Das Schmerzlichste hat sich ereignet", schreibt Schellings Schwägerin Julie Gotter ihrem Neffen Hermann von Schelling am 21. August 1854 aus Bad Ragaz, "ein paar Tage nach Deiner Abreise ist der gute Vater krank geworden und gestern abend halb 8 Uhr verschieden. Sein Hintritt war so sanft, wie ich ihn noch nie gesehen." Wie in den Jahren zuvor war Schelling von Berlin aus mit der Eisenbahn in den Graubündner Kurort gefahren, diesmal, um eine hartnäckige Bronchitis auszukurieren. Sein ergebenster Münchner Schüler, der inzwischen zum Bayernkönig gekrönte Maximilian II., ließ in den Grabstein des Verehrten die Inschrift meißeln: "Dem ersten Denker Deutschlands".

Diese Einschätzung entsprach damals mitnichten allgemeiner Überzeugung. "Schelling hat sich überlebt", war der allgemeine Tenor. Die Alt-Hegelianer, die Hegels Berliner Geistesburg fest in ihrem Besitz glaubten, höhnten 1841, als der eben an die Regierung gelangte Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. Schelling an die dortige Universität berufen ließ: Schelling sei bereits vor 30 Jahren durch Hegel "fürstlich zu Grabe getragen worden". Seither habe die gebildete Welt von ihm kein Werk mehr von Belang zu lesen bekommen. Schelling ruhe seitdem "wie im Grabe der Vergessenheit; alle wahrhaft lebendigen Philosophen hatten sich dem die Herrschaft innehabenden Hegel zugewandt". Deutlicher war die Hegelsche Linke.

Den früheren Lichtmenschen Schelling sah Heine schon 1827 in die Schlingen der Münchner katholischen Kongregation um Görres, Döllinger und Baader verstrickt. "Wie ein armseliges Mönchlein" sei er "geisterhaft herumgeschwankt". Friedrich Engels, der Schellings Kolleg von 1841/42 über die Philosophie der Offenbarung hörte und ihn mit Artikeln und Streitschriften begleitete, warnte Schelling davor, das Erbe Hegels zu schänden. Engels rief seine Getreuen zur "großen Entscheidung, der Völkerschlacht" gegen Schelling auf. Kaum minder emphatisch hatte er zu Beginn der Schellingschen Vorlesungen im Telegraph für Deutschland geschrieben: "Wenn ihr jetzt in Berlin irgendeinen Menschen, der auch nur eine Ahnung von der Macht des Geistes über die Welt hat, nach dem Kampfplatze fraget, an dem um die Herrschaft über die öffentliche Meinung Deutschlands in Politik und Religion, also über Deutschland selbst gestritten wird, so wird er euch antworten, dieser Kampfplatz sei in der Universität, und zwar das Auditorium Nr. 6, wo Schelling seine Vorlesungen ... hält."

Auch Karl Marx interessiert sich für Schelling. Er bittet Ludwig Feuerbach um die Abfassung einer kritischen "Charakteristik Schellings": Schelling sei das "38te Bundesmitglied" (eine Anspielung auf Schellings Berufung in den Staatsrat), die ganze deutsche Polizei samt der Zensurbehörde "stehe zu seiner Disposition". Deshalb sei "ein Angriff auf Schelling indirekt ein Angriff auf unsere gesamte und namentlich auf die preußische Politik". So weit Karl Marx.

Schelling wurde am 27. Januar 1775 in Leonberg, unweit von Stuttgart, geboren, und zwar als Sohn eines Pfarrers und Diakons und späteren Professors am Höheren Seminar des Klosters zu Bebenhausen. Das ungemein begabte Kind besucht die Lateinschule in Nürtingen, wo ihn der ritterliche Hölderlin vor den Schlägen älterer Schüler schützt und ihm das Schreiben des mündlich längst – mit acht Jahren – beherrschten Latein beibringt. Der frühreife Knabe bekommt anschließend die Sondererlaubnis, seine Hebräisch- und Arabischkenntnis unter der Leitung des eigenen Vaters in Bebenhausen zu perfektionieren, während Reuchlin sich seiner Weiterbildung im Griechischen annimmt.

Im Jahr 1790, erst fünfzehnjährig, wird das Wunderkind mit gewissen Bedenken als Ausnahmefall ins Tübinger Stift zugelassen. Schelling wird dort – eine einzigartige Fügung der Geistesgeschichte – Stubenkamerad von Hegel und Hölderlin. Sie sind fünf Jahre älter als er und gehören zur Generation der Beethoven und Napoleon. Es ist nützlich, sich dies klarzumachen, wenn man von den Kulturgeschichten verführt wird, sich Schellings Rolle im deutschen Idealismus als die eines Vermittlers zwischen Fichte und Hegel vorzustellen. Tatsächlich hat Schelling gleichzeitig mit dem dreizehn Jahre älteren Fichte seine ersten philosophischen Gehversuche unternommen, und er wird nach Hegels Tod (1831) mit einer weithin beachteten Hegel- und Idealismuskritik aufwarten.

Die Fügung von Schellings Zusammentreffen mit Hegel und Hölderlin hat manche Historiografen des Idealismus dazu verführt, das Tübinger Stift dieser Zeit in verklärender Sicht darzustellen. In der Tat sind ja bedeutende Persönlichkeiten aus dieser Universität hervorgegangen – vor und neben den drei Idealisten zum Beispiel der Physiker und Astronom Johannes Kepler, der Logiker Gottfried Ploucquet, der kritische Theologe David Friedrich Strauß, die Dichter Wilhelm Hauff, Gustav Schwab, Eduard Mörike, Georg Herwegh, Friedrich Wilhelm Waiblinger. Dennoch besteht kein Anlass zur Verherrlichung eines Instituts und einer Lebensepoche, die viele Stiftler mit einer Zwangsinternierung und einer Tortur verglichen haben – darunter Schelling selbst.

Früh brodelte der Geist der Französischen Revolution. Die Übersetzung der Marseillaise hätte Schelling fast das Consilium Abeundi – den Schulverweis – eingebracht. Und stolz antwortete er dem Herzog von Württemberg auf eine hochnotpeinliche Inquisition: "Durchlaucht, wir sind alle mannigfach fehlbar" – alle, mithin auch der Herzog. Die revolutionären Denker Rousseau und Kant mussten die Stiftler – ohne elektrisches Licht – unter der Bettdecke lesen. Als der "alles zermalmende Kant" alternd über einen "moralischen Gottesbeweis" nachzudenken begann, disponierte die Tübinger Orthodoxie um und ließ den maßvoll gewordenen Zerstörer aller theoretischen Gottesbeweise als Lektüre zu. Und Schelling? Der überzeugte Schüler des "enragierten Kantianers" und Repetenten Immanuel Carl Diez ("enragiert" hieß die äußerste Linke der Jakobiner) sprach gegenüber Hegel vom Tübinger "Priestertum, das neuerdings Vernunft heuchelt". Seine damalige Einstellung zur Religion brachte er Jahre später in einer Knittelversdichtung auf den Punkt: "Drum hab’ ich aller Religion entsagt, / Keine mir jetzt mehr behagt, / Geh weder zur Kirche noch zur Predigt, / Bin alles Glaubens rein erledigt."

Eine Hauslehrerzeit in Leipzig nutzt Schelling zu gründlichen Studien der Naturwissenschaft. Danach ereignet sich die zweite große Fügung seines Lebens: der Ruf an die Universität Jena (1798), wo er ein Jahr neben Fichte lehrt und im Kreis der Frühromantiker aufs freundlichste aufgenommen und ermutigt wird. Der Geist der "Symphilosophie" ergriff die Dichter, so wie Schelling sich zur "Sympoesie" begeistern ließ. Gewiss hat Schelling auch durch Hölderlin Impulse zur Konzeption einer Ästhetik empfangen; seine große kunstphilosophische Leistung wäre aber doch ganz undenkbar ohne die ungemein intensive Anregung, die er dem Romantikerkreis verdankt, zu dem er fortan mit einem gewissen Recht hinzugezählt wurde: als der "Philosoph der Romantik".