Rechtschreibreform Jetzt schrei’m se schon Scheefahunt mit th
Wer sind die Todfeinde der Rechtschreibreform? Woraus nährt sich ihr Hass? Woher kommen die Verzweiflung und die Lust am Aufstand? Eine kleine Typenkunde der Scharfmacher und Mitläufer
Der Großschriftsteller hat der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die den Kampf gegen die Pfuschreform begann, erst die nötige Deckung gegeben. Ohne ihn hätte die FAZ ihr beherztes Werk nicht tun können. Denn er ist nicht der Benützer der Sprache, sondern ihr Pate. Er ist nicht ihr Diener, sondern ihr König. Wer die Sprache, und sei es nur ihre Schreibung, angreift, greift ihn an. Die Pfuscher in den anderen, den reformgeneigten Redaktionen behaupten, Sprache sei ein organisches Gebilde. Das mag vielleicht einmal so gewesen sein, aber nur, bis ER kam. Der Großschriftsteller hat die Sprache in die Vollendung getrieben und ihr die Totenmaske aufgesetzt. Dass die Sprache unter der Maske weiterwuchert, dass Kultusminister, die keinen geraden Satz schreiben können, an der Leiche herumpfuschen, darf nicht sein. Der Großschriftsteller ist alt, aber sein Zorn hält ihn jung. Kürzlich hat er einen Film von Sidney Lumet gesehen, Network. Darin fordert ein verwirrter TV-Moderator seine Landsleute auf, das Fenster zu öffnen und »denen da oben« zuzubrüllen: »Wir lassen uns das nicht länger gefallen! Ihr könnt uns alle am Arsch lecken!« Und die Leute brüllen, und die Städte hallen wieder von ihrem Gebrüll. Als der Großschriftsteller die Szene sah, fiel ihm auf, dass er dasselbe getan hatte. Er hatte gebrüllt und auf das Echo der Straße gewartet. Es war ein geiles Gefühl gewesen, so viele Leute brüllen zu hören. Zum ersten Mal im Leben hatte der Alte seine Leser geliebt. kü
Der Putschist hat einen Kreis von Ehemaligen um sich versammelt. Früher haben sie mit Sit-ins gegen das »Schweinesystem« gekämpft, heute treffen sie sich im Hinterzimmer eines italienischen Restaurants, um über die »Schlechtschreibreform« zu reden. Dem Volk müssen endlich die Augen geöffnet werden, sonst bleibt es blind für den Ausverkauf des deutschen Kommas. Eine ganz kleine Clique sprachfremder Bürokraten hat versucht, aus den Spaghetti das h herauszubomben. H wie Heimat. Diese Heimat gilt es zu verteidigen, das ist der Kampf für eine Demokratie, die den Namen verdient. Schluss mit der Parteienherrschaft. »Dem Volke dienen«, das ist die letzte Maxime des Großen Vorsitzenden, in der die Rechtschreib-Putschisten von heute ihrer maoistischen Überzeugung von gestern treu bleiben. jgj
Der Beraubte lebt in der Vergangenheit. Sein Alltag besteht darin, zurückzurechnen und zurückzuübersetzen. Sein Geist ist eine melancholische Wechselstube. Er kauft einen Sack Äpfel für drei Euro und kalkuliert, dass er für sechs Mark neun Pfund Äpfel und noch drei Bananen obendrauf bekommen hätte. Dann übersetzt er eine blöde Zeitung zurück in die alte Rechtschreibung und weint. Der Beraubte hat zwei Staatsverbrechen größten Stils erleben müssen, einen Taschendiebstahl und einen Mundraub. Man hat ihm die Mark aus dem Hosensack und die Sprache von der Zunge weggestohlen. Nun sind seine Lippen dünner als die von Rolf Schneider. Und sein Gesicht ist faltig vom vielen »Schifffahrt!«-Sagen. Bei allem Grimm spürt der Beraubte eine bittere Ausgelassenheit. So finster glücklich war er noch nie. In seinem Inneren tobt ein Aufstand gegen die Obrigkeit, der erste in seinem Leben. Berauscht schläft er ein. In seinem Traum schließen sich alle Länder Deutschland an und ihre Zeitungen kehren zur alten Weltschreibung zurück, El Pais, La Stampa, Dagens Nyheter, De Volkskrant, Hürriyet, Observer, Le Monde , Gazeta Wyborcza und selbst die Times of India. kü
Der Meinungsführer interessiert sich nicht für Orthografie; dafür hat er Schlussredakteure. Er ist der Chefredakteur, der Herausgeber, der Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns, das heißt: Er ist wie jeder Jounalist ein universeller Dilettant, der perfekte Simulant der Belesenheit. Er schindet Eindruck mit geflügelten Worten, die ihm seine Dokumentare herausgesucht haben: Fontane, Chesterton, Hobbes. Wenn Argumente nicht einmal mehr zu erfinden sind, redigiert er in die Leerstellen Ausrufezeichen hinein. Er inszeniert sich als Retter des Deutschen, auch wenn er nicht weiß, dass zwischen Sprache und Schrift ein Unterschied besteht. Er will beweisen, dass man auch mit der gemäßigten Kleinschreibung so schöne Schlagzeilen machen kann wie mit Dieter Bohlens Penisbruch. Sein Sport ist nicht länger Golf, sondern das Zurückrudern. Von seiner Kondition ist er überzeugt: »Das halten wir durch, für immer.« Wer ihm Populismus vorwirft, den diffamiert er als Büttel des Staates. Von seiner Datsche im Sommerloch aus diktiert er immer neue Superlative: »monströs, Abgrund, Desaster, ruinös, nationale Katastrophe, Anschlag auf die Integrität unserer Kinder, die groteskeste Reform, die es im geistigen Leben der letzten 100 Jahre gegeben hat«. Auf der Datsche umgarnt er seine Konkurrenten, damit sie mit ihm gemeinsame Sache machen. Dann zählen sie ihre Truppen – 50 Millionen Leser! Der Meinungsführer hat keine Angst vor Meinungen, die sich widersprechen. Er kann in der Rechtschreibreform sowohl den letzten Sabotageakt der DDR als auch ein Projekt in der Tradition der Nazis sehen. Eines hat er aus beiden Diktaturen gelernt: Man muss den Gegner pathologisieren. Nur Geisteskranke und Legastheniker sind für die Reform. Die Konsequenz zu ziehen überlässt er den agitierten Lesern, die in ihren Briefen zur Tat schreiten: wegsperren, ruhig stellen. Der Meinungsführer jagt nicht einfach nur die nächste Sau durchs mediale Dorf. Er ist Tier und Treiber in einem. cis
Der autoritäre Charakter spricht gern von »rechtsfreien Räumen«. Er selbst lebt von Altreifenhandel, Altölentsorgung oder irgendeinem anderen Altdelikt. Die Behörden, die ihm nicht draufkommen, verachtet er wegen ihrer Laschheit. Überall nimmt die Disziplinlosigkeit überhand, das merkt er an sich selbst am besten. Seinem Schäferhund, mit dem er den Wohnwagen teilt, würde er »das alles nicht erlauben, wo kämen wa denn da hin!« Die ganze Gesellschaft ist seiner Meinung nach ziemlich weit in eine ungute Richtung vorangekommen. »Jetzt schrei’m se in der Schule schon Scheefahunt mit th.« Er hat sich aus der Bild- Zeitung einen Sheriffstern ausgeschnitten, auf dem steht »Rettet die deutsche Sprache«. Vielleicht arbeitet er auch schwarz in der Bild- Zeitung und hat den Sheriffstern entworfen. Vielleicht leitet er die Bild- Zeitung und hat sich selbst angestellt. Mit seinem Bewährungshelfer versteht er sich schon lange nicht mehr. »Aba was vasteht der schon.« jgj
Der Demagoge ist Gymnasiallehrer oder Professor für Alte Geschichte, aber leider schon pensioniert. Ein Bild von Cicero hängt über seinem Nachttisch. Gleich morgens nach dem Aufstehen zieht er sich die Maske altrömischer Empörung übers Gesicht. »Sie haben dem Tron das H gestohlen, wie unverhohlen!« Auch Marc Anton ist ein Vorbild. »Freunde, Römer, Rechtschreibgegner, leiht mir eure Ohren!« Wenn er selbst zuhörte, würde der Demagoge vernehmen, dass die Eindeutschung von Fremdwörtern auch nach der neuen Rechtschreibung optional ist. Zum Glück hat er Ohrstöpsel. Denn der Demagoge macht sich nichts aus falschen Beispielen, solange sie gut klingen. Aus seiner Betttruhe (die er auch vor Jahren schon mit drei T schrieb, aber das hat er verdrängt) holt er die Ausrüstung: eine Flasche Emotionen, ein Quäntchen Manipulation und einen Umhang aus Pseudoargumenten. Er lechzt nach der Empörung der Masse, je größer die Panik auf der Straße, desto höher sein Adrenalinspiegel. Der Demagoge pudert seine Nase und entblößt die Zähne. Das Volk wartet. nfm
Der Nicht-Schreiber hat seine letzte Ansichtskarte vor elf Jahren aus Teneriffa geschickt und die wenigen Worte extragroß geschrieben. Seitdem ist er nie mehr in die Verlegenheit gekommen, etwas zu Papier zu bringen. Das Schreiben ist dem Nicht-Schreiber abhanden gekommen wie die lästige Verwandtschaft, die ins Altersheim am anderen Ende der Stadt gezogen ist und sich seitdem nicht mehr gemeldet hat. Zum Glück, denn die Rechtschreibung war ihm von jeher ein Buch mit sieben Siegeln, verfasst von Quälgeistern einer feindlichen Macht. Dass diese Quälgeister nun durch die Rechtschreibdebatte in die Kritik geraten und Chefredakteure mit ihnen endlich Schluss machen wollen, ist ihm eine tiefe Genugtuung. Die Beispiellisten merkwürdiger Schreibweisen, die er in den Boulevardzeitungen liest, erinnern ihn ungut an das Chaos, das auf seiner TV-Fernsteuerung herrschte, als die Kinder versehentlich sämtliche Senderplätze verstellt hatten. Beim Kreuzzug gegen die Rechtschreibreform beteiligt sich der Nicht-Schreiber deshalb meinungsstark – aber nur mündlich. spa
- Datum 19.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.08.2004 Nr.35
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