Saarbrücken Wurst, Oskar und Beton
Im hintersten Winkel Deutschlands liegt eine Landeshauptstadt, die gerne das Zentrum Westeuropas wäre. Am 5. September wählt Saarbrücken seinen Oberbürgermeister
Saarbrücken grenzt an Frankreich und ist auch sonst interessant. Manches politische Talent stieg aus dieser Stadt empor, das unversehens auch wieder dort landete. Außerdem soll man in Saarbrücken gut essen, heißt es.
Die Regionalbahn, die, aus romantischen Tälern der Nahe kommend, ins Saarland vorstößt, bietet viel für Aug’ und Ohr. Der Reisende sieht Wald, ein paar Montanbetriebe und deren Nachfolger sowie zahllose kleine Häuser. »Die Eigenheimdichte ist im Saarland größer als in Baden-Württemberg«, sagt Peter Dörrenbächer später, ein Geograf an Saarbrückens Universität. »Die Berg- und Stahlarbeiter hier wohnten nicht zur Miete wie im Ruhrgebiet, sondern im Eigenheim. Baumaterial gab’s vom Arbeitgeber. Die Arbeiter kamen aus dem Umland und sind eigentlich immer Arbeiterbauern geblieben. Konservativ eben.«
Zwei Frauen steigen ins Abteil. »Du, wir sind in der Raucher«, sagt die eine. Wer sich für diese Sprache interessiert, wird bei Ludwig Harig fündig, der über Saarbrücken schreibt: »Es ist kleiner wie Krefeld, nicht so klein als Leverkusen, aber fast genauso groß als wie Mülheim an der Ruhr.« Da kreisen die spitzen Gegensätze so lange umeinander, bis alles rund ist. Darauf angesprochen, bestätigt Reinhard Klimmt, der in Osnabrück aufgewachsene, sozialdemokratische Erz-Saarbrücker, dass die bewegliche Koexistenz der Gegensätze »ein saarländischer Charakterzug« sei. Der zeigt sich nicht zuletzt in den Eskapaden und Affären, die der Politik des Saarlands und ihrer Hauptstadt Farbe verleihen.
Am 5. September, dem Tag der Landtagswahl, wird in Saarbrücken auch der Oberbürgermeister gewählt. Oder eine Oberbürgermeisterin?
Der Zug fährt ein. Der Bahnhof liegt nördlich. Drei Erkundungsrouten bieten sich an: die westliche, die östliche und die südliche.
»Ich bin festgeklebt«, sagt einer, der sich als »Hartz Vier« vorstellt
Ungefähr 100 Stadtstreicher verzeichnet Saarbrückens Armutsbericht. Auf dem Weg nach Westen stellt sich bald der Eindruck ein, man sei ihnen allen begegnet. Die Straße führt in den Stadtteil Unteres Malstatt, und die Ladenfront sieht aus wie die Zahnreihe, mit der die PDS auf Plakaten gegen die Gesundheitsreform mobil macht. Ansonsten finden sich mehr Spielhallen als anderswo, mehr Secondhand-Läden, und – ähnlich wie im westlichen, entindustrialisierten Ruhrgebiet – wenige Straßenschilder. Man bleibt eh im Quartier. »Ich bin festgeklebt«, sagt einer, der sich als »Hartz Vier« vorstellt. Fast ein Viertel der Anwohner lebt von der Sozialhilfe. Ein Stadtteilbüro organisiert seit 25 Jahren Kinderfeste, Nachbarschaftshilfe, billiges Essen und eine Stadtteilzeitung. Zwischen ihren Zeilen verschafft sich der Frust über die Passivität der Malstatter Luft.
Wenige Schritte weiter, und man ist in Burbach, wo es ähnlich zugeht wie im Unteren Malstatt. Vor Jahren noch verband sich der Name dieses Stadtteils mit Betriebsbesetzungen unter den Klampfenklängen von Hannes Wader, roten Fahnen und ausgepfiffenen Gewerkschaftsführern. Heute fällt vielen Menschen bei »Burbach« der Kinderschänderfall »Pascal« ein. Erfreuliches gibt es in Burbach aber auch, und zwar an einer Hochstraße namens »Hochstraße«. Die eine Front säumen zwar zerfallende Mietshäuser, die andere indes gibt den Blick frei auf ein betriebsames Gewerbegebiet.
Nicht weit von hier blüht der IT Park Saarland, in dem auch Gebäude der alten Metallindustrie ihren Dienst tun, nur wird drinnen nicht mehr gegossen und gezogen, sondern programmiert. Die Universität, das mit Kaiserslautern geteilte Zentrum für Künstliche Intelligenz, ein bestehendes sowie ein soeben beschlossenes Max-Planck-Institut bilden den Kern eines Clusters einschlägiger Unternehmen. Die Software-Firma IDS Scheer, aus der Uni ausgegründet, beschäftigt 2000 Mitarbeiter. Ist das, begleitet von Einsprengseln spezialisierter Metallindustrie, bereits der Strukturwandel der Kohle- und Stahlindustrie?
Eigentlich schon. Doch von den etwa 100000 in Saarbrücken beschäftigten Arbeitnehmern sind 65 Prozent Einpendler. Trotz neuer Arbeitsplätze verharrt die Arbeitslosenquote Saarbrückens über 15 Prozent. Alle drei Anwärter auf das Oberbürgermeisteramt, Charlotte Britz (SPD), Josef Hecken (CDU) sowie der amtierende grüne Bürgermeister Kajo Breuer stimmen daher in einem Punkt überein: Saarbrücken braucht Zuzug, damit das hier verdiente Geld auch hier ausgegeben wird.
Woher soll der Zuzug kommen? Die SPD-Frau spricht von neuen Bahnhöfen, Tunneln, Grünanlagen, von einer Metropole zum Erleben, Erholen, Einkaufen. Und da die Stadt, in der 182000 Menschen wohnen, mit 500 Millionen Euro verschuldet ist, spricht Charlotte Britz auch davon, dass das Land, der Bund und Europa Geld locker machen müssen. So hat es Oskar Lafontaine, der berühmteste OB der Stadt, auch gehalten.
Im Unteren Malstatt und in Burbach sind das Zukunftspläne, weit weg. Doch gerade hier, auf dem Terrain des Ortsvereins von Reinhard Klimmt, muss die Partei Stimmen sichern. Der Unmut über Hartz IV richtet sich zwar nicht gegen die Saar-SPD, die immer noch als »Gerechtigkeitspartei« gilt. Aber die Basis bröckelt. Da helfen nur Hausbesuche. Man hört der Kandidatin zu, denn die 46-jährige Sozialdezernentin mit den roten Haaren kennt sich aus bei den Leuten und ist nett. Ihr Wahlslogan kapitalisiert diese Eigenschaft: »Es geht auch menschlich.« Zu Lafontaine hält sie Abstand; vielleicht auch, weil der nicht so nett ist. Die Konkurrenz hält ihr vor, sie sei nachgerade zu nett: harmlos. »Von Frauen sagen das die Herren ja gerne«, kontert sie, die aus der Frauenarbeit kommt.
»Vive la Charlotte!«, ruft der alte Weinhändler der SPD-Kandidatin zu
Es dürfen sich auch Parteigenossen gemeint fühlen, die den Alphamännchen hinterhertrauern. Diese – wie Lafontaine, Klimmt oder der wegen einer Bau-Affäre zurückgetretene SPD-Oberbürgermeister Hajo Hoffmann – hatten jahrelang verhindert, dass unter ihnen jemand groß wurde. Jetzt muss es »La Charlotte« richten, wie der 85-jährige Weinhändler Walter Schmidt sie nennt: »Vive la Charlotte«, ruft er, wenn sie im Laden gegenüber mal wieder bunte Ohrringe kauft.
Sein Geschäft liegt im Osten, nicht im Westen. Um vom Bahnhof dorthin zu gelangen, muss der Fußgänger leider durch die Bahnhofstraße. Die sieht nicht so aus, als würde jemand eigens zum Erleben, Erholen und Einkaufen in die Landeshauptstadt reisen. Doch wer unverdrossen vorwärtsdringt, dem eröffnet sich mit einem Mal ein Platz mit hell getünchten Barock-Häusern, Bistros und noch mehr Bistros. Der Marktplatz St. Johann ist das, Oskars schmuckes Vermächtnis. Von hier aus schlendert man – in Saarbrücken gehen die Fußgänger langsamer als anderswo in Deutschland, das haben Wissenschaftler aus Chemnitz herausgefunden – zum moderat alternativen Nauwieser Viertel: ein Ort der saarländischen Koexistenz, maßvoll multikulti, hier die Müttergruppe, dort das Bordell. In Sichtweite das Rathaus, roter Bau aus der Gründerzeit, etwas zu groß für diese Stadt.
Drinnen arbeitet Kajo Breuer. Der grüne Bürgermeister schwärmt vom urbanen Leben, dem Nauwieser Viertel und dem St. Johanner Markt; er selbst stammt aus Mönchengladbach. Das Amt fiel ihm vor zwei Jahren zu, nach dem bundesweit beachteten Rücktritt des sozialdemokratischen Platzhirschs Hoffmann. Damals bestimmte eine schwarz-grüne Mehrheitskoalition im Stadtrat, die vorwiegend durch gemeinsame Abneigung gegen die SPD zusammengehalten wurde. Das führte nicht weit, und im vergangenen Oktober trennte man sich. War also doch kein »Modell«.
Anlass für die Kündigung von Schwarz-Grün war ein kleines Areal namens Beethovenplatz, umgeben von Wohnhäusern, auf dem Bäume und parkende Autos einander abwechseln. Die Grünen wollten partout einen Garten daraus machen. Wegen so etwas zerbricht eine Koalition? Die Frage ist dem Grünen Breuer peinlich. Er galt vor zwei Jahren als Übergangsbürgermeister. Heute sagt man, er sei im Amt gewachsen. Aber die Wahl kann er nicht gewinnen. Dafür sagt er kluge Dinge. Etwa, dass das Saarland Peripherie sei – doch wenn man eine Karte zur Hand nimmt, in der die Grenzen nicht eingezeichnet sind, dann sehe man einen Ballungsraum mit vier Zentren: Luxemburg, Trier, Metz und eben Saarbrücken. Mitten in Westeuropa. Eine Frage der Sichtweise, sagt Breuer. Genügt es, die Welt anders zu interpretieren, damit sie sich ändert? Nein, erwidert er, man müsse investieren. Land, Bund, Europa. Das ist dann nicht so originell.
Die Alten können gut Französisch. Die Jungen sprechen krasses Denglisch
Vom Rathaus ist es ein ordentlicher Fußmarsch ostwärts bis zum St. Johanner Friedhof. Hier ruht die Bourgeoisie. Und ein Reichsbahnzentralamtspräsident. Ein Monument sticht hervor: das Familiengrab der Bruchs. Ihre Brauerei gibt es seit 302 Jahren, und Thomas Bruch ist ein rundum beeindruckender Bierbrauer, weit gereist und voller Heimatwitz. Wie alle Montanstädte ist Saarbrücken, obgleich von Weinbau umgeben, eine Bierstadt. Und eine Stadt der Wurst; das gerühmte gute Essen findet sich eher außerhalb, in Frankreich. Dafür heißt die Fleischwurst hier Lyoner. Es gibt auch Lyoner-Döner. Und Französisch können typischerweise nur die Alten sprechen, die Jungen reden krasses Denglisch. Mitten in Westeuropa.
Im Süden der Stadt, jenseits der Saar, sitzt die Landesregierung. Wer dorthin will, muss sich dem Anblick der Stadtautobahn aussetzen, die Saarbrücken vom Fluss trennt. Sie ist der Grund, warum viele Gutverdienende in Saarbrücken zwar arbeiten, niemals aber wohnen würden. Das Monstrum unter die Erde zu zwingen und darüber eine »Stadtmitte am Fluss« zu errichten ist das Ziel eines Planes, den alle OB-Kandidaten verfechten. Das Projekt soll 150 Millionen Euro kosten. Mindestens. Wie soll das gehen? Land, Bund, Europa?
Einzig der CDU-Kandidat Josef Hecken verkneift sich diese Antwort. Er spricht von einer »Vision«, aber in der Jetztzeit müssten weitere Technologiefirmen angeworben und so weiter – aus Hecken sprudelt ein komplettes Programm. Allein: Er redet schnell. Denkt schnell. Der drahtige Mann im Polohemd, früher Referent eines Bundesministers namens Blüm und später Manager eines Großkonzerns, ist so schnell, dass sich die Frage stellt, wie das mit dem saarländischen Tempo zusammenpassen soll. Auch mit dem Tempo der eigenen Partei. Darauf antwortet Hecken nicht.
Unlängst spottete Lafontaine vor vollem Saal, Hecken würde das Lied der Saarbrücker so singen: »Wir sind Saarbrücker und spielen Murmeln und stemmen die Blutwurst mit einer Hand« – wo es doch »Klicker« heißt, nicht Murmeln. Haha. Dass man dem Kandidaten vorhält, er sei ein Zugereister: Das trifft ihn, der wohl selbst merkt, dass er auf Volksfesten fremdelt. »Gut, dass er fremd ist, der ist eben nicht durch Bindungen gefesselt« – diese Meinung gibt es auch, im Unternehmerlager der Stadt. Die brauche einen Anstoß von außen. Aber wenn der fixe Verstandesmensch Hecken den Saarbrückern zu unheimlich ist? Dann schafft’s die La Charlotte. Im Stadtrat, mit dem sie es dann zu tun hätte, überwiegt Schwarz-Gelb – mit einer Stimme.
Bisschen wackelig, oder, Herr Schmidt? »Ach, wir mogeln uns schon irgendwie durch«, lacht der Weinhändler. Vielleicht liegt genau darin das Problem dieser »Terra incognita«, wie August Bebel das Saarland einmal nannte.
- Datum 19.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.08.2004 Nr.35
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