Es war ein Overkill. Die Medienkampagne, zu der sich Springer und Spiegel in einer wunderlichen Allianz zusammengefunden haben, mit der Frankfurter Allgemeinen vorweg und der Süddeutschen halbherzig hinterdrein, dürfte die Ministerpräsidenten, denen sie Druck machen soll, mehr bedrücken als beeindrucken. Was, wenn es das nächste Mal nicht gegen ein so geduldiges Objekt wie die Schreibregelung geht, die die große Mehrheit des Volkes nicht die Bohne interessiert, sondern all diese konzertierte Desinformation und Stimmungsmache den Euro oder Hartz X zu Fall bringen soll?

Darum dürfte nicht die Rechtschreibreform gescheitert sein, wie ihre erbitterten Feinde seit Jahren behaupten, sondern die Konterreform. Nur ein einstimmiger Beschluss aller 16 Ministerpräsidenten könnte sie rückgängig machen. Diese Einstimmigkeit aber wird es nicht geben, weil dem einen oder anderen rechtzeitig klar sein dürfte, dass mit dem bloßen Beschluss noch wenig getan wäre und eine demokratisch zustande gekommene Reform sich nicht durch landesherrliche Dekrete wegpusten lässt, selbst durch eine Volksabstimmung nicht. Beides könnte nur Anstoß zu einem geordneten Rückbau sein. Der aber wäre ein langwieriger Prozess, und an jedem Knotenpunkt würde man sich fragen, wie viel Sinn ein vollständiger Abriss denn eigentlich noch hätte.

Desinformation und Stimmungsmache . Unter gnadenloser Aussparung jeder gegenteiligen Meinung operiert die Medienkampagne unisono mit drei Argumenten. Eins: Die Reform wurde dem Volk von Bürokraten oktroyiert. Zwei: 2005 soll sie für jedermann Pflicht werden. Drei: Es herrschen Verwirrung und Chaos. Als furchterregende Exempel für das, was dem Volk droht, dienen jedes Mal ein paar zufällige Wörter, deren Schreibung nicht gefällt; oft sind diese warnenden Beispiele falsch.

In ein paar Zeilen konzentriert, war diese Argumentation in dem Artikel zu besichtigen, mit dem die einflussreichste Gralshüterin der deutschen Sprache den Auftakt zu der Kampagne gab, Bild: "Schlechtschreibreform ›Das habt ihr dem Volk aufgezwungen‹ – ›Fassette‹ statt ›Facette‹! ›Delfin‹ statt ›Delphin‹? Ab nächstem Jahr soll die neue deutsche Rechtschreibung Pflicht werden … De facto schreibt nun jeder, wie er will." Indessen, Delphin und Facette durfte und darf weiterhin jeder schreiben; die eingedeutschten Schreibungen sind lediglich fakultative Varianten.

Bürokratenwillkür . Die seit fünfzig Jahren auf der Agenda stehende Reform ist in endlosen internationalen Gremiensitzungen – viel zu vielen – und Anhörungen jahrelang beraten und dabei modifiziert worden, jahrelang konnte sie öffentlich diskutiert werden, und am Ende haben Bund und Länder sowie alle neun betroffenen Staaten ihr einhellig zugestimmt. Obendrein hat dann noch das Bundesverfassungsgericht bestätigt, dass die Art der Einführung (durch Verordnungen der Landesschulbehörden statt durch Gesetze) rechtens war. Dass die Fundamentalopposition, erst ein Jahr nachdem die Entscheidungen gefallen waren, aufgewacht ist, macht den ganzen Prozess nicht undemokratisch.

"Die Politik", "die Bürokratie" hätte "die Sprache" vergewaltigt, die "dem Volk" gehört? Um "die Sprache" geht es sowieso nicht. Wer die Rechtschreibung mit der Sprache verwechselt, hat einen allzu armseligen Begriff von dieser. Dass die Reform "die Sprache konsequent ihrer Ausdrucksmöglichkeiten beraube", ist eine Wahnidee, von deren Haltlosigkeit sich jeder Leser in drei Minuten überzeugen könnte. Es ging nicht um die Sprache, sondern um eine minimale, die Lesbarkeit nicht beeinträchtigende Veränderung der Schreibweise für einige tausend Wörter unter Hunderttausenden. Die Änderungsquote lag zwischen zwei und drei Prozent (die unzähligen zusätzlichen Trennfugen, die die unbedachte Neuregelung der Worttrennung mit sich brachte – I|gel, In|s|t|ru|ment –, nicht mitgezählt).