Geschichte Europas

Der wiederauferstandene Kontinent

Harold James hat einen großen Essay zur Geschichte Europas im 20. Jahrhundert geschrieben

Obwohl der politische Einigungsprozess in Europa heute mit Macht voranschreitet, haben deutsche Historiker bislang nur wenige Darstellungen zur Geschichte des Kontinents im 20. Jahrhundert vorgelegt. Zumal die zweite Hälfte dieser Epoche ist bislang in übergreifenden Darstellungen geradezu stiefmütterlich behandelt worden. Das muss verwundern, denn weder das »Wirtschaftswunder« der 1950er Jahre noch der Ausbau des Sozialstaats blieben auf Deutschland beschränkt. Gleiches gilt für die 68er-Bewegung oder den Feminismus. In einer Zeit, in der sich die Europäische Union auf 25 Nationen mit rund 455 Millionen Einwohnern erweitert hat, erwarten jedoch immer mehr Menschen Antworten auf Fragen nach den Grenzen Europas und den tiefer reichenden historischen Gemeinsamkeiten der Nationalstaaten.

Vielleicht bedarf es etwas britischen »Freibeutersinns«, das Wagnis einer Gesamtdarstellung für einen solch großen geografischen Raum mit seinen zahlreichen Sonderwegen und verwinkelten historischen Traditionen einzugehen. Der in Princeton lehrende Historiker Harold James, ausgewiesen vor allem durch seine Arbeiten zur deutschen und internationalen Wirtschaftsgeschichte, ist beseelt von einem solchen Geist. Mit nüchterner Distanz und darstellerischer Eleganz leitet er seine Leser durch einen Text, der in der Summe weit mehr ist als eine Addition europäischer Nationalgeschichten.

Um den immensen Stoff in den Griff zu bekommen, lenkt James seine Aufmerksamkeit jeweils auf ausgewählte Staaten oder Staatengruppen. So stehen in den 1920er Jahren die »unsicheren Demokratien« im Mittelpunkt, während ihm Spanien im darauf folgenden Jahrzehnt als Modellfall eines »europäischen Krisenherds« gilt. Repräsentativ für das Ende des 20. Jahrhunderts in Europa rückt zuletzt Bosnien in das Zentrum der Darstellung. Auschwitz wiederum repräsentiert – sicher zu Recht – als materieller und symbolischer Ort die Geschichte des Kontinents zwischen 1940 und 1945.

Die Darstellungsweise des Autors ist durch eine nüchterne Einschätzung seiner Aufgabe geprägt. Dies kommt unter anderem in der pragmatischen Entscheidung zum Ausdruck, die Geschichte Europas unter Einschluss der Türkei und Russlands bis zum Ural zu zeichnen, allerdings ohne hierfür eine überzeugende Begründung zu liefern. Nüchtern, wenn nicht geradezu ernüchternd fällt jedoch vor allem die Hauptbotschaft des Buches aus. Anders als Jeremy Rifkin, Präsident der Foundation on Economic Trends, der optimistisch von einem neuen »europäischen Traum« der Freiheit und Sicherheit, aber auch des materiellen Wohlstandes spricht (siehe Seite 41), äußert sich James weit zurückhaltender.

Zwar stuft auch er das Aufkommen einer internationalen Gesellschaft, in der zunehmend das Völkerrecht die Beziehungen der Staaten bestimmt, als einen Grundzug der Geschichte Europas seit 1945 ein. Voller Skepsis jedoch verweist er in seinem abschließenden Ausblick auf die wachsende Ungleichheit der Einkommensverteilung. Ähnlich schlecht stünden die Zeichen in anderen Bereichen. Die Politik in Europa gerate zunehmend in die Falle der Korruption, außenpolitisch zeigten sich die Europäer immer weniger handlungsfähig, und nur langsam dämmere ihnen die Bedeutung hergebrachter struktureller Belastungsfaktoren.

Für diese Argumentation spricht einiges, wie James sehr wohl zu zeigen weiß. Dennoch dürfte er mit seiner These, dass die Politik in Europa mittlerweile fast vollständig die Gewalt über die Steuerung ökonomischer, gesellschaftlicher und kultureller Prozesse verloren habe, manchen Widerspruch ernten. Unterm Strich wirkt sein Bild einer Rückkehr – genauer eines Rückfalls – Europas in ein Stadium, das der Zeit vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges vergleichbar sei, überzogen.

Überhaupt zeichnet sich die Darstellung insgesamt weniger durch prägnante Thesenführung aus als durch eine dichte Informationsflut. Unter Rückgriff auf ein chronologisches Grundgerüst vermag James dennoch tiefreichende Einsichten in die wechselhafte Geschichte des Kontinents zu vermitteln, vor allem da, wo der Autor seine wirtschaftshistorische Kompetenz einzusetzen weiß. Brillant ist etwa die knappe Zusammenfassung der Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise, und mehr als nützlich ist es, dass er die Ausbeutung der europäischen Länder durch die nationalsozialistische Besatzungsherrschaft im Einzelnen berechnet. Für die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg sticht wiederum die umsichtige Behandlung der Neubegründung des Weltwirtschaftssystems sowie der Licht- und Schattenseiten keynsianischer staatlicher Haushaltspolitik hervor.

Was sich in diesen Beispielen als Vorzug erweist, gerät James in anderen Passagen zum Nachteil. Denn er versucht gewissermaßen sogar den Ersten Weltkrieg zu »berechnen«. Das heißt, wir erfahren mehr über den mengenmäßigen Einsatz von Minen und Sprengstoff als über die tieferen Ursachen dieser »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts. Und wer etwas über die wichtigsten Schlachten der beiden Weltkriege erfahren will, wird ebenfalls kaum zufrieden gestellt. Doch nicht nur die Kriege selbst, auch die Nachkriegszeiten hätten mehr Aufmerksamkeit verdient.

Deutlich wird dies beispielsweise in der Behandlung der Pariser Vertragswerke von 1919/20, bei der sich James geradezu aus einer Analyse der für das ganze Jahrhundert wegweisenden Entscheidungen herausstiehlt. Ähnlich unzulänglich wirken die knappen Passagen zum »Rassenkrieg«, wird doch in ihnen das problematische Verhältnis von Tätern, Opfern und Zuschauern nur unzureichend beleuchtet. Es liegt auf der Hand, dass eine Synthese der vorliegenden Art nicht allen Aspekten gleichermaßen gerecht werden kann. Der Holocaust aber ragt wie ein Keil in die Geschichte des 20. Jahrhunderts hinein und hätte zweifellos eine tiefgründigere Analyse erfordert, als der Autor sie liefert.

Gleichwohl: Harold James hat vor allem für den Zeitraum nach 1945 ein vielfach unbearbeitetes Terrain kartografiert und einer Synthese zugeführt. Dies ist als sein größtes Verdienst anzusehen. Gleichermaßen sollten seine ebenso knappen wie gedankenreichen Skizzen zum »stahlharten Gehäuse« von Modernisierung und Rationalisierung zur Pflichtlektüre all derjenigen gehören, die über den Tellerrand einer nationalfixierten Historiografie hinausblicken wollen. Aus seiner Darstellung ergibt sich eine bleibende Aufgabe für die heutige Geschichtsschreibung Europas: Es gilt, eine ausgewogene und überzeugende Linie im Spannungsfeld zwischen nationalen und übernationalen Entwicklungen auszuloten. Harold James hat hierfür eine ebenso lesenswerte wie kompakte Grundlage geliefert.

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  • Von Christoph Cornelissen
  • Datum
  • Serie politisches buch
  • Quelle (c) DIE ZEIT 19.08.2004 Nr.35
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