Im Frühjahr schon werden die Räumkommandos anrücken. Dann ist er endlich weg, der Scheußling, fort aus Berlins Zentrum, raus aus der Erinnerung. Zu dumm nur, dass die Hauptstadt auch ohne den Palast der Republik keins ihrer Probleme los ist. Im Gegenteil, durch Abriss wird die Malaise noch wüster.

Das fängt beim Technischen an: Der Palast ist elf Meter tief in den Berliner Sand gegraben, und wenn man ihn abreißt, beginnt sich die Erde zu bewegen, womöglich auch der Dom gegenüber. Deshalb ist der Abbau kompliziert wie ein Neubau und auch so teuer. 60 Millionen Euro prognostizieren manche Schätzer, 60 Millionen für Bauschutt. Klingt nicht gerade nach einer guten Investition, jetzt, da Arbeitslosen die Gelder gekürzt werden.

Muss trotzdem sein, sagen viele. Das alte Schloss soll wieder her, und das stand nun mal dort, wo heute der Palast steht, deshalb weg damit. Das ist freilich zu kurz gedacht. Denn eigentlich nützt der Palast den Schlossfreunden. Allein seiner Ungeschlachtheit verdanken sie es, dass sich etliche Zeitgenossen mit der Idee eines Wiederaufbaus anfreunden mochten. Gedeihen hingegen auf dem Schlossplatz erst Bäumchen und Rabatten, so wie geplant, wird es für keine Bundesregierung mehr zwingende Gründe für den Milliardenbau geben. Wer das Schloss will, muss den Palast stehen lassen.

Ein Abriss hingegen ist ein Akt der Stadtverstümmelung. Berlins Leere wird noch leerer und würgt das Kulturleben ab, das gerade erst den Palast für sich entdeckt. Am Freitag beginnt das Volkspalast-Festival mit Tanz, Lesung, Kunst und öffnet den siechen Bau der Stadt. Die BDI-Manager waren auch schon zum Feiern da, McKinsey plant große Partys.

Das mag man als Ruinenromantik oder subkulturelles Retrogedusel belächeln. Man kann das Festival aber auch als Entgiftungskur begreifen. Ein Sofortabriss machte den Palast zum Märtyrer, zu einem Symbol für die Geschichtsentsorgungspolitik der BRD. So jedoch, durch die Einkehr der Kultur, kommt der Bau im Heute an. Und beschert dem abends verödeten Zentrum ganz nebenbei noch munteres Nachtleben.

Warum diese Idee nicht unterstützen? Warum nicht das Interesse an der DDR schüren und deren Demystifizierung befördern? Warum hier keine DDR-Ausstellung, als Dependance des Deutschen Historischen Museums?

Wenn doch einmal das Schloss kommt, lässt sich der Palast immer noch abreißen. Oder aber man ist schlau, nutzt Teile seiner Stahlbetonkonstruktion fürs neue Humboldt-Forum – und spart damit noch Geld. Genau so hätten die alten Schlossbaumeister gehandelt. Sie schonten das Bestehende und integrierten mittelalterliche Bauten in ihr barockes Ensemble. Wer hingegen abreißt, stellt sich gegen die Tradition und handelt im Sinne einer Moderne, die geschichtsvergessen von der Tabula rasa träumte. Vom Schloss lernen heißt also den Palast bewahren, ihn sich aneignen, an ihm weiterbauen. Und seine Hässlichkeit hinnehmen, so wie einst Schinkel das Schloss hinnahm. Er fand es ganz unausstehlich und hätte es gern dem Erdboden gleichgemacht.