bundesrepublik sehr schnell wieder Fuß fasste und zu einem der mächtigsten Magnaten im Wirtschaftswunderland aufstieg, hätte die geforderte Summe, wie Thomas Ramge schreibt, leicht aus der "Portokasse" bezahlen können. Er tat das jedoch nicht, ob aus Prinzip oder aus Trotz, wir wissen es nicht.